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Verena Becker : Eine offene Wunde

„Einstimmig beschlossene“ Ermordung

Das gab Anlass für Verschwörungstheorien, denn immerhin fand sich dieser Hinweis in einem Schaubild des damaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes Herold selbst. Doch nirgends fand sich ein Gutachten oder ein Beleg dafür. In der Bundesanwaltschaft vermutet man, dass hier schlicht ein Fehler passierte. Jedenfalls ergab die Auswertung der DNA-Funde im fraglichen Motorradhelm: Keine Spur von Verena Becker.

Mittlerweile sind die Verfassungsschutzunterlagen über Frau Becker nicht mehr gesperrt. Der frühere Bundesinnenminister Schäuble (CDU) hatte eine Freigabe mit Blick auf den Informantenschutz abgelehnt. Frau Becker hatte sich in der Haft dem Verfassungsschutz anvertraut. Die Bundesanwaltschaft hatte Zugang sowohl zu einem Auswertungsvermerk von 89 Seiten als auch zu einem „Operativvermerk“ von 227 Seiten. Am 23. Dezember 2009 wurde der Haftbefehl aufgrund ihrer Haftbeschwerde vom 11. November 2009 vom Bundesgerichtshof aufgehoben und Becker aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Karlsruher Richter bewerten Beckers Tatbeteiligung eher als Beihilfe, zwingend erforderliche Haftgründe zur Anordnung der Untersuchungshaft seien nicht mehr vorhanden. Am 8. April erhob die Bundesanwaltschaft Anklage. Mittlerweile kann sie fast alle gesperrten Akten des Bundesverfassungsschutzes zu dem Buback-Attentat verwenden. Ende Juli ließ das Oberlandesgericht Stuttgart die Anklage zu.

Verena Becker hat nach Ansicht der Bundesanwaltschaft „maßgeblich“ an der Entscheidung für den Mordanschlag auf Generalbundesanwalt Buback und seine Begleiter im April 1977 mitgewirkt, ebenso an der Planung und Vorbereitung sowie an der Verbreitung der Selbstbezichtigungsschreiben. Frau Becker soll sich mit anderen RAF-Mitgliedern nach den Erkenntnissen der Ermittler seit 1975 im Jemen aufgehalten haben. Ihr Ziel sei es gewesen, die in Deutschland inhaftierten Terroristen freizupressen und Attentate auf Repräsentanten der Bundesrepublik zu begehen. Sie habe seitdem zur Führungsgruppe der Terrorgruppe gehört. Den Auftakt der Anschlagsserie habe die „einstimmig beschlossene“ Ermordung Bubacks bilden sollen.

Verena Becker spielte eine „maßgebliche“ Rolle bei dem Mord

Frau Becker soll in den Diskussionen, die zu dieser für alle RAF-Mitglieder verbindlichen Entscheidung führten, nachdrücklich darauf gedrungen haben, das von den inhaftierten Terroristen Baader, Ensslin und Raspe vehement geforderte Attentat zu verüben. Darüber hinaus trat sie nach Ansicht der Bundesanwälte bei den konkreten Tatplanungen im November 1976 im Harz und zum Jahreswechsel 1976/1977 in Holland „permanent dafür ein, den Mordanschlag durchzuführen“.

Sie war demnach auch dabei, als am 6. April 1977 zwei RAF-Mitglieder den Ort des geplanten Attentats in der Karlsruher Innenstadt ausspähten. Einen Tag später gegen neun Uhr lauerten zwei Täter Bubacks Dienstwagen auf. An einer Ampel schossen sie mit einem Selbstladegewehr mindestens fünfzehnmal durch die Seitenfenster. Anfang Mai 1977 wurde Frau Becker zusammen mit dem RAF-Mitglied Günter Sonnenberg in Singen festgenommen. Dabei versuchte sie, mit dem bei dem Attentat eingesetzten Gewehr, das sich zunächst in Sonnenbergs Rucksack befunden hatte, auf die an der Festnahme beteiligten Polizeibeamten zu schießen. Unmittelbar danach nahm die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen sie wegen ihrer möglichen Beteiligung an dem Buback-Mord auf.

Der Tatvorwurf konnte damals aber „nicht mit der für die Erhebung einer Anklage erforderlichen Sicherheit bewiesen werden“, das Verfahren wurde nach drei Jahren eingestellt. Im April 2008 wurde es wieder aufgenommen. Die Gesamtwürdigung aller Beweismittel belegt nach Ansicht der Bundesanwaltschaft, dass die Angeschuldigte eine maßgebliche Rolle bei dem Mord spielte. Gerichtsverwertbare Vermerke des Bundesamts für Verfassungsschutz von 1981 und 1982 bestätigten diesen Verdacht.

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