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Vereinte Nationen in Bonn : Hilfe für Investoren in Afrika

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Die Vereinten Nationen in Bonn: Das ehemalige Regierungsviertel mit Posttower (l), UN-Campus (Mitte) und Congress-Center, Bild: dpa

Die Vereinten Nationen sind mit 20 Organisationen in Bonn vertreten. Vor zwei Jahren hat die für industrielle Entwicklung zuständige UNIDO hier die Arbeit aufgenommen. Ihr Investitions- und Technologieförderungsbüro nimmt vor allem Afrika in den Fokus.

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          „Wir füllen eine Lücke“, sagt Rolf Steltemeier. „Mit der Stärkung des unternehmerischen Sektors bei Klimaschutz, erneuerbaren Energien und im ressourcenschonenden Agrobusiness können wir eine nachhaltige Entwicklung anstoßen.“ Der frühere Büroleiter des verstorbenen ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel setzt mit dem von ihm geleiteten Investitions- und Technologieförderungsbüro (ITPO) auf Eigeninitiative. Mit seinem Team hat er bereits diverse Projekte vorangetrieben. „Wir verstehen uns als Netzwerker, die Firmen in Deutschland und Europa mit Unternehmen zusammenbringen, die schwerpunktmäßig aus der Subsahara kommen.“

          Das vor zwei Jahren gegründete ITPO-Büro ist eine der jüngsten Organisationen der Vereinten Nationen, die sich am Rhein niedergelassen haben. 20 Jahre nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin hat sich die „Bundesstadt“ zu einem wichtigen Standort der Vereinten Nationen entwickelt. Im Zentrum stehen Klimaschutz, Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit, symbolisiert durch den 18-stöckigen UN-Erweiterungsbau. In den Turm wird nach der Fertigstellung – voraussichtlich Ende nächsten Jahres – das UN-Klimasekretariat mit einigen hundert Mitarbeitern einziehen. Dagegen nimmt sich die achtköpfige ITPO-Mannschaft bescheiden aus.

          Antworten auf die aktuellen Debatten um Migration, den Anstieg der Erdtemperatur und das internationale Nord-Süd-Gefälle will ITPO liefern. Direktor Steltemeier, ein Politikwissenschaftler und habilitierter Philosoph, war zuletzt Ministerialdirigent im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Gerade dass er in seiner jetzigen Funktion „kein Geld verteilt“, sieht er als Startvorteil.

          Ziel ist, Kontakte zu anderen UN-Organisationen und in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit herzustellen. Aber man nutzt auch direkte Drähte in die Bundesregierung und zur Wirtschaft. Natürlich kennt die kleine Mannschaft auch Geldgeber, die als Förderer infrage kommen. Man residiert in der 19. Etage des „Langen Eugen“, dem umfunktionierten ehemaligen Abgeordnetenhochhaus am UN-Campus.

          Dort – fern von Berliner Hierarchien – etwas bewegen zu können, wo einst die eigene Berufslaufbahn begann, betrachtet Steltemeier als Herausforderung. „Wir können ziemlich unbürokratisch agieren und Partner für zukunftsträchtige Vorhaben gewinnen“, erzählt der ITPO-Leiter. „Wenn wir mit unserer Arbeit am Ende dazu beitragen, dass Menschen nicht mehr nur in der Flucht die Rettung sehen, sondern sich im eigenen Land engagieren, haben wir viel erreicht.“

          Unter der Flagge der UN zu segeln, sei der „unique selling point“, so Steltemeier. Das schaffe Vertrauen. „Wir betreiben eben keine Exportförderung im Auftrag eines einzelnen Staates, sondern suchen neutral optimale Lösungen“, stellt der 51-Jährige fest.

          Senior-Experte Michael Schmidt berichtet von einem „großen Portfolio“, das von Start-ups bis zu Konzernen reiche. „Die brennen alle darauf, in Afrika und anderen entwicklungsfähigen Regionen etwas zu machen.“ Gerade hat der Volkswirt solarbetriebene Wasseraufbereitungsanlagen für Salz- und Schmutzwasser in Kenia begutachtet. Das innovative Konzept schätzt er als kommerziell tragfähig ein. Die afrikanischen Investoren suchen potente Partner, um sich auf dem internationalen Markt behaupten zu können.

          Wie Schmidt ist auch Senior-Expertin Vanessa Völkel ständig unterwegs. Erst kürzlich war sie in Namibia. In der ehemaligen deutschen Kolonie hat im Februar die thüringische Firma Polycare ein innovatives Wohnungsbauprojekt begonnen. Das Material der Steine besteht aus Wüstensand und Polymerharz. Das System ist mit Unterstützung der Bauhaus-Universität Weimar ausgetüftelt worden und könnte nach Ansicht von Experten dazu beitragen, die Wohnungsnot in Slums der Dritten Welt zu bekämpfen. „Die Häuser werden aus einem lokal unbegrenzten Rohstoff gebaut und kosten unter 20 000 Dollar“, so Völkel. Sie eigneten sich grundsätzlich auch als Unterkunft für Flüchtlinge.

          Wohnprojekt in Namibia

          An der kleinen Produktionsfabrik in der Hauptstadt Windhoek sind neben Polycare der namibische Staat und zwei heimische Geschäftsleute beteiligt. Man setzt auf eine weltweite Nachfrage. Denn Wüstensand galt bisher wegen seiner besonderen Struktur als ungeeignet für die Bauindustrie. Nun schaut Vanessa Völkel zunächst einmal, ob sich das namibische Modell auf Ostafrika übertragen lässt. Die KfW und die EU haben Interesse angemeldet.

          „Wir möchten, dass afrikanische Unternehmer als Akteure endlich auf dem Weltmarkt wahrgenommen werden“, resümiert Steltemeier. Ein Anfang ist gemacht. „Wenn wir mit unseren Projekten Erfolg haben, wird auch Deutschland von unserer Arbeit profitieren“, prognostiziert der ITPO-Direktor.

          Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Minister Gerd Müller (CSU) hatte sich vehement für die Gründung des ITPO-Büros bei der UNIDO eingesetzt. Bonn ist der neunte Standort weltweit. Die Zufriedenheit darüber, dass sich die Vereinten Nationen von Bonn aus der Industrieförderung in Entwicklungsländern widmen, reicht im Bundestag von den Regierungsfraktionen bis weit in die Opposition.

          Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher der Grünen, warnt allerdings davor, sich bei der „Mammutaufgabe der Industrieförderung in Entwicklungsländern“ allzu sehr auf Privatinvestitionen zu verlassen. Wichtig sei grundsätzlich eine klare Orientierung am Gemeinwohl. Um den Fluchtdruck auf dem afrikanischen Kontinent zu verringern, fordert der Abgeordnete aus Bayern strukturpolitische Maßnahmen als Flankierung. Nötig seien multilaterale Konfliktlösungen, eine engagierte Klimapolitik sowie „endlich gerechte Handelsbeziehungen“.

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