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Verbrechen in Frankfurt : Was man über den mutmaßlichen Täter weiß

Gegenüber der Polizei hatte der mutmaßliche Täter angegeben, vor wenigen Tagen von Basel nach Frankfurt mit dem Zug gefahren zu sein. Gefragt, ob der Mann auf der Flucht gewesen sei, sagte Romann, diese Vermutung liege nahe. In den Systemen der deutschen Sicherheitsbehörden sei er nicht registriert gewesen. Nach bisherigem Kenntnisstand war der Grenzübertritt des Mannes von der Schweiz nach Deutschland legal; er sei nicht kontrolliert worden.

In der eritreischen Community in Hessen löste die Tat große Betroffenheit aus. Ende 2018 lebten in Frankfurt rund 3200 Eritreer. Die Zahl ist zuletzt stark gestiegen; seit 2015 flohen viele Menschen in die Bundesrepublik aus dem Land, dessen Regime als eines der repressivsten Afrikas gilt. Die eritreische Gemeinde in Frankfurt hat ihre Heimatkirche im Stadtteil Griesheim, dort gibt es Begegnungsgottesdienste und Feiern auch zum Thema „Heimat verlassen, Heimat finden“. Rings um den Hauptbahnhof betreiben einige Eritreer kleine Geschäfte. Ein Mitglied der eritreischen Gemeinschaft, das seit 40 Jahren in Deutschland lebt, warnte davor, dass die „schreckliche Tat“ nun „ausgeschlachtet“ werde.

„Mord hat keine Nationalität“

Exakt eine Woche vor der Tat war im hessischen Wächtersbach östlich von Frankfurt ein Eritreer fast getötet worden. Ein Deutscher hatte offenbar aus fremdenfeindlichen Motiven auf ihn geschossen. Damals war Eritrea die Nation des Opfers, nun ist sie jene des Täters, was die Absurdität der Zurechnung schon beweist. „Mord hat keine Nationalität“, sagte dazu Enis Gülegen, der Ausländerbeirat Hessens. Er warnte davor, dass das wachsende Misstrauen durch derlei Taten und durch rechte Hetze die Gesellschaft spalte. Ob die Tat am Frankfurter Hauptbahnhof ein Racheakt für jene in Wächtersbach gewesen sein könnte, wie in der Presse spekuliert wurde, sei „nichts als eine Vermutung“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Für eine Verbindung der beiden Taten gebe es bislang „keine Anhaltspunkte“, es werde in alle Richtungen ermittelt.

Trotz der unklaren Hintergründe wurde die Tat – anders als jene von Wächtersbach oder erst recht der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Anfang Juni – von Seiten der AfD ausführlich kommentiert. Noch vergleichsweise vorsichtig äußerte sich die hessische AfD und forderte eine „sehr ehrliche und ungeschminkte Diskussion über die Ursachen dieser neuen Dimension an Gewaltverbrechen in Deutschland“. Gemeint war die Tat in Frankfurt sowie jene kürzlich im nordrhein-westfälischen Voerde, wo ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen hatte. Georg Pazderski, erster stellvertretender Bundessprecher der AfD, verbreitete am Dienstag eine Mitteilung, in der er einen Zusammenhang zwischen einer „unverantwortlichen Sicherheitspolitik“ und der Tat in Frankfurt herstellte. Es werde verschwiegen, dass die „alltägliche Sicherheit unserer Frauen und Kinder mit der Sicherung unserer Grenzen“ beginne. Der Tod des Kindes sei „ein Fanal und muss die lange überfällige sicherheitspolitische Kehrtwende auslösen“.

Ohne die AfD zu erwähnen, sagte Seehofer zwar, dass der Satz, die Sicherheit beginne an den Grenzen, grundsätzlich richtig sei. Er hatte aber dennoch schon am Montag, gleich nach der Tat, vor vorschnellen Schlüssen gewarnt. Er nehme zur Kenntnis, dass „in Teilen der Öffentlichkeit“ bereits eine Bewertung der Tat in Frankfurt stattfinde. „Dies ist seriös aber erst möglich, wenn die Hintergründe aufgeklärt sind“, sagte der Bundesinnenminister. Am Dienstag wandte er sich gegen eine Vermischung der Frankfurter Tat mit der nach wie vor bestehenden Problematik einer zu großen Zahl illegaler Grenzübertritte. Er wolle dafür sorgen, dass die Grenzen „stärker in den Blick“ genommen würden. Dabei gehe es ihm um „intelligente Kontrollen“ und nicht um Schlagbäume.

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