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Verbote versus Vernunft : Mündige Bürger bezwingen Corona

  • -Aktualisiert am

Vielleicht zu oft ausgestiegen? Ein Rückreisender im Wohnmobil wird im August an der Autobahn 8 getestet. Bild: dpa

Infektionsgeschehen hin, Inzidenz her: In erster Linie kommt es darauf an, was wir tun, nicht wo wir es tun. Doch je komplexer die Regelwerke, desto weniger Raum bleibt für Eigenverantwortung.

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          „Das Verhalten jedes Einzelnen zählt“, schreibt das Robert-Koch-Institut zu Beginn seiner aktualisierten Corona-Strategie. Banal? Vielleicht, aber die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin sollten an der Stelle trotzdem kurz innehalten, bevor sie sich an diesem Mittwoch im Kanzleramt zu vermeintlich „historischen“ Gesprächen treffen. Deutschlands Wohl und Wehe hängt tatsächlich davon ab, ob die meisten Bürger so vorsichtig und vernünftig bleiben – und ob es ihnen die weniger vernünftige Minderheit gleichtut.

          Nicht aber steht zu Beginn der RKI-Strategie: „Der Aufenthaltsort jedes Einzelnen zählt.“ Natürlich ist auch das ein Faktor. Doch man riskiert mit einem Kneipenbesuch in einem Landkreis mit Inzidenz 20 wohl mehr als mit einem Spaziergang durch Berlin-Neukölln, wo der Wert bei 130 liegt.

          Die Beherbergungs- und Einreiseverbote aber sprechen eine andere Sprache. Das Problem ist dabei nicht so sehr ein Geist der „Kleinstaaterei“, wie es oft heißt; der Föderalismus hat sich in dieser Krise als deutsche Stärke erwiesen. Das Problem ist vielmehr, dass die immer komplexeren Landkarten und Tabellen einen falschen Eindruck erwecken: als ginge es eben doch mehr um das Wo als um das Was und das Wie.

          Der Staat kann seine Regeln nicht durchsetzen

          Schon als im Sommer Heerscharen von Reiserückkehrern getestet wurden (viele zu früh, um eine etwaige Ansteckung in der zweiten Urlaubshälfte festzustellen), stand das im Zentrum. Wer nun nach mühsamen Recherchen im Kleingedruckten zum Schluss kommt, eine innerdeutsche Reise antreten zu dürfen, der wird sich weniger selbst prüfen: Sollte ich es tun? In einem rigiden Regelwerk bleibt der Eigenverantwortung kaum Raum. Das ist schon deshalb dumm, weil der Staat die Corona-Regeln kaum durchsetzen kann.

          Nicht nur der bayerische Ministerpräsident Markus Söder warnt mit Recht davor, dass Deutschland die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verlieren könnte. Die Lösung liegt aber nicht darin, die Bürger den Überblick verlieren zu lassen. Sondern darin, sie mit leicht zu findenden und plausiblen Informationen zu einem mündigen Umgang mit der Krise zu befähigen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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