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Verbot der „Hell’s Angels“ : Die im Dunkeln sieht man nicht

  • -Aktualisiert am

An ’nem schönen blauen Samstag: Mehrere hundert Harley-Fahrer demonstrieren 2012 in Frankfurt gegen das Verbot der Hell’s Angels Bild: Hoang Le, Kien

Ein Mann behauptet, die hessische Polizei habe ihm Kokain und Sportwagen finanziert - für Informationen über den Rockerclub Hell’s Angels. Die Behörden widersprechen, bestätigen aber manche Anekdote.

          4 Min.

          Es ist eine Geschichte, die auch als Vorlage für einen bis nach Irland und Israel reichenden Polizeithriller im Rocker- und Rotlichtmilieu taugt. Ausgerechnet wenige Tage vor der Gerichtsentscheidung über das Ende September 2011 vom hessischen Innenminister Boris Rhein (CDU) spektakulär verhängte Verbot der Frankfurter „Charter“ des Rockerclubs Hell’s Angels als kriminelle Vereinigung hat sich ein Informant der Polizei aus seinem Versteck in Israel heraus gemeldet.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Seit Tagen plaudert der heute 43 Jahre alte Daniell M.-D. gegenüber einem Reporter der „Frankfurter Neuen Presse“ sehr detailfreudig über seine 18 Monate als „gefährdeter Zeuge“ in der Obhut der Polizei. Es sind wilde Geschichten, in denen die Ermittler des Landeskriminalamtes Hessen dem Deutsch-Israeli Luxusautos der Marke Porsche und seinen Kokainkonsum mit Steuergeldern finanziert haben sollen - als Gegenleistung für wertvolle Tipps über die kriminellen Geschäfte der Hell’s Angels.

          „Von A bis Z erlogen“

          Zumindest diesen im Wahljahr brisanten Teil der Enthüllungen hat das Landeskriminalamt Hessen hart dementiert: „Die Behauptung, die hessische Polizei habe Leasingraten für Luxuswagen der Marke Porsche und Hummer für Daniell M.-D. übernommen oder ihm diese Fahrzeuge zur privaten Nutzung überlassen, ist falsch. Die Behauptung, die hessische Polizei habe Kokain für Daniell M.-D. bezahlt, ist falsch.“

          Von „A bis Z erlogen“ sei auch M.-D.s Behauptung, dass er als gezielt eingeschleuste „V-Person oder Kronzeuge“ der Polizei seit 2007 die Rockerszene im Frankfurter Bahnhofsviertel infiltriert habe, heißt es in den Sicherheitsbehörden. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt auf Antrag des Innenministeriums wegen Geheimnisverrats offenbar aus den Reihen der Polizei. Zwar wird der Kern von M.-D.s Geschichte von den Landeskriminalämtern Hessen und Rheinland-Pfalz inoffiziell bestätigt.

          Die Polizei schützte M.-D. tatsächlich als Zeugen vor der Rache der Rocker. Doch der nun offengelegte Umgang mit dem Informanten wirft Fragen über die Beurteilung des Zeugen auf. Die Ermittler hatten sich von M.-D. weit mehr gerichtsfestes Material gegen die von Innenminister Rhein als hoch gefährlich eingeschätzten Rockerclub mit dem Totenkopf im Emblem versprochen, als dieser liefern konnte.

          Schneller Zugang zu Szenengrößen

          In Rheins Ministerium versichert man deshalb nachdrücklich, dass Informationen von M.-D. nicht zur Begründung der Verbotsverfügung gegen die beiden Frankfurter „Charter“ der Hell’s Angels dienten, über deren Rechtmäßigkeit der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel am 21. Februar entscheidet. Wie es aus Ermittlerkreisen heißt, tauchte der vorbestrafte M.-D. erstmals Anfang Mai 2010 im Polizeipräsidium Frankfurt auf. In einer Dienststelle, die sich mit organisierter Kriminalität befasst. Was der Mann zunächst glaubwürdig erzählte und an Informationen anbot, elektrisierte die Beamten.

          Der Mann von kräftiger Statur berichtete, dass er das Führungspersonal der Frankfurter Hell’s Angels gut kenne, Informationen über deren kriminelle Geschäfte und korrupte Polizisten liefern könne. Als „Prospect“, der vor der Aufnahme als „Member“ bei den Hell’s Angels stand, habe er Zugang zum inneren Zirkel gehabt. Nach seiner Haftentlassung 2009, so heißt es in der Polizei, tauchte der später wegen Betrügereien an seinen Kunden verurteilte Dachdecker in das Rotlichtviertel rund um den Frankfurter Hauptbahnhof ein, in der Hell’s-Angels-Mitglieder nach Erkenntnissen der Ermittler das Geschäft mit Sex, Drogen und Waffen kontrollieren.

          Der hoch verschuldete M.-D. fand offenbar schnell Zugang zu Szenegrößen, machte sich aber durch seine laxe Zahlungsmoral rasch unbeliebt und suchte Schutz bei den Sicherheitsbehörden. M.-D. habe „Informationen über Bezüge der Hell’s Angels in das kriminelle Milieu mitgebracht“, heißt es dort. Die Polizei, so sah es damals aus, schien erstmals fundierte Einblicke in die abgeschottete Welt der Rocker zu erhalten. Die vom damaligen Innenminister und späteren Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) gerade zur neuen Chefin des Landeskriminalamtes ernannte Sabine Thurau reagierte sofort, zumal sich die ersten Informationen M.-D.s als Treffer erwiesen.

          Geld zum Leben und zur Freizeitgestaltung

          So habe M.-D. dazu beigetragen, „Amtsträger des Geheimnisverrats zu überführen“, die den Hell’s Angels Interna über laufende Ermittlungen gesteckt hatten, heißt es heute. Die oberste hessische Kriminalbeamtin organisierte unter strengster Geheimhaltung eine kleine Arbeitsgruppe von Ermittlern, die mit Hilfe des neuen Informanten einen großen Schlag gegen den Rockerclub vorbereiten sollte. Auf Anordnung der im November 2010 von ihren Aufgaben entbundenen Sabine Thurau wurde M.-D. zunächst in eine sichere Wohnung in Wiesbaden gebracht, bevor er am 25. Mai 2010 auf Bitte der Hessen vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz übernommen wurde.

          Die Beamten des Nachbarlandes brachten M.-D. in eine eigens angemietete, konspirative Wohnung in Bad Kreuznach. Sie verschafften ihm unter dem Namen „Daniel Messer“ mit neuen Papieren eine vorläufige neue, aber nicht wasserdichte Identität. Auch in das Zeugenschutzprogramm „nach dem Gesetz zur Harmonisierung des Schutzes gefährdeter Zeugen“ wurde M. nicht aufgenommen. Denn für diesen Status, bei dem es zum eigenen Schutz auf die bedingungslose Mitarbeit des Zeugen ankommt, erfüllte M. „nicht die Voraussetzungen“, wie das LKA Rheinland-Pfalz dieser Zeitung mitteilte.

          Der Betroffene habe sich als „sehr unzuverlässig“ erwiesen. Eine von Fachleuten des LKA Rheinland-Pfalz vorgenommene psychologische Einschätzung habe zudem auf „Probleme“ bei dem Vernehmen nach als „narzisstisch“ eingestuften Zeugen hingewiesen. „Weil er aber bereits umfänglich ausgesagt hatte, zu weiteren Aussagen bereit war und deshalb erheblich gefährdet war, führte das LKA RP auf Bitten der der hessischen Ermittlungsbehörden weitere Schutzmaßnahmen durch.“ Auch Geld zum Leben und zur Freizeitgestaltung erhielt der Zeuge, dessen Vernehmungen in den Folgemonaten immer unergiebiger wurden. Die gelieferten Informationen waren entweder falsch oder M.-D. wusste nichts.

          Die Hessen überwiesen an die Kollegen in Rheinland-Pfalz für den als Hartz-IV-Empfänger bei der Arbeitsagentur gemeldeten M.-D. als eine Art „Taschengeld“ und Unterhalt bis Ende November 2011 nach inoffizieller Bestätigung rund 33.000 Euro. Für alle von M.-D. getätigten Ausgaben gebe es Quittungen und Belege, die Zahlungen seien dem zuständigen Jobcenter korrekt gemeldet worden, heißt es bei der Polizei.

          Von Bad Kreuznach aus wurde der nun zunehmend als labil eingeschätzte M. für einige Monate nach Irland gebracht. Inzwischen lebt M.-D. seit Ende November in Israel, wo er geheiratet hat und Vater geworden ist. In Deutschland liegt dem Vernehmen ein zu vollstreckender Haftbefehl gegen ihn vor, nachdem ihn ein Gericht in Frankfurt wegen eines Betrugsdelikts mit seiner Dachdeckerfirma zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt hat.

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