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Verbot der „Hell’s Angels“ : Die im Dunkeln sieht man nicht

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Der hoch verschuldete M.-D. fand offenbar schnell Zugang zu Szenegrößen, machte sich aber durch seine laxe Zahlungsmoral rasch unbeliebt und suchte Schutz bei den Sicherheitsbehörden. M.-D. habe „Informationen über Bezüge der Hell’s Angels in das kriminelle Milieu mitgebracht“, heißt es dort. Die Polizei, so sah es damals aus, schien erstmals fundierte Einblicke in die abgeschottete Welt der Rocker zu erhalten. Die vom damaligen Innenminister und späteren Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) gerade zur neuen Chefin des Landeskriminalamtes ernannte Sabine Thurau reagierte sofort, zumal sich die ersten Informationen M.-D.s als Treffer erwiesen.

Geld zum Leben und zur Freizeitgestaltung

So habe M.-D. dazu beigetragen, „Amtsträger des Geheimnisverrats zu überführen“, die den Hell’s Angels Interna über laufende Ermittlungen gesteckt hatten, heißt es heute. Die oberste hessische Kriminalbeamtin organisierte unter strengster Geheimhaltung eine kleine Arbeitsgruppe von Ermittlern, die mit Hilfe des neuen Informanten einen großen Schlag gegen den Rockerclub vorbereiten sollte. Auf Anordnung der im November 2010 von ihren Aufgaben entbundenen Sabine Thurau wurde M.-D. zunächst in eine sichere Wohnung in Wiesbaden gebracht, bevor er am 25. Mai 2010 auf Bitte der Hessen vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz übernommen wurde.

Die Beamten des Nachbarlandes brachten M.-D. in eine eigens angemietete, konspirative Wohnung in Bad Kreuznach. Sie verschafften ihm unter dem Namen „Daniel Messer“ mit neuen Papieren eine vorläufige neue, aber nicht wasserdichte Identität. Auch in das Zeugenschutzprogramm „nach dem Gesetz zur Harmonisierung des Schutzes gefährdeter Zeugen“ wurde M. nicht aufgenommen. Denn für diesen Status, bei dem es zum eigenen Schutz auf die bedingungslose Mitarbeit des Zeugen ankommt, erfüllte M. „nicht die Voraussetzungen“, wie das LKA Rheinland-Pfalz dieser Zeitung mitteilte.

Der Betroffene habe sich als „sehr unzuverlässig“ erwiesen. Eine von Fachleuten des LKA Rheinland-Pfalz vorgenommene psychologische Einschätzung habe zudem auf „Probleme“ bei dem Vernehmen nach als „narzisstisch“ eingestuften Zeugen hingewiesen. „Weil er aber bereits umfänglich ausgesagt hatte, zu weiteren Aussagen bereit war und deshalb erheblich gefährdet war, führte das LKA RP auf Bitten der der hessischen Ermittlungsbehörden weitere Schutzmaßnahmen durch.“ Auch Geld zum Leben und zur Freizeitgestaltung erhielt der Zeuge, dessen Vernehmungen in den Folgemonaten immer unergiebiger wurden. Die gelieferten Informationen waren entweder falsch oder M.-D. wusste nichts.

Die Hessen überwiesen an die Kollegen in Rheinland-Pfalz für den als Hartz-IV-Empfänger bei der Arbeitsagentur gemeldeten M.-D. als eine Art „Taschengeld“ und Unterhalt bis Ende November 2011 nach inoffizieller Bestätigung rund 33.000 Euro. Für alle von M.-D. getätigten Ausgaben gebe es Quittungen und Belege, die Zahlungen seien dem zuständigen Jobcenter korrekt gemeldet worden, heißt es bei der Polizei.

Von Bad Kreuznach aus wurde der nun zunehmend als labil eingeschätzte M. für einige Monate nach Irland gebracht. Inzwischen lebt M.-D. seit Ende November in Israel, wo er geheiratet hat und Vater geworden ist. In Deutschland liegt dem Vernehmen ein zu vollstreckender Haftbefehl gegen ihn vor, nachdem ihn ein Gericht in Frankfurt wegen eines Betrugsdelikts mit seiner Dachdeckerfirma zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt hat.

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