https://www.faz.net/-gpf-10qzz

Ute Vogt : „Durchstarten - trotz schmerzlicher Erfahrungen“

Ute Vogt Bild: dpa

Für höhere Ambitionen schien ihre politische Karriere schon ein jähes Ende gefunden zu haben, nun beabsichtigt die Motorradfahrerin, „noch einmal durchzustarten“: Motiviert durch die Kanzlerkandidatur Steinmeiers plant die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende eine Rückkehr in den Bundestag.

          Die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt will zurück in die Bundespolitik. Die 44 Jahre alte Politikerin ist am Donnerstagabend von dem Stuttgarter SPD-Kreisverband für den Bundestagswahlkreis 259 (Stuttgart I) vorgeschlagen worden. Dies sei eine „persönliche Chance, wieder in Berlin zu arbeiten“, sagte sie: „Ich denke, es ist für mich Zeit, durchzustarten.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die SPD-Politikerin fühlt sich dem Vernehmen nach von der Kanzlerkandidatur Frank-Walter Steinmeiers motiviert, in die Bundespolitik zurückzukehren. Der Wahlkreis 259 war bei der Bundestagswahl 2005 von dem Pfarrer Jo Krummacher von der CDU direkt gewonnen worden, Krummacher starb jedoch im Februar. Weil die Stuttgarter CDU durch parteiinterne Auseinandersetzungen an Ansehen bei den Bürgern in den vergangenen Monaten eingebüßt haben dürfte, bestehen für die SPD gute Aussichten, den Wahlkreis wieder direkt zu gewinnen. Der kürzlich von der CDU nominierte Direktkandidat Stefan Kaufmann ist jung, aber weithin unbekannt. Ute Vogt ergriff die Chance nachdem Cornelia Füllkrug-Weitzel ihren Rückzug angekündigt hatte. Die Pfarrerin und Direktorin der Aktion „Brot für die Welt“ hatte dies offiziell aus beruflichen Gründen getan.

          Eigentlich schon abgeschrieben

          Ute Vogt war Anfang des Jahres nach einer innerparteilichen Intrige zum Rückzug vom Fraktionsvorsitz gezwungen worden. Die Rolle als Oppositionsführerin und Gegenpart zu Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) habe sie nicht auszufüllen vermocht. Bei der Landtagswahl 2006 hatte die SPD unter Vogt nur 25,2 Prozent der Stimmen erzielt. Auch in jüngsten Umfragen kam die SPD auf kaum mehr als 20 Prozent Zustimmuung.

          Ute Vogt blieb aber trotz dieser Schwächung Landesvorsitzende. Sie hatte ein abermalige, dritte Spitzenkandidatur im Landtagswahlkampf 2011 zwar nicht ausgeschlossen, dennoch war ihr keine große politische Zukunft in Baden-Württemberg vorausgesagt worden. In der SPD ist man aber bislang ergebnislos auf der Suche nach einem populären Spitzenkandidaten. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner, der wegen seiner Popularität als Idealkandidat gilt, hatte seiner Partei vor wenigen Wochen abermals eine Absage erteilt. Der derzeitige Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel gilt innerhalb der SPD als zu alt und zu unpopulär.

          „Herausforderung zur richtigen Zeit“

          Frau Vogt, die in den vergangenen Jahren mehrere politische Niederlagen einstecken musste, machte deutlich, dass sie den Landesvorsitz auch künftig behalten will. Sie wolle diese Tätigkeit „nicht zurückstellen“. Zugleich betonte sie mit Blick auf die Landtagswahl 2011: „Ich strebe keine erneute Landtagskandidatur an.“

          Von der Anfrage der SPD für eine Bundestagskandidatur sei sie am Dienstag überrascht worden. Die Herausforderung sei jedoch „zur richtigen Zeit“ gekommen. Sie habe sich bereits nach einer beruflichen Alternative umgesehen: „Ich war schon im Gespräch mit einer Rechtsanwaltskanzlei.“

          Vogt nannte es „ein großes und sehr gutes Signal“ für die SPD, wenn die Landesvorsitzende in der Landeshauptstadt Stuttgart kandidiere. „Ich wäre nicht irgendwo angetreten“, betonte sie. Sie wolle nicht „irgendwo versorgt“ werden. Durch die Zeit im Landtag fühle sie sich trotz „schmerzlicher“ Erfahrungen „persönlich gestärkt“.

          Parlamentarische Staatssekretärin unter Schily

          Ute Vogt gehörte dem deutschen Bundestag von 1994 bis 2005 an und war unter Innenminister Otto Schily (SPD) parlamentarische Staatssekretärin. Innerhalb der SPD wird sie zur Abgeordnetengruppe der zentristischen und reformorientierten Netzwerkern gerechnet. Von 2003 bis 2007 war sie auch stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende. Zu dem Wahlkreis 259 gehört der Stuttgarter Westen mit einer Bevölkerung, die sich mindestens für so urban hält wie die Einwohner von Berliner Szene-Bezirken.

          Zum Wahlkreis gehören auch viele kleinere Orte auf der Filderebene, die eher ländlich geprägt sind. Der Wahlkreis ist wechselweise mal von SPD-Kandidaten und mal von CDU-Kandidaten gewonnen worden. 2002 hatte der Sozialdemokrat und Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker den Wahlkreis direkt gewonnen. Zu schaffen könnte der Kandidatin Ute Vogt auch machen, dass sich die baden-württembergische SPD eindeutig für den Bau des Infrastrukturprojektes Stuttgart 21 ausgesprochen hat, das viele SPD-Wähler ablehnen. Herta Däubler-Gmelin soll über Ute Vogt einmal gesagt haben, dass sie klug sei und beißen könne. Otto Schily dagegen wollte sie als Staatssekretärin nur für Schiffstaufen einsetzen.

          Weitere Themen

          Polizisten als Sündenböcke?

          Proteste in Hongkong : Polizisten als Sündenböcke?

          Die Sicherheitskräfte in Hongkong stehen wegen mutmaßlicher Gewaltexzesse seit Tagen am Pranger. Nun will Großbritannien ihnen kein Tränengas und keine Gummigeschosse mehr liefern.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.