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Urteil zur Beschneidung von Jungen : Schnitt und Schmerz

Dieter Graumann und Salomon Korn: „Das Leben besteht nicht nur aus Juristerei“ Bild: Wonge Bergmann

Die Juden in Deutschland sind nach dem Kölner Urteil irritiert. Fest steht für den Zentralrat nur: Ein Beschneidungsverbot ist nicht akzeptabel. Man könne diese jahrtausendealte Tradition nicht aufgeben.

          Den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, haben am Mittwoch zahlreiche Anrufe auch aus dem Ausland erreicht. Was sei denn in Deutschland los, fragte mancher besorgt, nachdem ein Kölner Gericht die Beschneidung eines muslimischen Jungen für strafbar erklärt hatte. Was jüdische Eltern mit einem neugeborenen Jungen nun tun sollten, wollten andere wissen. Das Kölner Urteil könnte durchaus schon recht kurzfristig Auswirkungen haben auf die jüdischen Gemeinden in Deutschland - schließlich gibt es im Judentum das Gebot, männliche Nachkommen in den ersten acht Tagen nach ihrer Geburt zu beschneiden.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Graumanns Zentralratskollegen Salomon Korn, der in Frankfurt der Jüdischen Gemeinde vorsteht, ist die Sache klar: „Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wird ein Verbot von Beschneidungen nicht akzeptieren.“ Man könne diese jahrtausendealte Tradition nicht aufgeben. Juristisch möge das Kölner Urteil mit seiner Berufung auf das im Grundgesetz garantierte Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit womöglich eine gewisse Fundiertheit besitzen, doch: „Das Leben besteht nicht nur aus Juristerei.“ Mit der Lebenswirklichkeit habe dieser Richterspruch wenig zu tun. Korn wies darauf hin, dass aller medizinischen Erkenntnis zufolge das Schmerzempfinden von Babys in den ersten drei Lebensmonaten kaum ausgeprägt sei. Die Kinder würden also unter dem Eingriff nicht leiden.

          Graumann wies darauf hin, dass eine Beschneidung eine elementare Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum Judentum sei. Nach jüdischem Glauben kommt in der Tat der Bund mit Gott erst durch die Beschneidung zustande. Sie wird angesehen als Zeichen und Verpflichtung des Bundes zwischen dem Volk Abrahams und Gott.

          Mit der Beschneidung erhält das Kind auch seinen jüdischen Namen. Ohne Beschneidung ist man dagegen kein Jude. Überall in der Welt werde diese Praxis akzeptiert, sagte Graumann. Würde sie in Deutschland verboten, würde dies ein jüdisches Leben hier unmöglich machen. Das könne nicht im Interesse eines Landes sein, dessen Politik sich immer erfreut darüber geäußert habe, dass die jüdischen Gemeinden in den vergangenen Jahren endlich wieder gewachsen seien.

          Chirugische Instrumente für eine jüdische Beschneidungs-Zeremonie: Ein harmloser Eingriff?

          Nach dem Kölner Urteil benötige die jüdischen Gemeinschaft unbedingt Rechtssicherheit, sagte Graumann. Am liebsten sei es ihm, wenn die Frage der Beschneidung gesetzlich geregelt werde. Der Zentralrat fasse ins Auge, sich deswegen an die Bundesregierung zu wenden. Im Kölner Fall sind der Zentralrat und die jüdischen Gemeinden allerdings nicht Partei, deshalb könnten sie das Urteil auch nicht anfechten. In Revision gehen könnte nur der betroffene Kölner Arzt. Doch da dieser persönlich freigesprochen wurde, ist dies unwahrscheinlich.

          Im Judentum nimmt traditionell mit dem Mohel ein Kultusbeamter, also ein religiöser Amtsträger die Beschneidung vor. Solche Beschneider machen eine aufwendige Ausbildung, Graumann hält sie sowohl medizinisch wie auch religiös allesamt für gut geschult. Mohels sind freilich keine von den jüdischen Gemeinden festangestellten Amtsinhaber, die für eine bestimmte Region zuständig sind. Die Eltern eines Knaben sind angehalten, sich irgendwo einen Beschneider zu suchen. Nichtreligiöse Juden wählen dafür mittlerweile häufig einen Mediziner, der die Beschneidungsgebote kennt und beachtet. Auch säkulare Juden, die sich aus historischen oder kulturellen Gründen zum Judentum zählen und die in Gemeinden wie Frankfurt einen erheblichen Teil der Mitglieder stellen, lassen fast allesamt ihre Söhne beschneiden.

          In Israel die Regel, in Schweden geregelt

          Ronit Tamir glaubt, dass es in Israel schon Zehntausende „Rebellen“ gibt. Sie gehört zu den Gründerinnen von „Kahal“, einer israelischen Gruppe, die Eltern unterstützt, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Söhne nicht beschneiden zu lassen. Kahal wurde im Jahr 2000 gegründet und appelliert auf ihrer Internetseite an die Eltern: „Bildet euch selbst, bevor das Messer an eurem Kleinkind ansetzt!“ Alle zwei Monate treffen sich rund zwanzig Eltern. Wie sehr sie dabei an ein Tabu rühren, ist in der israelischen Presse zu beobachten. In einem ausführlicheren Artikel zu dem Thema wollten vor kurzem in der Zeitung „Haaretz“ die meisten Eltern nur mit ihrem Vornamen zitiert werden, um ihre Familien und ihre Söhne zu schützen. In Israel gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Juden sich zu diesem Schritt entschließen. Nach Schätzungen werden zwischen ein und zwei Prozent der Jungen nicht beschnitten. Eine informelle Umfrage des israelischen Elternportals „Mamy“ ergab im Jahr 2006, dass rund ein Drittel der Väter und Mütter am liebsten auf den Eingriff verzichten würden, sich aber – auch wegen des sozialen und familiären Drucks – letztlich dafür entschieden. Die israelische „Organisation gegen Genitalverstümmelung“ ging 1998 noch weiter als „Kahal“. Vergeblich versuchte sie, mit einer Petition vor dem Obersten Gericht, Beschneidungen für illegal erklären zu lassen. Nach Ansicht ihres Initiators handelt es sich dabei um eine Verletzung von Menschen- und Kinderrechten, die nicht weniger schlimm ist als die Genitalverstümmelung afrikanischer Mädchen.In Israel verfolgen nicht nur skeptische Eltern genau, was man im Ausland tut.

          In Schweden wurde die rituelle Beschneidung von Jungen bereits vor einem Jahrzehnt gesetzlich geregelt und eingeschränkt. Dort werden jedes Jahr etwa 3000 Jungen beschnitten, wenige Dutzend davon sind Juden, die allermeisten Muslime. Seit 2001 nun dürfen Jungen ohne medizinische Notwendigkeit nur noch beschnitten werden, wenn sie jünger als zwei Monate sind. Neben Ärzten dürfen die Beschneidungen auch weiterhin Laien vornehmen. Diese müssen jedoch ihre Erfahrung nachweisen und eine Genehmigung der Sozialbehörde einholen. Zudem müssen die Jungen ausreichend schmerzstillende Mittel erhalten. Die Debatte ist damit in Schweden noch nicht beendet. Erst vor wenigen Monaten forderte die Vereinigung der Kinderärzte, die Beschneidung aus religiösen Gründen zu verbieten. In San Francisco scheiterte im vergangenen Jahr ein Referendum, das die Beschneidung von Jungen unter Strafe stellen sollte, die jünger als 18 Jahre sind. (hcr./mawy.)

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