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Ursula von der Leyen : Eine steile Karriere

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Ursula von der Leyen: „Die Zukunft fängt zu Hause an” Bild: ddp

Diese Ministerin ist nicht nur ein Versprechen, sondern zugleich seine Erfüllung. An Ursula von der Leyen kann man sehen, dass frau Kinder haben und eine Karriere machen kann. Antje Schmelcher über Mythos und Image eines politischen Werdeganges.

          „Die Zukunft fängt zu Hause an“, sagte Ursula von der Leyen vor vier Jahren im Landtagswahlkampf in Hannover. Damals kannte sie - die heute zu den bekanntesten deutschen Politikern zählt - kaum jemand. Für „Röschen“, so ihr Kosename, drittältestes von sieben Kindern des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), hatte die politische Zukunft in der Tat zu Hause angefangen. Auf die Bundesfamilienministerin trifft wie auf keine zweite das Postulat der Apo (mit der sie sonst nichts am Hut hat) zu: Das Private ist politisch und das Politische privat.

          Auch die Sprache der Bilder ist Ursula von der Leyen von Kindesbeinen an vertraut: in ihrem Falle also die der Familienfotos aus einem hochpolitischen Haushalt. In guter protestantischer Tradition erlaubte der heute 76 Jahre alte Patriarch Ernst Albrecht den öffentlichen Einblick in ein skandalfreies, mustergültiges Familienleben: mit Hausmusik, Haustieren und einer glücklichen Ehe. Und klarer Rollenteilung.

          Idealbild der vollberufstätigen Mutter

          Auf vielen Fotos steht Heidi Adele Albrecht, die 2002 verstorbene Mutter Ursula von der Leyens, halb verdeckt von ihrem Mann im Hintergrund. Oft trägt sie sogar eine Schürze, obwohl jeder, der sie kannte, wusste, dass sie nicht selbst kochte. Eine Inszenierung. Heidi Adele hatte in Germanistik zum Dr. phil. promoviert, sie war Journalistin, als sie Ernst kennenlernte. Ihren Beruf gab sie auf, um die sieben Kinder großzuziehen. Ursula war das dritte Kind, die erste Tochter. Sie kam 1958 in Brüssel zur Welt, wo ihr Vater als promovierter Volkswirt für die im Werden begriffene Europäische Gemeinschaft arbeitete.

          Inszenierung einer mustergültigen Familie: Ernst Albrecht, Frau und Kinder

          Ganz in der Tradition ihres Vaters lässt Ursula von der Leyen sich mit der eigenen ebenfalls siebenköpfigen Kinderschar regelmäßig fotografieren. Den Standpunkt im Schatten nimmt nun ihr Mann ein, Heiko Echter von der Leyen, Medizinprofessor, Biotec-Unternehmer und Spross einer protestantischen Kaufmannsdynastie. Auch er versteht, wie früher Heidi Adele, sich im Hintergrund zu halten. Ursula von der Leyen wiederum hat die Schürze mit dem Arztkittel vertauscht.

          Der Zeitgeschmack verlangt heute nach einem anderen Idealbild: dem der vollberufstätigen Mutter. Dem entspricht Frau von der Leyen wie niemand sonst. Sie ist wie ein lebender Beweis für die rubbellose Vereinbarkeit von Beruf und Familie. An ihr kann man sehen, dass frau Kinder haben und Karriere machen kann. Sogar sieben Kinder und eine sehr steile Karriere. Diese Ministerin ist nicht nur ein Versprechen, sondern zugleich seine Erfüllung. Doch auch hier wird ein Image inszeniert.

          Geschicktes Weglassen

          Denn während Ursula von der Leyen auf der Höhe ihres Erfolges dem fünfzigsten Geburtstag entgegenstrebt, dauert ihre Karriere gerade mal fünf Jahre. Diese Karriere begann nämlich erst 2001, mit ihrem Einstieg in die Politik. Davor herrschte auch in ihrem Leben die Normalität einer beruflich hochqualifizierten Mutter. Eine Normalität, in der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Entscheidungen mal schlecht, mal recht erwurschtelt wird. Entscheidungen, in denen zulasten der einen Seite (Beruf) geht, was zugunsten der anderen (Familie) wirkt. Oder umgekehrt.

          Denn das haben Entscheidungen nun einmal so an sich. Sonst wären sie keine. Die Vereinbarkeit, die sie herstellen, ist eine Vereinbarkeit durch Kompromisse. Man könnte sogar sagen: durch Opfer. Wenn das Wort noch auszuhalten wäre. Im Falle von der Leyens war diese Normalität der (Un-)Vereinbarkeit allerdings die einer besonders begabten und besonders ehrgeizigen Frau.

          Die öffentlichen Darstellungen und Selbstdarstellungen ihres Lebenslaufs, in Zeitungsartikeln oder auf der Website des Familienministeriums, suggerieren oder beschreiben indes ein ganz anderes Leben. Da erscheint von der Leyen nur als monochrome (damit im Grunde auch flache) Erfolgsfrau und ihr Erfolg als Gipfelsturm einer Bergwanderung. Und zwar durch Hinzufügen bei schreibenden Journalistinnen, die sich meist als glühende Anhängerinnen der Ministerin präsentieren, sowie durch geschicktes Weglassen seitens von der Leyens selbst.

          Assistenzärztin der Abteilung Frauenheilkunde

          Im heutigen Sprachgebrauch war Ursula Albrecht zunächst eine Langzeitstudentin. Wie ihr Vater schloss sie den ersten Studiengang ihrer Wahl nicht ab. Bei ihm waren das Philosophie und Theologie gewesen, bei ihr die Volkswirtschaft, auf die wiederum er sich nach sechs Semestern verlegt hatte. Ebenfalls nach sechs Semestern sattelte Ursula auf die Medizin um. Schon ihr Großvater war Arzt in Bremen gewesen. Zehn Jahre nach dem Beginn des Studiums hatte sie die Staatsexamen hinter sich gebracht und wurde zur Ärztin approbiert, 1987, ein Jahr nach ihrer Heirat mit Heiko von der Leyen. In diesem Jahr bekam sie auch ihr erstes Kind. Das zweite kam zwei Jahre später. Vier Jahre nach der Approbation, 1991, folgte die Promotion.

          Bis zur Geburt ihres dritten Kindes 1992 arbeitete sie als Assistenzärztin der Abteilung Frauenheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie wollte sich dort zur Fachärztin für Gynäkologie fortbilden - und war beileibe nicht die einzige junge Ärztin und Mutter, der das nicht gelang. Manchen Frauen schlägt das eine Wunde.

          1992 brach Ursula von der Leyen die Facharzt-Ausbildung ab und ging mit ihrer Familie für vier Jahre nach Kalifornien, der beruflichen Bahn ihres Mannes folgend. Eine leicht nachvollziehbare Entscheidung - die sie allerdings die Möglichkeit kostete, als Frauenärztin zu praktizieren. Denn dazu ist der Facharzttitel nötig. Tatsächlich bedeutete der Umzug nach Amerika Ursula von der Leyens Abschied vom Arztberuf, den sie somit, ehrlich gesagt, in ihrem Leben kaum ausgeübt hat.

          „Opfer frauenfeindlicher Arbeitsbedingungen“

          In der medial vermittelten öffentlichen Selbstdarstellung der Ministerin war sie damals ein Opfer frauenfeindlicher Arbeitsbedingungen. So schrieb die Reporterin der „Süddeutschen Zeitung“, Evelyn Roll, in einem Porträt über die frischgebackene Bundesministerin: „Beim zweiten Kind war es schon einfacher. Als sie aber zum dritten Mal schwanger wurde, gleich nach ihrer Promotion 1991, da sagte der Professor: ,Ah, Frau von der Leyen, das dritte Kind. Sie sind wohl zu faul zum Arbeiten.'“

          Auch in einem kürzlich in der „Welt“ erschienenen Porträt der Ministerin heißt es, man habe ihr gesagt: „Schwanger? Schade. Wir hatten noch so viel mit Ihnen vor.“ An der Klinik sei sie abgeschrieben gewesen, wird von der Leyen weiter zitiert, und man habe ihr bedeutet, dies sei „hier kein Feierabendverein“.

          „Sie hätte es gar nicht akzeptiert, gemobbt zu werden“

          Ihr damaliger Oberarzt, Professor Friedrich Degenhardt, mittlerweile Chefarzt der Frauenheilkunde am Franziskus-Hospital in Bielefeld, ist über diese Darstellung erstaunt. „Ich glaube nicht, dass jemand das zu ihr gesagt hat“, so Degenhardt. „Wir haben sie sehr gut betreut, und die Stationsbesprechungen waren in Hannover schon damals um halb vier, gerade damit die Assistenzärzte nach Hause gehen konnten. Sie hat die Medizin aus privaten Gründen abgebrochen.“

          Degenhardt hat während seiner Jahre an der Medizinischen Hochschule Hannover von 1983 bis 2000 mit der jungen Assistenzärztin zusammengearbeitet. Noch während ihres Amerika-Aufenthaltes unterhielt er Briefkontakt mit ihr. Auch der heutige Chefarzt der Frauenklinik Celle, Professor Wolfgang Heidenreich, der die Studentin im Praktischen Jahr als Oberarzt betreut hatte, kann von der Leyens Lesart ihres Werdegangs nicht nachvollziehen. Er habe sie als „sehr ambitioniert und extrovertiert“ erlebt, so Heidenreich: „Wir dachten, sie würde sich mit Sicherheit habilitieren.“

          Degenhardt gibt außerdem ohne falsche Scham zu bedenken, dass es niemand in Hannover gewagt hätte, ausgerechnet die Tochter von Ernst Albrecht ungerecht zu behandeln. Und: „Frau von der Leyen war von zu Hause aus gewohnt, sich durchzusetzen, sie hätte es gar nicht akzeptiert, gemobbt zu werden.“

          „Aufenthalt in Stanford“

          In den Vereinigten Staaten bekam Ursula von der Leyen zwei weitere Kinder, ein Zwillingspärchen. Im Jahr 2002 sagte sie dem „Hamburger Abendblatt“ über die Zeit nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten: „An eine Praxis als Frauenärztin war nicht zu denken.“ Und zwar der Kinder wegen. Dass sie ihre Facharztausbildung nie beendet und den Arztberuf damals schon an den Nagel gehängt hatte, ist öffentlich trotzdem unbekannt.

          Meistens wird sie als „Frauenärztin“ oder „Gynäkologin“ bezeichnet, von der „Bild“ Hannover, Hauszeitung der Albrecht-Familie, über das „Hamburger Abendblatt“, die „Neue Westfälische“ bis in die überregionale Presse. Und sogar auf der Homepage des eigenen Ministeriums wird die Ministerin in einem „Zeit“-Porträt der Redakteurin Susanne Gaschke, das unter der Rubrik „Interview“ zu lesen ist, als „promovierte Gynäkologin“ bezeichnet.

          Das ist nicht weiter schlimm - aber es erweckt doch einen falschen Eindruck. An dem Frau von der Leyen offensichtlich liegt. Empfindet sie als Makel, was ihr niemand ernstlich vorwerfen kann? Dass sie sich für Kinder und nicht für eine Karriere entschieden hat? Die Zeit in Amerika erscheint denn auch in ihrem offiziellen Lebenslauf als „Aufenthalt in Stanford“ - so dass man vermuten muss, sie habe an der dortigen Eliteuniversität gelehrt oder geforscht. In Wahrheit war sie Gasthörerin. Was aber beispielsweise die „Welt“-Redakteurin Mariam Lau nicht darin hindert, die Ministerin allen Ernstes in „eine große deutsche Tradition“ einzureihen, die „mit Namen wie Robert Koch und Rudolf Virchow verbunden war“.

          „Wie mit Zauberhand“

          Lau erwähnt auch die Zusatzdiplome in Bevölkerungsmedizin, die von der Leyen in Amerika „wie mit Zauberhand“ gemacht habe. Diese „Zusatzdiplome“, die in früheren Veröffentlichungen noch etwas unbestimmter „Zusatzqualifikationen“ genannt werden, tauchen im Lebenslauf der Ministerin nicht auf, in der Presse dagegen, wie von ungefähr, umso häufiger.

          Ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten, 1997, hat nämlich von der Leyen in Hannover wieder ein Studium aufgenommen, mit dem sie an ihre bisherige Ausbildung anknüpfte und ihr zugleich eine neue Richtung gab: Ziel war der Master für „Public Health“ an der Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung. Ein Jahr später wurde sie dort in Teilzeit angestellt, um ein aus EU-Mitteln finanziertes Projekt zum Gesundheitsmanagement zu betreuen. (Lesen Sie weiter über Ursula von der Leyens Aufstieg in der Politik: Teil 2: Die Karriere der Ursula von der Leyen - „Ein Geflecht aus Intrigen“)

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