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Ursula von der Leyen : Eine steile Karriere

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Degenhardt hat während seiner Jahre an der Medizinischen Hochschule Hannover von 1983 bis 2000 mit der jungen Assistenzärztin zusammengearbeitet. Noch während ihres Amerika-Aufenthaltes unterhielt er Briefkontakt mit ihr. Auch der heutige Chefarzt der Frauenklinik Celle, Professor Wolfgang Heidenreich, der die Studentin im Praktischen Jahr als Oberarzt betreut hatte, kann von der Leyens Lesart ihres Werdegangs nicht nachvollziehen. Er habe sie als „sehr ambitioniert und extrovertiert“ erlebt, so Heidenreich: „Wir dachten, sie würde sich mit Sicherheit habilitieren.“

Degenhardt gibt außerdem ohne falsche Scham zu bedenken, dass es niemand in Hannover gewagt hätte, ausgerechnet die Tochter von Ernst Albrecht ungerecht zu behandeln. Und: „Frau von der Leyen war von zu Hause aus gewohnt, sich durchzusetzen, sie hätte es gar nicht akzeptiert, gemobbt zu werden.“

„Aufenthalt in Stanford“

In den Vereinigten Staaten bekam Ursula von der Leyen zwei weitere Kinder, ein Zwillingspärchen. Im Jahr 2002 sagte sie dem „Hamburger Abendblatt“ über die Zeit nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten: „An eine Praxis als Frauenärztin war nicht zu denken.“ Und zwar der Kinder wegen. Dass sie ihre Facharztausbildung nie beendet und den Arztberuf damals schon an den Nagel gehängt hatte, ist öffentlich trotzdem unbekannt.

Meistens wird sie als „Frauenärztin“ oder „Gynäkologin“ bezeichnet, von der „Bild“ Hannover, Hauszeitung der Albrecht-Familie, über das „Hamburger Abendblatt“, die „Neue Westfälische“ bis in die überregionale Presse. Und sogar auf der Homepage des eigenen Ministeriums wird die Ministerin in einem „Zeit“-Porträt der Redakteurin Susanne Gaschke, das unter der Rubrik „Interview“ zu lesen ist, als „promovierte Gynäkologin“ bezeichnet.

Das ist nicht weiter schlimm - aber es erweckt doch einen falschen Eindruck. An dem Frau von der Leyen offensichtlich liegt. Empfindet sie als Makel, was ihr niemand ernstlich vorwerfen kann? Dass sie sich für Kinder und nicht für eine Karriere entschieden hat? Die Zeit in Amerika erscheint denn auch in ihrem offiziellen Lebenslauf als „Aufenthalt in Stanford“ - so dass man vermuten muss, sie habe an der dortigen Eliteuniversität gelehrt oder geforscht. In Wahrheit war sie Gasthörerin. Was aber beispielsweise die „Welt“-Redakteurin Mariam Lau nicht darin hindert, die Ministerin allen Ernstes in „eine große deutsche Tradition“ einzureihen, die „mit Namen wie Robert Koch und Rudolf Virchow verbunden war“.

„Wie mit Zauberhand“

Lau erwähnt auch die Zusatzdiplome in Bevölkerungsmedizin, die von der Leyen in Amerika „wie mit Zauberhand“ gemacht habe. Diese „Zusatzdiplome“, die in früheren Veröffentlichungen noch etwas unbestimmter „Zusatzqualifikationen“ genannt werden, tauchen im Lebenslauf der Ministerin nicht auf, in der Presse dagegen, wie von ungefähr, umso häufiger.

Ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus den Vereinigten Staaten, 1997, hat nämlich von der Leyen in Hannover wieder ein Studium aufgenommen, mit dem sie an ihre bisherige Ausbildung anknüpfte und ihr zugleich eine neue Richtung gab: Ziel war der Master für „Public Health“ an der Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung. Ein Jahr später wurde sie dort in Teilzeit angestellt, um ein aus EU-Mitteln finanziertes Projekt zum Gesundheitsmanagement zu betreuen. (Lesen Sie weiter über Ursula von der Leyens Aufstieg in der Politik: Teil 2: Die Karriere der Ursula von der Leyen - „Ein Geflecht aus Intrigen“)

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