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Ursula von der Leyen : Auf dem Feldfrauenhügel

Unter Männern: Ursula von der Leyen bei ihrem Besuch in Afghanistan am 23. Dezember vergangenen Jahres Bild: dpa

Ursula von der Leyen hat einen fulminanten Start in ihrem neuen Ministerium hingelegt, ihre eigene Position im unbekannten Gelände gefunden und gesichert. Dabei hebt sie sich auch von ihrem Vorgänger ab. Zumindest im Ton.

          Nach vier Wochen im unbekannten Gelände hat die erste deutsche Verteidigungsministerin schon an einigen Beispielen ihre taktische Erfahrung demonstriert. Jeder Heeresausbilder der Bundeswehr wird anerkennend vermerken, dass Ursula von der Leyen ihre Aktivitäten im ungewohnten Amt zusammensetzt aus Aufklärung (die erste Erkundungsreise nach Afghanistan fand kurz vor Heiligabend statt) und Sicherung der eigenen Position im unbekannten Gelände. Sie zeigt außerdem schnelle politische Präsenz durch den Einsatz jener Themen, die ihr aus ihren vorherigen Verwendungen vertraut sind: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zukunft der Arbeitswelt, Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          An ihren beiden Besuchstagen im deutschen Feldlager Camp Marmal in Mazar-i-Sharif wirkte von der Leyen gelegentlich noch überwältigt von der Fremdheit des soldatischen Milieus, das ihr in uniformierten Menschen und gepanzerten Maschinen begegnete. Mitunter war sie ganz still. Nicht nur das Militärische, auch das Mechanische, die bürokratisch verwaltete Technik erschienen dort als eine reine Jungens-Welt, obwohl doch schon zahlreiche Soldatinnen dem deutschen Afghanistan-Kontingent angehören und bei der abendlichen Begegnung der Einsatzkräfte mit der Ministerin beide, die Ministerin und die Soldatinnen, neugierig aufeinander zugingen.

          Doch hat die neue Chefin unterdessen erkannt, zu welchen politischen Demonstrationszwecken dieser noch fremde Personalkörper taugt. Kaum sorgte ihre Kabinettskollegin und Parteikonkurrentin, die Familienministerin Manuela Schwesig, mit der Idee einer Arbeitszeitsenkung für junge Eltern erst für Aufregung und dann gleich für Kritik und Widerstand, da teilte die Verteidigungsministerin mit, dass sie in ihrem eigenen Großbetrieb namens Bundeswehr solche fortschrittlichen Elemente demnächst einführen wolle. Und der Vorsitzende der Soldatengewerkschaft Bundeswehrverband, André Wüstner, dankte es ihr gleich mit der hymnischen Prophezeiung, von der Leyen habe die Chance, „zum Star der Bundeswehrangehörigen und ihrer Familien“ zu werden.

          Gespür für persönliche Befindlichkeiten

          Es ließe sich auch als ein Zeichen von Vorsicht oder gar Verzagtheit deuten, wenn jemand in einer neuen Funktion zunächst wieder die Themen ausbreitet, die er aus seinem alten Job gut kennt. Doch im Falle der neuen Verteidigungsministerin ginge diese Vermutung sicher daneben. Sie hat es im gesamten Verlauf ihrer politischen Laufbahn an Selbstbewusstsein nicht fehlen lassen – warum sollte es ihr jetzt, in ihrem bislang wichtigsten Amt, abhandenkommen? Sie antwortete mit einem bezeichnenden Missverständnis auf die Vorhaltung im Gespräch mit der Zeitung „Bild am Sonntag“, 44 Prozent der Deutschen hielten die Besetzung des Verteidigungsressorts mit ihr nicht für eine gute Idee. Sie sagte, viele Bürger hätten halt noch das Bild der Arbeits- und Sozialministerin von der Leyen vor sich. Sie verstand also, sie selbst sehe in ihrer neuen Aufgabe noch ungewohnt aus. Sie assoziierte mit den Umfragedaten eher nicht, dass in der militärischen Welt eine Frau als Anführerin ungewohnt wirken könnte.

          Die ersten Reden der neuen Ministerin zu Hause in Deutschland waren Reden zu Abschieden: Sie verabschiedete ihren Vorgänger Thomas de Maizière sowie den Parlamentarischen Staatssekretär Christian Schmidt, sie verabschiedete die Truppenteile der 1. Panzerdivision in den Afghanistan-Einsatz. Von der Leyen nutzte die Auftritte als Gelegenheiten, sich in ihrer neuen Funktion zu präsentieren. Und sie gab ihren Zuhörern jedes Mal das Gefühl, als sei sie schon altvertraut damit. Diesen Effekt erreichte sie weniger durch detailreiche inhaltliche Ausführungen, sondern eher durch einen professionell warmen Ton und durch gelegentliche rhetorische Beteuerungen von Zugehörigkeit und Inanspruchnahme: „Ich darf Ihnen als Ihre Verteidigungsministerin sagen ...“, lautete eine Wendung, mit der sie beispielsweise den Stab der Panzerdivision beim Abschiedsakt in Hannover adressierte.

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