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Tauerfeier für Walter Lübcke am 13. Juni in Kassel. Foto: EPA

Auf der Schattenseite

Von JUSTUS BENDER und PHILIP EPPELSHEIM
Tauerfeier für Walter Lübcke am 13. Juni in Kassel. Foto: EPA

29.06.2019 · In der Szene der Neonazis haben sich die Leute daran gewöhnt, im Visier der Sicherheitsbehörden zu sein. Von Terror halten sie nichts – sagen sie zumindest. Aber im Umfeld von NSU und Stephan E. kennen sie sich bestens aus.

A ls Björn Höcke sein Jackett auszieht, kommt an seinem Rücken ein länglicher Schweißfleck zum Vorschein. Mit der Hemdmanschette wischt sich der AfD-Vorsitzende von Thüringen immer wieder die Tropfen von der Stirn. Es sind weit über dreißig Grad. Thorsten Heise, einer der mächtigsten Neonazis in Deutschland, sitzt derweil neben dem offenen Fenster und fächert mit der Tagesordnung der konstituierenden „Sitzung des Kreistages des Landkreises Eichsfeld am 26.06.2019“ die Wüstenluft in seine Richtung. Es ist wirklich sehr heiß im Versammlungssaal über der Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle von Heilbad Heiligenstadt. Früher galt Heise unter den Gemeindevertretern als der böseste Abgeordnete im ganzen Eichsfeld. Seit Mittwoch sitzt Höcke als neuer Anwärter auf diesen Titel im Saal. Beide kennen sich, ihre Kinder besuchen die selben Schulen.

Höcke, Björn: Gründer des radikalen AfD-Flügels, rassistische Äußerungen, steht unter Extremismusverdacht durch den Verfassungsschutz. Für Neonazi-Kader ein kleiner Fisch. Heise, Thorsten: fünf Jahre Gefängnis, vorbestraft wegen Körperverletzung und Landfriedensbruchs, stellvertretender Bundesvorsitzender und thüringischer Landesvorsitzender der NPD, Herausgeber extremistischer Zeitschriften und Musikstücke. Die NSU-Terroristen sollen gehofft haben, Heise werde ihnen eine Flucht ins Ausland ermöglichen. Im Verfassungsschutzbericht heißt es über ihn, er sei „ein exponierter Vertreter der neonationalsozialistischen Strömung in der NPD“. Um seine Rolle zu beschreiben, nutzten Journalisten Begriffe wie: Übervater, Spiritus Rector und Pate. Über sich selbst sagt Heise, er könne binnen einer Stunde einhundert Männer zusammentrommeln. Oder auch mehr.


„Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass man jedes AfD-Mitglied als Nazi oder rechtsradikal bezeichnen kann“
Heinz Funke (SPD), Vorsitzender der Gemeinschaftsfraktion SPD/Grüne/Linke

Im Kreistag: der Thüringer AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke Foto: Patrick Slesiona

„aber es gibt natürlich auch Leute wie Herrn Höcke. Mit denen wollen wir nicht zusammenarbeiten!“
Heinz Funke (SPD), Vorsitzender der Gemeinschaftsfraktion SPD/Grüne/Linke

Im Eichsfelder Kreisrat steht die Luft im Raum. Der schweißgebadete Sitzungsleiter, Landrat Werner Henning (CDU), bittet – der Temperatur wegen – um eine zügige Erledigung der Tagesordnung. Es soll um die Sanierung der Freisportanlage der Regelschule Bischofferode gehen und um die Wahl der „sachkundigen Mitglieder“ des Verwaltungsrates der Kreissparkasse Eichsfeld. Nicht gehen soll es um Verbindungen von anwesenden Kreistagsabgeordneten zu rechtsterroristischen Netzwerken des Mörders von Walter Lübcke oder um ideologische Grundsatzfragen der Bundesrepublik. Henning erinnert die Anwesenden, dass der Kreistag das Verwaltungsorgan einer Gebietskörperschaft sei, mehr nicht: „Das hier ist kein Parlament!“

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