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Unterschiedliche Politikstile : Nur wer sich beherrscht, kann regieren

Sigmar Gabriels deutliche Antwort auf die Wortmeldung der Juso-Vorsitzenden Johanna Ueckermann dürfte ihm bei seiner Wiederwahl als SPD-Vorsitzender einige Stimmen gekostet haben. Bild: dpa

Selbstbeherrschung und Geschlossenheit auf der einen, Konfrontation und Streitlust auf der anderen Seite: Sowohl zwischen CDU und SPD insgesamt als auch zwischen deren Vorsitzenden wurde in den letzten Tagen ein klarer Unterschied deutlich.

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          Der politische Advent stand im Zeichen eines Wortes: Selbstbeherrschung. Das ist die Kunst, seine Leidenschaften im Zaum zu halten, Affekte höheren Zielen zu unterwerfen. In einem berühmten psychologischen Experiment wurden Kinder vor einen Teller mit Süßigkeiten gesetzt. Sie hatten nun die Wahl: Sie konnten die verlockende Leckerei entweder sofort aufessen, oder aber sie beherrschten sich eine Zeitlang, ließen die Verlockung unberührt und wurden dann mit der doppelten Portion belohnt.

          Der sogenannte Marshmallow-Test zeigte Zusammenhänge zwischen Selbstbeherrschung und Erfolg. Viele Kinder bestanden ihn nicht. Spätestens seit den Parteitagen von SPD und CDU kann man sich gut vorstellen, wie Sigmar Gabriel und Angela Merkel diesen Test angegangen wären.

          Aber auch die Parteien wurden vorige Woche einem Marshmallow-Experiment unterzogen: Bei den Sozialdemokraten brach die alte Tadelsucht sich lustvoll Bahn und mündete in einem politischen Desaster. Der mögliche Achtungserfolg ihres Parteitages wurde zugunsten einer Abreibung für den Vorsitzenden verfuttert. Bei der CDU hingegen bündelte sich zwei Tage später die kollektive Selbstbeherrschung zu einem minutenlangen Solidaritätsbeifall für die Bundeskanzlerin. Das fand weite Anerkennung und Beachtung.

          In beiden Fällen hatten die Parteivorsitzenden das Ergebnis beeinflusst: Gabriel präsentierte dem SPD-Parteitag eine seiner schlechteren Eigenschaften: den Mangel an Selbstbeherrschung. Denn als die Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann sich nach öder Juso-Masche über die Kluft zwischen Parteiprogramm und Wirklichkeit erregte, reagierte Gabriel mit einer springgiftigen Gegenattacke.

          Gabriels Mangel an Selbstbeherrschung

          Der Parteichef hatte aus dem ideologischen Gesülze der Jungsozialistin nämlich auch den Vorwurf herausgehört, SPD-Politiker belögen und betrögen die eigenen Mitglieder. Also ging er als ans Mikrofon und hielt Uekermann eine Standpauke, in der er Persönliches („Hättest mal den Mund im Vorstand aufmachen sollen, anstatt dort immer nichts zu sagen“) mit Grundsätzlichem („Mehrheitsbeschlüsse müssen gelten“) mischte. Am Ende sagte Gabriel, von einer wie ihr wolle er lieber überhaupt nicht gewählt werden.

          Zumindest Teile der SPD-Delegierten schienen sich davon ebenfalls angesprochen zu fühlen. Der Parteitag verpasste Gabriel das schlechteste Resultat seit Sozialdemokratengedenken. Auch das war unbeherrscht. Die Parteilinken hatten daran ihren Anteil, aber wohl nicht nur sie. Denn Gabriel hatte in den vergangenen Monaten durch mancherlei Vorgaben, etwa zum Freihandelsabkommen, zur Vorratsdatenspeicherung und zum Syrien-Einsatz der Bundeswehr, mindestens ebenso viele linke Parteianhänger provoziert, wie er andere Genossen durch seine rauflustige Art verunsichert hat.

          Geschlossenheit bei der CDU

          Vor allem aber gehört es zur Tradition der SPD, ihre Anführer zu ruinieren. Entweder im Amt wie die Kanzler Brandt, Schmidt und Schröder oder bereits in der Opposition wie Rudolf Scharping oder Kurt Beck. Was auch immer man von den Wahlaussichten der SPD zur kommenden Bundestagswahl hält, Gabriel und die SPD-Delegierten haben sie verschlechtert. Denn wer will schon, dass ein zänkischer Kanzler und eine unbeherrschte Partei das Land regieren?

          Als Gegenteil von alledem präsentierten Angela Merkel und die CDU ihr politisches Adventssignal. Die Partei zeigte sich beim Karlsruher Parteitag geschlossen, machtbewusst und auf ihre politische Anführerin eingeschworen. Daran mag Heuchelei und Inszenierung sein, aber wirksam war es doch. Die Grundlage dieses Erfolgs hatte ein ebenfalls unbeherrschter Mann gelegt, Horst Seehofer. Der CSU-Vorsitzende war beim Münchner Parteitag total entgleist und hatte auf offener Bühne die Bundeskanzlerin runtergeputzt. Merkel ertrug das wortlos und mit höchster Selbstbeherrschung. Etwas missvergnügte Mimik und Gestik, mehr bekam der ungezügelte Seehofer nicht zurück.

          Höchstens stille Verachtung

          Aber ihre CDU versammelte sich schon tags darauf hinter Merkel. Eben noch selbst über die Flüchtlingspolitik entzweit und voller Zweifel an der Führungskunst ihrer bisherigen Machtgarantin, zog sich die Partei um Merkel wie Eisenspäne um einen Magneten. Merkel behielt auch beim Karlsruher Parteitag ihre Haltung. Sie beherrschte sich und somit Seehofer. Höchstens war stille Verachtung ihre subtile Form der Rache.

          Die Wirkung ist beeindruckend: Die CDU steht kurz vor Weihnachten wieder stark und einig da, die SPD als zerstrittener Haufen mit einem angedröhnten Vorsitzenden. Es kann sein, dass Sigmar Gabriel trotzdem als Spitzenkandidat gegen Merkel antritt, vielleicht auch Martin Schulz oder irgendwer. Aber sicher ist: Solange sich die SPD nicht zügelt, solange ihre Parteiführer so unbeherrscht auftreten, so lange wird kein Sozialdemokrat, keine Sozialdemokratin mehr Kanzler.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

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