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Universität Lübeck : Die Angst, eine Zukunftsbranche zu verlieren

Studenten protestieren gegen die Schließung der Universität Bild: dpa

Die Lübecker Studenten protestieren gegen das drohende Ende ihres Universitätsklinikums. Eine Schließung hätte gravierende Folgen für die Hansestadt: 2600 Studenten gibt es an der Lübecker Universität, 1500 studieren Medizin.

          Niederegger ist beim Protest auch dabei. Das Plakat „Lübeck kämpft für seine Uni“ haben die Bäcker als Vorlage für eine Marzipan-Torte genommen. Auf der Torte in Form eines aufgeschlagenen Buches prangt links das nachgemachte Plakat, rechts das Bekenntnis, Lübeck habe ein Herz für seine Universität, und zwar dargestellt als rotes Marzipanherz. So zu sehen im Schaufenster in der Fußgängerzone zwischen all den anderen Köstlichkeiten aus Niederegger-Marzipan. Die Torte ist einmalig, das Plakat hängt beinahe in jedem Geschäft. Die Studenten tragen das Motiv auf T-Shirts durch die Stadt.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In der Petrikirche versammelten sich am Dienstag zweitausend Mitarbeiter des Universitätsklinikums für ein Massenprotestfoto. Pastor Bernd Schwarze reimte bei dieser Gelegenheit: „Es ist gut, dass ihr euch zeigt – mit Haut und Haaren, Kitteln und Talaren.“ Am Mittwoch dann waren die Studenten mit einem Sonderzug und mehreren Sonderbussen nach Kiel gefahren, um vor dem Landeshaus gegen die die Universität bedrohenden Sparpläne der schwarz-gelben Koalition zu protestieren. Auch die Flensburger Studenten waren dorthin gekommen, auch sie in Sonderbussen, von denen zwei vom CDU-Kreisverband bezahlt wurden, was die Landespartei als „sehr befremdlich“ registrierte. Die Lübecker CDU hatte eine ähnliche Idee, konnte aber „wegen der sehr großen Nachfrage keine Busse mehr mieten“, wie Andreas Zander berichtet, der Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft.

          Medizinerausbildung soll vom Wintersemester 2011 an beendet werden

          In Flensburg sollen die Wirtschaftswissenschaften abgewickelt werden. Es bliebe nur noch die Lehrerausbildung, Flensburg hätte damit keine Universität mehr. Auch Lübeck droht seine Universität zu verlieren. Die Medizinerausbildung soll vom Wintersemester 2011 an beendet werden. Was das für die Universität Lübeck bedeutete, lässt sich an den Zahlen erkennen: 2600 Studenten gibt es in Lübeck, 1500 studieren Medizin. Die hanseatischen Kaufleute, die Lübeck einst prägten, brauchten keine Studierten, sondern ehrbare Händler. So kam die Stadt erst in den sechziger Jahren zu ihrer Universität, zunächst als Außenstelle der Kieler Hochschule. Aus dem alten psychiatrischen Krankenhaus im Süden Lübecks wurde ein modernes Klinikum.

          Lübecker Uni-Klinik

          Schon einmal freilich gab es darüber einen Streit, der bis heute nachwirkt. 2003 wurden das Klinikum in Kiel und das in Lübeck zusammengelegt zum Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH). Die Idee, bei dieser Gelegenheit auch gleich eine Landesuniversität zu gründen, fand dann allerdings keine Mehrheit. Nun soll das Klinikum verkauft werden. Auch das gehört zu den Sparvorschlägen der Kieler Koalition. Dass diese Idee noch nicht solche Wellen schlägt wie die Abschaffung der Medizinerausbildung, liegt am Vertrag, den Land und Betriebsrat des UKSH erst kürzlich geschlossen haben. Darin steht: keine Privatisierung vor Ende 2015. Danach freilich ist alles offen.

          Verbündete in der Bundesregierung

          Lübeck hat bei seinem Protest gegen den geplanten Wegfall der Medizinerausbildung sogar eine Verbündete in der Bundesregierung. Am Montag sprach Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) in Berlin mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und dem FDP-Fraktionsvorsitzenden im Kieler Landtag Wolfgang Kubicki. Offenbar sucht sie nach Möglichkeiten, Schleswig-Holstein zu helfen – aber nur, wenn die Landesregierung die Medizinerausbildung in Lübeck belässt und die Universität nicht gefährdet. Ein Weg wäre vielleicht dieser: Der Bund fördert vom nächsten Jahr an vier Gesundheitsforschungszentren, eines könnte dann in Kiel oder Lübeck entstehen.

          Das Land will durch die Schließung des Studiengangs 24 Millionen Euro im Jahr sparen. Carstensen will sich vom Sparen nicht abbringen lassen, solange es keinen Ausgleich gibt: „Ich bin da stur.“ Und Kubicki sagte: „Wer einen Stein aus dem Gefüge herausnimmt, muss auch wieder einen einsetzen.“ Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) sieht das naturgemäß anders: „Die Landesregierung hat noch nicht realisiert, dass es für ihren Vorschlag keine Mehrheit gibt, nicht in der Region, nicht im Land, nicht im Landtag.“ Würde die Universität verlorengehen, würde genau jene Zukunftsbranche kaputtgemacht, „die einer unserer Rettungsanker ist“.

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