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Bernd Lucke an Hamburger Uni : Der Mann und das Monster

Vor vollen Rängen: Lucke am Mittwoch in einem Hörsaal der Uni Hamburg Bild: dpa

In Hamburg verhindern Störer, dass Bernd Lucke seine Vorlesung halten kann. Wie konnte es zu dem Eklat kommen?

          3 Min.

          Einen Tag vor seiner ersten Vorlesung an der Universität Hamburg schreibt ein Mitarbeiter der Universität an Bernd Lucke. Es gehe um seine Verantwortung für die sichere Durchführung der Vorlesung, heißt es in der E-Mail, die dieser Zeitung vorliegt. Hörsäle seien nur für eine bestimmte Anzahl von Personen zugelassen – wegen der Fluchtwege. „Aus diesem Grund haben Lehrende dafür Sorge zu tragen, dass Sicherheitsstandards während der Vorlesung eingehalten werden, und haben bei Überfüllung entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.“

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Als Lucke am Mittwoch seine Vorlesung im Saal B im Hauptgebäude der Universität halten will, ist die Überfüllung des Vorlesungssaals jedoch sein geringstes Problem. Er kommt gar nicht zu Wort. Er wird beschimpft, zum Verlassen des Saals aufgefordert, angerempelt, mit Papierkugeln beworfen. Antifa-Banner sind auf Bildern aus dem Vorlesungssaal zu sehen, und auf einem Video auf Twitter ist ein Sprechchor zu hören: „Nazi-Schweine raus aus der Uni“. Nach zwei Stunden wird Lucke von der Polizei aus dem Saal begleitet. Wie konnte es so weit kommen?

          Bekannt war die Abneigung des Hamburger Astas gegen Bernd Lucke schon lange. Im Juli kündigte der Asta „lautstarke Proteste“ an. Lucke habe mit seiner „bürgerlichen Fassade den Weg der AfD zur menschenverachtenden und rassistischen Partei geebnet“, hieß es in einer Erklärung. Er habe mit der Partei „ein Monster“ geschaffen. Die Asta-Vertreter gaben zwar zu, dass Lucke vor dem Hintergrund der heutigen AfD „fast ein wenig wie der Saubermann“ wirke. Sie gestanden ein, man könne Lucke „vielleicht sogar Glauben schenken, wenn dieser sagt, dass er selbst kein Rassist sei“. Sie warfen ihm aber vor, keine „größeren Anstrengungen“ gegen die damals schon in der Partei vorhandenen Radikalen unternommen zu haben.

          Luckes Verteidigung

          Für Lucke war das eine Steilvorlage. Er bereitet sich seit 2017 auf einen Gegenbeweis vor. Damals saß Lucke immer noch als Europaabgeordneter in Brüssel und schrieb an einem Dokument der Rechtfertigung. Für die Jahre 2013 bis 2015 listete er alle Maßnahmen auf, die unter seiner Führung gegen Rechtsradikale in der AfD unternommen wurden – samt Belegen. Es ging um jede Kleinigkeit. Das las sich so: „15. 5. 2013 – In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk wurde ich mit Äußerungen des (aufgrund von Wahlunregelmäßigkeiten) umstrittenen bayerischen Landesvorsitzenden Martin Sichert konfrontiert (...) Daraufhin beantragte ich im Bundesvorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen Sichert“. Im Januar 2018 hatte diese Rechtfertigung zwölf Seiten, aktuell ist sie schon 27 Seiten lang. Veröffentlicht hatte Lucke sie nie, er schickte sie aber an den Hamburger Asta, als er von den Vorwürfen hörte. Und er bat schon vor den Protesten um ein Gespräch mit den Studentenvertretern, das ihm aus Zeitgründen zunächst verwehrt wurde.

          Der letzte Punkt von Luckes Apologie ist zugleich der stärkste. Auf dem Essener AfD-Parteitag 2015 verlor er den Parteivorsitz nach einem langen Kampf gegen die Radikalen. Lucke hätte viele Möglichkeiten gehabt, sich durch eine Duldung der Rechtsnationalen im Amt zu halten. Diese Gelegenheiten ließ er aus. Nach langen Querelen gipfelte sein Kampf um liberale Prinzipien in seinem Plan, den homosexuellen Sohn eines Muslims in das Amt des Generalsekretärs zu bringen. Dazu kam es nicht mehr. Luckes Kampf um die AfD war verloren.

          Nach dem Eklat im Vorlesungssaal gab es eine Erklärung von Katharina Fegebank (Grüne), der Wissenschaftssenatorin und Zweiten Bürgermeisterin, und von Dieter Lenzen, dem Präsidenten der Hamburger Universität. In der äußerten beide, dass „Universitäten als Orte der Wissenschaft die diskursive Auseinandersetzung auch über kontroverse gesellschaftliche Sachverhalte und Positionen führen und aushalten müssen – insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte“. Kritik am Asta oder den Protesten gab es nicht.

          Nächsten Mittwoch will er wieder seine Vorlesung halten

          Am Donnerstag klingt es schon anders. Fegebank sagt auf Nachfrage: Die Rückkehr Luckes „emotionalisiert“. Es dürfe und solle diskutiert werden. „Wie im Hörsaal mit Herrn Lucke umgegangen wurde, widerspricht allerdings den Regeln fairer politischer und demokratischer Auseinandersetzung.“ Es sei legitim, dass der Asta zu Protesten aufrufe. Es gehe allerdings nicht, dass Luckes Lehrveranstaltungen niedergebrüllt würden. „Eine politische Auseinandersetzung ist wünschenswert, aber dafür sollten wir Formate außerhalb des Hörsaals finden“. Aus Behördenkreisen heißt es zudem, die Polizei habe seit langer Zeit Kenntnis von der Demonstration gehabt. Es habe vorab einen vertrauensvollen Austausch zwischen der Universität und den zuständigen Behörden gegeben, darüber hinaus seien von Beginn an „Präsenzkräfte“ der Polizei vor Ort gewesen. Gemeint waren offenbar Zivilbeamte. „Damit war die Sicherheit der Veranstaltung und von Herrn Lucke zu jeder Zeit gewährleistet.“

          Die Universität teilte mit, laut Polizei sei kein Einschreiten erforderlich gewesen, da keine Straftat festgestellt worden sei. In einem Gespräch zwischen Hochschulleitung und Lucke sei vorab besprochen worden, den Verlauf der ersten Vorlesung abzuwarten und erst bei weiter gehender Störung „entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“.

          Lucke erzählt am Donnerstag, wie beeindruckt er von „seinen“ Studenten gewesen sei im Hörsaal. Also jenen, die etwas über „Makroökonomik“ hören wollten. In ihre Reihe hatte er sich gesetzt und ausgeharrt. Wie eine Eins hätten sie zu ihm gestanden. Er gab Donnerstagmittag das Seminar „Bahnbrechende Beiträge zur Volkswirtschaftslehre“, ohne dass es zu Zwischenfällen kam. Am Nachmittag war ein Treffen mit dem Asta angesetzt – der sich am Donnerstag von den Störungen distanzierte – und danach mit Lenzen. Lucke hat schon angekündigt, weiterzumachen. Am nächsten Mittwoch gibt er wieder „Makroökonomik II“. Wenn man ihn lässt.

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