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Asylbewerber : Im Hotel, im Zelt, auf dem Kreuzfahrtschiff

Ein afrikanischer Flüchtling schläft in der St. Pauli Kirche in Hamburg Bild: dpa

Weil täglich 50 bis 80 Flüchtlinge nach Hamburg kommen, werden für die Unterbringung auch ungewöhnliche Lösungen erwogen. Bürokratie und Nachbarn verhindern jedoch so manche schnelle Unterkunft.

          Die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Hamburg ist eine Antwort des Senats auf die unvermindert steigende Zahl von Flüchtlingen. Anfang Juni wurde sie im südlichen Stadtteil Harburg im Postgebäude am Bahnhof eingerichtet. Dort gibt es 230 Plätze. Hinzu kommen für die Erstaufnahmeeinrichtung vier weitere Standorte, wo der Aufenthalt allerdings auf drei Monate begrenzt ist. Insgesamt gibt es dort 1.500 Plätze. Längst aber sind alle Kapazitäten erschöpft.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Jede Nacht kommen 50 bis 80 Menschen nach Harburg. Auch die Verteilung der Flüchtlinge ist schwierig, weil überall Unterkünfte fehlen. Nach Angaben der Innenbehörde müssten eigentlich etwa 700 Personen in Dauereinrichtungen verteilt werden. Zuständig sind dafür zwei Behörden: Der Innensenator hat sich um die Erstaufnahme zu kümmern, der Sozialsenator um dauerhafte Unterkünfte. Hektisch wird nach Lösungen gesucht. Die Ferienzeit bringt die etwas kuriose Situation mit sich, dass Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) derzeit Innensenator Michael Neumann (SPD) vertritt.

          Wohnschiffe beförderten Auseinandersetzungen

          Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten bringt Hamburg wieder Flüchtlinge in einem Hotel unter. 160 Plätze wurden im Stadtteil Hammerbrook angemietet. Solche Lösungen gibt es normalerweise nur für die Wohnungslosen, für die 250 Plätze in Hotels vorgesehen sind. Erwogen wird inzwischen auch der Einsatz von Wohnschiffen. Sogar von Kreuzfahrtschiffen ist die Rede. Wohnschiffe gab es vor zehn Jahren schon einmal. So wurden im Harburger Binnenhafen damals zwei ausrangierte DDR-Schiffe als Unterkünfte genutzt.

          Allerdings sind die Erfahrungen mit Wohnschiffen als Asylbewerberunterkunft in Hamburg nicht gut. Das wochenlange Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen auf engem Raum, mit ungesicherter Perspektive und unter auch sonst schwierigen Bedingungen führte bald zu Auseinandersetzungen und beförderte die Kriminalität.

          Dennoch wird im Hafengebiet nach möglichen Ankerplätzen für Schiffe gesucht. Die Hafenbehörde hat inzwischen einige Vorschläge gemacht, die Prüfung laufe, heißt es. Auch in Zelten sollen einiger der Flüchtlinge untergebracht werden. Der Senat hat dafür unter anderem in Harburg den Neuländer Platz gleich am Gebäude der Erstaufnahmeeinrichtung vorgeschlagen. Dort sollen drei Zelte für höchstens einhundert Asylsuchende aufgestellt werden.

          Die Zahl der Flüchtlinge wird enorm steigen

          Die Bezirksverwaltung hat jedoch Bedenken und andere Flächen vorgeschlagen. Anderswo haben Nachbarn gerichtlich verhindert, dass Container für Flüchtlinge auf einer Gewerbefläche aufgestellt werden können. Viel Zeit für die Diskussion bleibt nicht. Der Druck wächst von Tag zu Tag. 2010 kamen 3.500 Asylsuchende nach Hamburg. Im vergangenen Jahr waren es fast 8.000. 3.600 davon blieben in Hamburg, 50 Prozent mehr als noch 2012.

          In diesem Jahr wird die Zahl abermals enorm steigen. Gerechnet wird in der Innenbehörde mit einer Zunahme um 30 Prozent. Mit Abstand die meisten Flüchtlinge kommen – wie überall in der Bundesrepublik – aus Serbien. Auch steigt die Zahl der Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsgebiet Syrien. Der Flüchtlingsstrom wird auch für die Hamburger Schulen Konsequenzen haben. Nach den Sommerferien sollen Flüchtlingskinder in weit mehr als einhundert Klassen vor allem an Grund- und Stadtteilschulen unterrichtet werden.

          Vor einem Jahr waren es nur 77 Klassen. Das entspricht einer Verdoppelung innerhalb von zwei Jahren. Die Schulbehörde teilte mit, dass sieben Alphabetisierungsklassen und 19 internationale Vorbereitungsklassen neu eingerichtet werden. Und auch die Gymnasien werden einbezogen. Bislang gab es allein im Gymnasium Hamm fünf Vorbereitungsklassen. Nach den Sommerferien kommen fünf Gymnasien mit jeweils einer Klasse hinzu.

          Selbst die Stadtentwicklungsbehörde wurde inzwischen vom Flüchtlingsstrom erreicht. Senator Scheele bat, Wohnraum über die städtischen Wohnungsgesellschaften zur Verfügung zu stellen für etwa 1.300 Flüchtlinge, die als leicht integrierbar gelten oder gute Aussichten haben, Bleiberecht zu erhalten, weil sie aus sogenannten unsicheren Staaten kommen. Hamburg war bislang vor allem wegen der sogenannten Lampedusa-Gruppe in die Schlagzeilen geraten.

          Diese Flüchtlinge waren über das Mittelmeer nach Italien gekommen, wo die Behörden sie zur Weiterreise aufforderten – ausgestattet Bargeld und Touristenvisum. Längst nicht alle aus der Gruppe, die in Hamburg dank vieler Unterstützer gut organisiert ist, hatten sich bereit erklärt, ihre Identität preiszugeben und das reguläre Asylverfahren zu durchlaufen. Weil sie aus einem sicheren Drittstaat gekommen waren, haben sie nur geringe Chancen auf ein Bleiberecht.

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