https://www.faz.net/-gpf-70bdu

Umweltschutz : „Der WWF ist schizophren“

Spielt angeblich mit verdeckten Karten: der WWF Bild: AFP

Der Dokumentarfilmer und Buchautor Wilfried Huismann wirft dem World Wide Fund For Nature vor, der Natur mehr zu schaden als zu nutzen. Der WWF spiele nicht mit offenen Karten. Ein Interview.

          5 Min.

          Herr Huismann, Ihr Buch liest sich wie eine Anklageschrift gegen den World Wide Fund For Nature (WWF). Was haben Sie gegen diese Stiftung?

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Ich hatte nie etwas gegen den WWF. Es hat immer eine Sympathiewelle in mir ausgelöst, wenn ich den Panda irgendwo entdeckte. Aber im Rahmen einer Recherche über die ökologische Katastrophe in der chilenischen Lachsindustrie ist mir klargeworden, dass der WWF zu dieser Industrie sehr enge Beziehungen hat. Der WWF fördert diese bedenkliche Massentierzucht, indem er an einem „Nachhaltigkeitssiegel“ mitarbeitet, das aus meiner Sicht ökologisch wertlos ist.

          Das Siegel soll ja nur zeigen: Hier wird mehr für die Umwelt getan als gesetzlich vorgeschrieben. Jede Ernährungsweise hinterlässt doch einen „ökologischen Fußabdruck“.

          Ja, aber wenn für ein Kilogramm Lachs vier bis sechs Kilo wilder Fisch geopfert werden, vermindert das nicht den ökologischen Fußabdruck. Es fördert ein äußerst problematisches System. Der Lachs ist ein Raubfisch, und um ihn in der Aquakultur eiweißreich zu ernähren, muss man große Mengen wilden Fisch verfüttern. Selbst WWF-Mitarbeiter, die im Meeresschutz arbeiten, sagen: Es gibt keine nachhaltige Lachszucht, weil die Meere dadurch leer gefischt werden. Ich glaube, dass es vor allem um Profite der Fischindustrie geht und nicht um die Frage, wie sich die Menschheit sinnvoll ernähren kann. Ich ärgere mich darüber, wie hier Verbraucher hinters Licht geführt werden.

          Muss man denn nicht mit den Konzernen zusammenarbeiten, um sie zu verändern? Auf „Augenhöhe“, wie der WWF sagt?

          Natürlich, aber dazu muss man seine Unabhängigkeit wahren wie der BUND oder Greenpeace, die keine Spenden von Konzernen annehmen. Damit hat man eine Verhandlungsposition auf Augenhöhe und nicht, wenn man finanziell von denen profitiert, die man eigentlich kritisieren will. Das Gehalt einer Lachsexpertin des WWF Norwegen wurde jahrelang zu hundert Prozent von Marine Harvest bezahlt, dem größten Konzern der Branche.

          Firmenspenden machen laut dem WWF Deutschland gerade einmal sieben Prozent seiner Spendeneinnahmen aus.

          International ist das viel mehr. Und wenn die HSBC-Bank in London, eine der größten Banken der Welt, 100 Millionen Dollar springen lässt für ein Klimaschutzprojekt mit dem WWF, wird das Geld direkt in das Gemeinschaftsprojekt überwiesen. Es taucht dann nicht als Spende in der Bilanz des WWF auf. Hinzu kommen Lizenzeinnahmen, wenn Firmen den Panda zur Werbung einsetzen.

          Sie werfen dem WWF vor, nicht immer mit offenen Karten zu spielen. Können Sie das belegen?

          Nehmen wir nur das Projekt KAZA. Es geht um die Einrichtung eines grenzüberschreitenden Tierschutzgebietes in der Kavango-Zambesi-Region. Der WWF wirbt um Spenden für afrikanische Elefanten, die angeblich vom Aussterben bedroht seien. Tatsächlich gibt es in einigen Staaten zu viele Elefanten, nicht zu wenige.

          Das soll ja ein Sinn des Schutzgebiets sein, dass die Elefanten sich besser verteilen können.

          Aber die Partner des WWF sind dabei, im Süden Afrikas ein profitables Geschäft mit der Großwildjagd auch auf Elefanten einzurichten. Die Jagd ist in einem Teil des KAZA-Gebiets bereits ein gut laufender Wirtschaftszweig. Das wird allenfalls am Rande erwähnt. Der WWF wurde 1961 ja auch von Jägern mitgegründet. König Juan Carlos, der sich vor kurzem bei der Elefantenjagd in Botswana die Hüfte brach, ist spanischer Ehrenpräsident des WWF.

          Und mutmaßliches Mitglied des „Club der 1001“, einem Kreis von Förderern der Stiftung, die der Öffentlichkeit nicht genannt werden. Welche Namen haben Sie am meisten überrascht, als Sie die Mitgliederliste bekamen?

          Robert McNamara und Gerhard Stoltenberg. Fast alle anderen sind reiche Menschen, Unternehmer oder Banker, die auch ein wirtschaftliches Interesse haben an der strategischen Zusammenarbeit mit dem WWF. Verteidigungsminister fallen da aus dem Rahmen.

          Der Club hat doch gar keine Entscheidungsbefugnis. Welche Rolle spielt er heute überhaupt noch?

          Das ist die große Frage: Wer hat überhaupt Entscheidungsbefugnis beim WWF? Wahlen gibt es ja nicht. Es ist ein recht komplexes Netzwerk nationaler Organisationen mit einer Dachorganisation in der Schweiz. In den Vereinigten Staaten gibt es für Leitungspositionen beim WWF ein Ernennungskomitee, und das wird vom früheren Coca-Cola-Chef Neville Isdell geleitet. Das sind alles keine transparenten Verfahren, und dazu passt der Club der 1001 als grüne Elite-Loge ganz gut. Der Club ist nach wie vor aktiv. Ich habe auch versucht, seinen jährlichen Panda-Ball zu besuchen und Bilder zu machen - das lehnte der WWF mit größter Vehemenz ab.

          Was mögen Sie denn am WWF?

          Ich mag die Leute, die sich in Norddeutschland eingesetzt haben für den Schutz des Wattenmeers und die sich jetzt gegen die Vertiefung der Elbe wehren. Das ist sinnvoll. Das Problem ist, dass zwar auf der nördlichen Halbkugel gute Projekte gemacht werden, aber auf der südlichen Halbkugel hält der WWF mit seinen dortigen Organisationen nicht genug Distanz zu den größten Umweltzerstörern der Erde. Ich meine, dass die negativen Folgen der WWF-Politik stärker sind als ihre positiven.

          Sie meinen also, der WWF hat zwei Gesichter?

          Er ist in meinen Augen eine schizophrene Organisation. Und wenn er die gute Seite nicht hätte, würde auch die andere nicht funktionieren. Denn der Wert der Marke Panda für einen Großkonzern wie Coca-Cola oder Marine Harvest ist ja, dass er seine Waren besser verkaufen kann, wenn der Panda ihnen ein grünes Image verleiht. Und beim WWF ist der Einfluss echter Naturschützer, die über ihr ehrenamtliches Engagement gekommen sind, stark zurückgegangen. In führenden Funktionen sitzen Manager aus der Wirtschaft oder PR-Spezialisten. Allein der Geschäftsführer des WWF in den Vereinigten Staaten bekommt mehr als 500000 Dollar Jahresgehalt.

          Welche Rolle spielt das Geld?

          Der WWF ist aus meiner Sicht in erster Linie ein Geschäftsmodell. Er hat keine Scheu, mit großen Ölkonzernen Deals zu machen. Die Industriepartnerschaften haben weltweit zugenommen, in Deutschland entwickeln sie sich gerade erst. Hier fließt viel Geld vom Staat in Vorhaben, an denen der WWF beteiligt ist. So zahlt das Entwicklungshilfeministerium unter anderem für das Projekt „Heart of Borneo“, womit auch die angeblich nachhaltige Anlage von Palmölplantagen gefördert wird. Das Problem ist: Wo Palmölplantagen entstehen, muss erst einmal der Wald weg.

          Kann man die nicht auf Brachflächen anlegen? Dann würde der Regenwald geschont.

          Was in Indonesien vor 30 Jahren abgeholzt und zur Brachfläche wurde, ist heute wieder Wald. Es ist zwar Sekundärwald, aber von hohem Wert. Brachflächen, auf denen gar nichts wächst, gibt es eigentlich nicht. Und alle Flächen gehören jemandem, einem Dorf oder einem indigenen Volk. Die Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und die Mitverantwortung für deren Vertreibung kann der WWF nicht einfach von der Hand weisen. In Indien klagte die Stiftung sogar vor dem Obersten Gerichtshof, was in der Folge die Vertreibung von Ureinwohnern aus geplanten Naturreservaten beschleunigte.

          Der WWF gibt zu, dass das „zu den dunkelsten Kapiteln des Naturschutzes“ gehört. Aber man habe dazugelernt und lehne Zwangsumsiedlungen strikt ab.

          Das Kriterium der Wahrheit ist für mich immer die Praxis, nicht die Theorie. Ich sehe oft Widersprüche zwischen den Verheißungen in den schönen Prospekten und der Praxis, wie in Indien oder bei den Pygmäen in Uganda, die dem Tourismusprojekt Berggorillas weichen mussten und vor der Ausrottung stehen. Der WWF profitiert dort mit eigenen Gorilla-Touren direkt vom Ökotourismus.

          Sie werfen dem WWF vor, auch auf Gentechnik zu setzen. Aber der WWF lehnt Gentechnik auf internationaler Ebene ab. Wie passt das zusammen?

          Zur Gentechnik bekennen sich einzelne Länderorganisationen, und zwar ausgerechnet jene, die bei Anbau und Handel mit gentechnisch manipuliertem Soja entscheidend sind: aus den Vereinigten Staaten, Argentinien und den Niederlanden. Gentechnisch verändertes Soja ist in erster Linie für den europäischen Markt bestimmt, wo der größte Teil zu „Bio-Diesel“ wird. Die Bundeskanzlerin und andere Politiker haben irgendwann gesagt, wenn es stimmt, dass für Bio-Diesel Wälder verfeuert werden, dann fordern wir in der EU, dass ein Nachhaltigkeitsnachweis erbracht wird. Und das geschieht mit einem Siegel des „Runden Tisches für verantwortungsvolles Soja“. Das schließt Gen-Soja ausdrücklich ein. Der WWF war an der Gründung des Projekts beteiligt, und so ist das genmanipulierte Soja mit seiner Hilfe elegant in den europäischen Markt geschlüpft.

          Gen-Soja wird auch als Futtermittel in der Tiermast verwendet. Was essen Sie überhaupt noch?

          Ich esse überwiegend vegetarisch. Meine Töchter machen seit Jahren Terror. Wenn ich Fleisch esse, fragen die jedes Mal, ob ich mir vorstellen könnte, so ein Schwein selbst zu schlachten. Da ist mir allmählich der Appetit vergangen. Wenn ich mal Fleisch esse, dann im Restaurant - unbeobachtet.

          Mit dem Autor sprach Stefan Tomik.

          Wilfried Huismanns Buch „Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Pandas (Gütersloher Verlag, 2012) ist direkt beim Verlag erhältlich: www.randomhouse.de.

          Weitere Themen

          Tichanowskaja macht Druck auf die EU Video-Seite öffnen

          Sanktionen gegen Lukaschenko : Tichanowskaja macht Druck auf die EU

          Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat die EU aufgefordert, Sanktionen gegen Präsident Alexander Lukaschenko zu verhängen. Zudem bat sie die EU, Lukaschenko offiziell nicht mehr als Präsidenten von Belarus anzuerkennen.

          Zu nah am Chaparral

          FAZ Plus Artikel: Feuersbrunst : Zu nah am Chaparral

          Der Wind trug die Asche von der amerikanischen Westküste Tausende Kilometer weit. Dort brennen die Wälder, aber es hilft wenig, nur übers Forstmanagement zu schimpfen, wenn man gerne „naturnah“ wohnt und überall ein Klimawandel droht.

          Topmeldungen

           Visualisierung des Tunneleingangs auf der dänischen Seite in Rodbyhavn

          Streit um die Ostseequerung : Der Bau im Belt

          Unter der Ostsee soll ein langer Tunnel Deutschland und Dänemark verbinden. Der Widerstand ist heftig – aber nur in Deutschland. Ein Ortsbesuch.
          Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September

          „Hotel Ruanda“-Star entführt : In der Höhle des Löwen

          Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.