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Umstrittenes Familienpapier : Kinder profitieren von berufstätigen Müttern

  • -Aktualisiert am

Früh übt sich: In der Kindertageseinrichtung „forum thomanum“ in Leipzig kümmern sich neun pädagogische Mitarbeiter sowie fünf Sprachassistenten um 18 Krippen- und 82 Kindergartenkinder. Bild: dpa

Wenn Mütter wieder arbeiten, schadet das den Kindern: Das galt vielen in Deutschland lange als ausgemacht. Dabei profitiere die ganze Familie von berufstätigen Frauen, betont jetzt die konservative Konrad-Adenauer-Stiftung - und erntet dafür heftige Kritik.

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          Die Debatte über das richtige Maß der Erwerbstätigkeit von Müttern und die Folgen früher Fremdbetreuung schien beinahe beendet. Als im Juli das Bundesverfassungsgericht das Betreuungsgeld kippte, rief das nur in der CSU noch Protest hervor. Jetzt hat sich die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit einem Papier zu Wort gemeldet, das die positiven Folgen der Berufstätigkeit von Frauen für deren Kinder betont.

          Das ist ein bemerkenswerter Schritt. Familienverbände betrachten das Papier kritisch; die Verantwortlichen der Stiftung erhalten verwunderte bis erboste Rückmeldungen. Die Fronten zwischen Krippengegnern und Elterngeldgegnern haben sich sofort wieder formiert.

          Kinder berufstätiger Mütter haben teils bessere Noten

          Was ist geschehen? Eine Entwicklungspsychologin von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn hat für die Stiftung deutsche und internationale Studien über die Auswirkungen der Erwerbstätigkeit von Müttern zusammengefasst. Ergebnis ihrer Synopse: Kinder berufstätiger Mütter haben ebenso gute und zum Teil bessere Schulnoten als Kinder, deren Mütter überwiegend zu Hause sind.

          Das Vorurteil, Kinder erwerbstätiger Mütter litten sowohl seelisch als auch schulisch unter Vernachlässigung und unter dem Zeitmangel der Eltern, bestätigte sich nicht. Pisa-Daten zeigten hingegen eine höhere Gymnasialquote von Kindern berufstätiger Mütter. Sie seien auch häufiger in Begabtenklassen zu finden.

          Das schulische Selbstvertrauen und die Leistungsmotivation von Neunt- und Zehntklässlern waren höher, wenn die Mütter arbeiteten. Jugendliche in Haupt- und Realschulen hatten realistischere Vorstellungen vom Arbeitsalltag und konnten sich leichter für eine Ausbildung oder den weiteren Schulbesuch entscheiden, wenn ihre Mütter berufstätig waren.

          Für jüngere Kinder hält die Forscherin eine hochwertige Krippenbetreuung von bis zu 30 Stunden in der Woche für förderlich. Allerdings sollte das Kind nicht vor dem ersten Geburtstag dort untergebracht werden.

          Wenn die Mutter weiterhin sensibel auf das Kind eingehe, werde eine gefestigte Mutter-Kind-Bindung durch einen Krippenbesuch nicht gestört. Ein guter Kindergarten biete viele neue Lernerfahrungen; er fördere kognitive, sprachliche und soziale Fähigkeiten. In Deutschland profitierten insbesondere Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern von den Anregungen in Krippe und Kindergarten.

          Zwiespalt zwischen Rollenbild und Anforderungen im Job

          Erwerbstätige Mütter leben bisweilen im Zwiespalt zwischen einem traditionellen Mutterbild und den Anforderungen ihres Jobs. Das kann zu Schuldgefühlen führen. Die Autorin des Papiers, Una Röhr-Sendlmeier - als Professorin selbst Mutter dreier Söhne -, rät den Frauen, über das eigene schlechte Gewissen nicht mit den Kindern zu sprechen. Grundschulkinder hätten sich in Befragungen sehr positiv über die Berufstätigkeit von Frauen im Allgemeinen und speziell über die der eigenen Mutter geäußert.

          Eine Erkenntnis aus zahlreichen Studien, die eine Bonner Entwicklungspsychologin ausgewertet hat: Kinder berufstätiger Mütter haben ebenso gute und teilweise sogar bessere Noten als Kinder, deren Mütter überwiegend zu Hause sind
          Eine Erkenntnis aus zahlreichen Studien, die eine Bonner Entwicklungspsychologin ausgewertet hat: Kinder berufstätiger Mütter haben ebenso gute und teilweise sogar bessere Noten als Kinder, deren Mütter überwiegend zu Hause sind : Bild: dpa

          Nur dann, wenn Eltern oder das Umfeld eine negative Sicht auf die Erwerbstätigkeit der Mutter vermittelten, minderten deren Schuldgefühle auch das Wohlergehen des Kindes.

          Deutsche und amerikanische Studien zeigten, dass Väter in Familien mit berufstätigen Müttern gleichberechtigtere Rollenbilder vertraten. Tatsächlich beteiligten sie sich auch im Alltag stärker an Familien- und Haushaltsaufgaben. Die berufstätigen Mütter waren zufriedener und ausgeglichener als nicht erwerbstätige.

          Das resultierte aus den sozialen Kontakten im Beruf, den Einkommensvorteilen für die Familie und dem Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Lebenslauf zu behalten. Insgesamt überwogen in den zitierten Studien die positiven Effekte der mütterlichen Berufstätigkeit auf die Entwicklung der Kinder, so das Papier der KAS.

          Mehr Verantwortung für Väter

          Auf Väter kommt durch die Berufstätigkeit der Mütter allerdings deutlich mehr Verantwortung zu: Wenn beide Eltern etwa gleich viel zu Hause sind, müssen sie sich auf gemeinsame Erziehungsziele und -methoden einigen. Das kann das Familienleben komplizierter machen. Der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Job führt dazu, dass auch Väter bisweilen beruflich zurückstecken. Das macht jedoch für junge Männer das Vatersein offenbar nicht attraktiver - im Gegenteil.

          Nach der aktuellen Shell-Jugendstudie wünschen sich nur noch 57 Prozent der männlichen Jugendlichen eigene Kinder, 2010 waren es noch 71 Prozent. Bisher sagte die demographische Forschung, dass in Ländern, in denen egalitäre Rollenbilder vorherrschen und Frauen Familie und Beruf gut vereinbaren können, mehr Kinder geboren werden. Wenn das so bleiben soll, kommt wohl auf die jungen Frauen einige Überzeugungsarbeit zu.

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