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Umstrittener Gentest : Bluttest auf Down-Syndrom in Deutschland verfügbar

Der „Praena Test“ gilt als individuelle Gesundheitsleistung; die Kosten trägt die Schwangere selbst Bild: dpa

Der vorgeburtliche Test zur Diagnose von Trisomie 21 ist seit diesem Montag in Deutschland verfügbar. Die Debatte über die Rechtmäßigkeit der Zulassung dauert dennoch an.

          Der vorgeburtliche Test zur Diagnose des Down-Syndroms ist seit diesem Montag in Deutschland, in Liechtenstein, der Schweiz sowie Österreich verfügbar. Das teilte die in Konstanz ansässige Herstellerfirma „LifeCodexx“ mit. Der „nicht-invasive pränatale Gentest,“ so eine Sprecherin des Unternehmens, könne helfen, „bis zu 700 Kindern“ das Leben zu retten, weil die komplikationsreichen Fruchtwasseruntersuchungen für schwangere Frauen mit dieser Methode reduziert werden könnten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Für den Test ist nur eine Blutentnahme bei der Mutter notwendig, sofern sie sich in der zwölften Schwangerschaftswoche oder darüber befinde. Dann sei es mit Hilfe des Tests möglich, so das Unternehmen, das Down-Syndrom (Trisomie 21) sicher festzustellen. Kritiker, vor allem die katholische und die evangelische Kirche, hatten die Zulassung des Tests scharf kritisiert, einige hatten von einer „Rasterfahndung gegen das ungeborene Leben“ gesprochen. Vorerst wird der Test in mehr als 70 Frauenarztpraxen, Kinderwunschzentren, aber auch in Kliniken - etwa im Universitätsspital Zürich oder in der Frauenklinik im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt - als diagnostische Dienstleistung angeboten. Ein negativer Test bedeute nicht, dass das Kind gesund sei, da der Gendefekt am 21. Chromosom nur etwa die Hälfte aller Gendefekte ausmache. Sollte der Test positiv sein, empfiehlt „LifeCodexx“ zur genaueren Abklärung weitere diagnostische Schritte, wie etwa eine Fruchtwasseruntersuchung. Bei der Fruchtwasserpunktion liegt das Risiko einer Fehlgeburt bei 0,5 bis ein Prozent.

          Das „Fahndungsnetz“ wird immer enger

          Der „Praena Test“ gilt als individuelle Gesundheitsleistung; die Kosten in Höhe von 1250 Euro trägt die Schwangere selbst. Der Arzt entnimmt zwei Mal zehn Milliliter Blut der Schwangeren und schickt es ins Konstanzer Labor von „LifeCodexx“. In Deutschland muss gemäß dem Gendiagnostikgesetz sowie den Richtlinien der Gendiagnostik-Kommission ein qualifizierter Arzt die Frau „humangenetisch und ergebnisoffen beraten und aufklären“. Empfohlen wird der Test Frauen, die zu einer Risikogruppe gehören, die unter anderem erblich vorbelastet sind

          Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), bedauerte die Entscheidung. „Alle Erklärungen ändern nichts dran, dass dies ein weiteres Verfahren zur Selektion von Menschen mit Down-Syndrom bedeutet“, sagte der CDU-Politiker. Die Ankündigung der Hersteller-Firma, dass man an Diagnosen für Trisomie 13 und 18 arbeite, zeige, dass das „Fahndungsnetz“ immer enger werde.

          Nach Konformitätsprüfung freigegeben

          Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg hatte sich nicht imstande gesehen, die Zulassung des Tests zu unterbinden. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bezeichnet den Test als problematisch, verweist aber auf den Bundesgesetzgeber. Die fachlich zuständige Landessozialministerin Karin Altpeter (SPD) forderte eine „breite gesellschaftliche Debatte“, sie rechtfertigte den Test aber, weil er für die Mütter und die Kinder ungefährlicher sei als die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese). Am 31. Juli hatte das Regierungspräsidium den Test nach einer „Konformitätsprüfung“ frei gegeben.

          Ob es eine Möglichkeit gibt, den Test aufgrund bestehender Gesetze zu untersagen, ist unter Rechtswissenschaftlern umstritten: Der Gutachter des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Klaus Ferdinand Gärditz, hält eine Untersagungsverfügung durch das zuständige Landesministerium für möglich, um den Vertrieb der Test-Software oder der Dienstleistung zu verbieten. Gärditz begründet seine Auffassung damit, dass der Test die Rechte von Dritten, also den ungeborenen Kindern, gefährde. Das Medizinproduktgesetz schütze die Rechte von Dritten. Ein von der Konstanzer Firma beauftragter Rechtsgutachter war zur gegenteiligen Auffassung gelangt: Ein Verbot des Tests, so der Mainzer Rechtswissenschaftler Friedhelm Hufen, sei „unzumutbar und unverhältnismäßig“, bedroht sei nicht das „ungeborene Leben“, der Test stelle nur die „Ursachen einer möglichen Behinderung“ fest.

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