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Saudische Schule in Bonn : Kein Leuchtturm der Toleranz

Während einer Demonstration der als rechtsextrem eingestuften Partei „Pro NRW“ im Jahr 2012 beten Muslime vor der König-Fahd-Akademie in Bonn. Bild: Picture-Alliance

Seitdem in ihrer Moschee offen zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen wurde, ist die saudische König-Fahd-Akademie wohl die umstrittenste Schule Bonns. 2017 schließt sie nun. Allerdings nicht wegen der langjährigen Kritik.

          Als Mitte September 1995 in Bonn die vom saudischen Königshaus finanzierte König-Fahd-Akademie eröffnet wurde, war viel von einem Vorzeigeprojekt, gar von einem Symbol die Rede, mit dessen Hilfe der auch damals schon prophezeite „Zusammenprall der Kulturen“ erfolgreich bekämpft werden könne. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Von fundamentalistischem Islamismus an und in der Schule sprach die Kölner Bezirksregierung 2003 und wollte die Akademie schließen. Damals intervenierte das Auswärtige Amt, es sorgte sich um die Beziehungen der Bundesrepublik zu Saudi-Arabien – und um den Fortbestand deutscher Schulen dort.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nun hat Saudi-Arabien selbst entschieden, die Bonner Akademie zu schließen. Auch das ist ein Signal: Das Signal, dass sich das Königreich, das lange als Synonym für Reformstau galt, verändert. Wie weitreichend aus saudischer Perspektive die Entscheidung ist, zeigt bereits, dass das Land erstmals eine Institution abschafft, die mit dem Namen eines Königs verknüpft ist.

          Die vom stellvertretenden Kronprinz Muhammad Bin Salman Al Saud angeordnete Schließung der Akademie sei Teil des großen Reformprojekts seines Landes „Vision 2030“, sagte der saudische Botschafter in Berlin, Awwad Alawwad, dieser Zeitung.

          Da Deutschland über „eines der weltweit besten Bildungssysteme“ verfüge und Saudi-Arabien davon lernen könne, sehe die Regierung in Riad keine Notwendigkeit mehr für eine saudische Schule in Deutschland, so die Erklärung. Die Entscheidung sei getroffen worden, weil „wir unseren Schülern in Deutschland die Chance geben wollen, hier die besten Schulen zu besuchen“. Das helfe, die Ziele der „Vision 2030“ zu verwirklichen. Wer drei bis vier Jahre in Deutschland lebe, sollte die Landessprache sprechen.

          Schulschließung für bessere bilaterale Beziehungen

          Als ein Signal dafür, dass Saudi-Arabien begonnen habe, die „Vision 2030“ zu verwirklichen, will Alawwad die Schließung verstanden wissen. 60 Prozent der saudischen Bevölkerung sind 25 Jahre alt und jünger. Teil des großen Reformprojekts ist, dass Saudi-Arabien sein eigenes Bildungssystem modernisiert. „Da macht es keinen Sinn, in einem Land wie Deutschland mit einem der besten Bildungssysteme eine eigene Schule zu unterhalten.“ Auch der Bau einer Außenstelle der Akademie in Berlin wird deshalb gestoppt. Saudi-Arabien will nun sicherstellen, dass die Kinder arabischer Diplomaten auf bestehende Schulen gehen werden. Der Wirbel um die salafistischen Umtriebe an der König-Fahd-Akademie ist offenbar tatsächlich nicht der Grund für die Schließung. Er hatte sich schon in den vergangenen Jahren gelegt. Aber der Schatten der Akademie ist immer wieder auf die deutsch-saudischen Beziehungen gefallen. Ohne diesen Ballast dürfte es Saudi-Arabien leichter fallen, Kooperationspartner für Projekte im Königreich zu gewinnen, auch im Bildungswesen, sowie die bilateralen Beziehungen zu verbessern.

          Als die Akademie im Süden Bad Godesbergs vor 21 Jahren eröffnet wurde, war von einem „humanitären Projekt“ die Rede. „Wir müssen in einer Welt, in der wir den Aufbau neuer Feindbilder erleben, zu mehr Toleranz, Verständnis und Gemeinsamkeit kommen“, mahnte der damalige Außenminister Klaus Kinkel (FDP). Und Bärbel Dieckmann (SPD), damals Oberbürgermeisterin von Bonn, wünschte sich, die Akademie möge eine „feste Brücke für Toleranz und Dialogbereitschaft werden“. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Mit dem Regierungsumzug nach Berlin verließen auch die Botschaften Bonn. An die Fahd-Akademie kamen nun viele neue Kinder aus zumeist extrem konservativen muslimischen Familien. Sie waren aus ganz Deutschland nach Bonn gezogen, um ihren Nachwuchs auf die Akademie schicken und sie vor westlichen Einflüssen „schützen“ zu können.

          Mit ihren Zinnen und dem vergoldeten Turm wirkt die umstrittene König-Fahd-Akademie mehr wie ein Bollwerk Saudi-Arabiens in Bonn als eine Schule.

          Nach den verheerenden Anschlägen auf Amerika am 11. September 2001 nahm der Verfassungsschutz die Akademie verstärkt ins Visier, weil sich nicht nur in ihrem Umfeld muslimische Extremisten aufhielten. Wie nötig das war, zeigte sich, als 2003 in der Moschee der Akademie während eines Freitagsgebets offen zum „Heiligen Krieg“ gegen Nichtmuslime aufgerufen wurde. Die zuständige Bezirksregierung Köln sprach damals von „fundamentalistischem Islamismus an und in der Schule“. Die Schulaufsichtsbehörde hatte den Vorfall beim Freitagsgebet zum Anlass genommen, erstmals die arabischen Schulbücher, nach denen in der Akademie gelehrt wurde, genauer unter die Lupe zu nehmen, und kam zu alarmierenden Ergebnissen. In einem Geschichtsbuch für die sechste Klasse wurde eine strikt antijüdische und antiwestliche Sicht verbreitet. Von Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder der Gleichberechtigung der Geschlechter fand sich keine Spur. In manchen Schulbuch-Texten wurde Gewalt verherrlicht. Eine Passage eines Textes, den Schüler auswendig lernen sollten, konnte gar als direkte Aufforderung an die Schüler zum Sterben im bewaffneten Kampf im Namen Allahs verstanden werden: „Sei nicht zufrieden mit dem Geringen... Denn der Geschmack des Todes in einer armseligen Angelegenheit ist nicht anders als in einer großartigen Sache.“

          Weil eine Schließung damals außenpolitisch nicht opportun erschien, wandte die Bezirksregierung andere Mittel an, um das Problem in den Griff zu bekommen: die restriktive Auslegung der Verwaltungsvorschriften. Bis dahin war Schülern mit deutscher Staatsangehörigkeit die notwendige Ausnahmegenehmigung, ihre Schulpflicht an einer ausländischen Schule erfüllen zu dürfen, großzügig erteilt worden. Die Bezirksregierung nahm diese Genehmigungen zurück und erteilte keine neuen. Auf diese Weise wurde die Schule auf ein Drittel ihrer bisherigen Größe geschrumpft. Seither hat sich dort viel verändert. Gab es bis dahin nur eine Stunde Deutschunterricht, sind Englisch und Deutsch für die aus arabischen Ländern stammenden Kinder obligatorische Fremdsprachen. Seit 2014 fand in den Klassen elf und zwölf das englischsprachige „International Baccalaureate Program“ statt. Das radikale Umfeld, das die Akademie einst hatte, gibt es zwar noch immer – doch längst haben sich die Fundamentalisten andere Treffpunkte in Bonn gesucht. Als Symbol galt die Akademie dennoch weiterhin auch diversen Extremisten: 2012 kam es bei einer islamkritischen Kundgebung der rechtsextremen Partei „Pro NRW“ zu einer salafistischen Gegendemonstration mit heftigen Ausschreitungen; ein Salafist stach mit einem Messer auf zwei Polizisten ein und verletzte sie lebensgefährlich.

          Abhängigkeiten reduzieren, Änderungen auslösen

          Ohne die „Vision 2030“, die der stellvertretende Kronprinz Muhammad Bin Salman Al Saud im April vorgestellt hatte, würde die Bonner König-Fahd-Akademie nicht geschlossen werden. Dieses umfangreichste Reformprojekt in der Geschichte des 1932 gegründeten Königreichs soll zweierlei bewirken: Es soll die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Erdöl erheblich reduzieren; zudem soll die wirtschaftliche Liberalisierung gesellschaftliche Änderungen auslösen, die von oben her kaum durchsetzbar sind. „Die Schließung der König-Fahd-Akademie ist ein Signal für dieses Reformprogramm, dass wir über Reformen und Modernisierung sprechen, über eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und die Ermächtigung der Frauen“, sagt Botschafter Alawwad. Erstmals nahmen an Olympischen Spielen Athletinnen aus Saudi-Arabien teil. Ihre Delegation wurde von Reema Bint Bandar Al Saud geführt, der stellvertretenden Ministerin für Jugend und Frauensport. Sie ist die zweite Frau, die dem saudischen Kabinett angehört. In Saudi-Arabien wird erst jetzt Sportunterricht für Schülerinnen in den Grund- und den Sekundarschulen eingeführt. Auch gibt es in Saudi-Arabien keine öffentlichen Sportanlagen eigens für Frauen.

          Bereits vor der „Vision 2030“ hatte das Haus Saud die staatliche Unterstützung von extremistischen Moscheen und Predigern in Drittstaaten eingestellt sowie den Transfer von Geld an extremistische Bewegungen durch Private verboten. Das Umdenken hatte mit den ersten Terroranschlägen von Al Qaida 2004 in Saudi-Arabien eingesetzt. Saudische und deutsche Dienste kooperieren neuerdings und tauschen Erkenntnisse über Gefährder aus. Damit nicht weitere Generationen von Gefährdern heranwachsen, müssen die saudischen Schulen grundlegend reformiert werden. Ein Signal, dass es die saudische Führung ernst damit meint, ist die Schließung der König-Fahd-Akademie.

          Überraschung und Erleichterung bei Lokalpolitikern

          Die Bad Godesberger Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke (CDU) ist überrascht, dass die Akademie über die neuesten Entwicklungen „mit uns nicht gesprochen hat, obwohl wir seit mehreren Jahren einen konstruktiven Dialog aufgebaut haben“. Sie bedaure die Schließung, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Denn die Akademie bereichert die Schullandschaft. Trotz aller Friktionen in der Vergangenheit ist sie fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens hier in Bad Godesberg und schult nicht nur arabische Kinder, sondern auch Deutsche, die Arabisch lernen wollen.“

          Seit einigen Jahren bringt sich die Akademie ins Bonner Stadtleben ein: Sie ist bei „Käpt’n Book“ (einem großen Lesefest für Kinder und junge Erwachsene) und kooperiert sogar mit dem Bonner Frauenmuseum. Anfang 2015 fand in den Räumen der Akademie die Ausstellung „Vorbilder“ mit den Werken von neun Künstlerinnen statt. Auch der Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan (CDU) spricht von einer Öffnung in den vergangenen Jahren.

          Trotzdem ist er anders als seine Parteifreundin Stein-Lücke erleichtert über die Nachrichten aus der saudi-arabischen Botschaft in Berlin. Der Oberbürgermeister begrüßt „den Hinweis Saudi-Arabiens auf die Qualität des deutschen Bildungssystems, mit dem die Schließung begründet wird“. Selbstverständlich werde sich die Stadt Bonn nun rasch mit der Frage der weiteren Beschulung der Schüler der Akademie beschäftigen, verspricht der Oberbürgermeister. Ein größeres Problem dürfte das auch diesmal nicht darstellen. Als vor mehr als zehn Jahren nach der Aufhebung der Ausnahmegenehmigungen die Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit die Akademie verlassen mussten, wechselte der größte Teil an die öffentlichen Schulen in der Nachbarschaft.

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