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Polizei sucht Täter : Brandanschlag auf Ulmer Synagoge

Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm Bild: dpa

Die Polizei wertet die Videoaufnahmen aus, auf denen der Täter zu sehen sein müsste. Nach ersten Ermittlungen handele es sich um eine geplante und vorbereitete Tat.

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          Nach ersten Ermittlungen nimmt die Polizei an, dass es sich bei dem Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge um eine geplante und vorbereitete Tat handelt. „Wer am Samstagmorgen mit einer Flasche, gefüllt mit einer brennbaren Flüssigkeit, durch die Stadt geht, tut das sicher nicht aus Versehen“, sagte ein Sprecher des Ulmer Polizeipräsidiums der F.A.Z. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Brandstiftung. Eine Ermittlungsgruppe sei derzeit damit befasst, die Spuren auszuwerten, dazu gehöre auch die Sichtung der Videoaufnahmen. Eigentlich müsste der mutmaßliche Täter auf den Aufnahmen zu sehen sein.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Samstagmorgen gegen 8 Uhr, so berichtete ein Zeuge der Polizei, hatte ein Unbekannter das Gebetshaus angezündet. Der Zeuge habe sofort Feuerwehr und Polizei angerufen, Minuten später habe die Feuerwehr die Flammen gelöscht. Der Sachschaden beschränke sich auf eine verrußte Fassade samt einer Glasscheibe. Die Polizei ermittelt wegen versuchter Brandstiftung.

          Erst vor wenigen Tagen waren vor der Synagoge anti-isrealische Plakate in deutscher und englischer Sprache aufgestellt worden, deshalb könnte der antisemitische Brandanschlag auch einen ähnlichen, anti-israelischen Hintergrund haben, zumal er sich am Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete. Am 5. Juni 1967 hatte die israelische Luftwaffe gegen einige ägyptische Bodenstellungen einen Präventivschlag geführt, ein Grund hierfür war der Aufmarsch ägyptischer Truppen an der Grenze zu Israel.

          Die Ulmer Synagoge wurde erst 2012 fertiggestellt, sie liegt im Weinhof, in unmittelbarer Nähe des Schwörhauses und somit einige Meter südwestlich vom Ulmer Münster entfernt. Schon bei der Planung des Baus hatte sich die Jüdische Gemeinde mit der Polizei intensiv abgestimmt, um die Synagoge so gut wie möglich gegen Anschläge zu schützen. „Wir sind dort dennoch regelmäßig präsent“, sagte der Sprecher der Polizei. Dass jetzt wenig passiert ist, liege sicher auch an der Architektur der Synagoge. Im September 2017 gab es schon einmal einen Anschlag auf die Synagoge: Damals war die Fassade von einem offenbar antisemitischen Einzeltäter eingetreten worden.

          Synagoge 1868 erbaut

          Der Bau der neuen und architektonisch anspruchsvollen Synagoge geht auf Initiative des Rabbiners Shneur Trebnik zurück, der im Jahr 2000 nach Ulm gekommen war und der dem Anwachsen der jüdischen Gemeinde Rechnung tragen wollte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war in Ulm durch die Einwanderung vieler osteuropäischer Juden wieder ein nennenswertes Gemeindeleben entstanden. Auch der damalige Ulmer Oberbürgermeister Iwo Gönner und der Landtagsabgeordnete Martin Rivoir (beide SPD) sowie die anderen drei Fraktionen im Gemeinderat hatten die Neubauinitiative damals maßgeblich unterstützt. Trebnik ist seit vergangenem Jahr auch einer von zwei Polizei-Rabbinern in Baden-Württemberg.

          Die alte Ulmer Synagoge, 1868 gebaut, war am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört worden; 141 Juden waren von den Nationalsozialisten aus Ulm in die Konzentrationslager deportiert wurden. Besonders während der Industrialisierung spielten einige jüdische Fabrikanten in der Stadt, in der auch Albert Einstein geboren wurde, eine wichtige Rolle. Der Textilfabrikant Lebrecht zum Beispiel. Unter den Gewerbetreibenden sticht das 1914 gegründete bekannte „Schuhhaus Pallas“ der Familie Fried hervor.

          Zum Neubau der Synagoge – entworfen von der Kölner Architektin Susanne Gross – gehören auch eine Frauenempore, ein Ritualbad (Mikwe), ein Gemeindesaal, eine Bibliothek, ein Jugendraum und ein Kindergarten mit abgeschlossenem Terrassenspielplatz. Die jüdische Gemeinde Ulms zählt heute etwa 450 Mitglieder, ihr Einzugsgebiet erstreckt sich vom Bodensee bis nach Heidenheim.

          Um 18:45 Uhr soll es an diesem Samstag vor der Synagoge eine Solidaritätskundgebung geben, an der zum Beispiel der Ulmer Oberbürgermeister Gunther Czisch (CDU) und auch Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der grün-schwarzen Landesregierung, teilnehmen wollen. „Es kann nicht darum gehen anlässlich dieses Anschlags jetzt die gängigen Nie-Wieder-Reden zu halten, genauso wichtig muss die Frage sein, wie wir den antisemitischen Hasse, der sich durch die Digitalisierung in den sozialen Medien ausbreitet, besser bekämpfen können“, sagte Blume der F.A.Z. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will sich am Abend telefonisch bei der Jüdischen Gemeinde über die Lage informieren. Er verurteilte den Angriff.

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