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Übergriffe in Köln : Warum Rekers Empfehlungen hilfreich sind

Wie ist es richtig? Menschenmengen meiden oder selbstbewusst entgegentreten? Bild: dpa

Die Kritik an der Kölner Oberbürgermeisterin Reker ist ungerecht. Sie hat lediglich wiederholt, was die Polizei allen Frauen rät. Hinweise zur Sicherheit sollten doch willkommen sein. Ein Kommentar.

          Gehen Sie – gerade als Frau – selbstbewusst auf Gruppen von jungen Männern mit mutmaßlich nordafrikanischem Hintergrund zu. Hätte das die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfehlen sollen? Was war noch gleich skandalös und naiv an ihrer spontanen Antwort auf eine Nachfrage im Zusammenhang mit den sexuellen Übergriffen und weiteren Straftaten vor dem Kölner Hauptbahnhof?

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Sie hatte gesagt: „Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft.“ Und weiter: „Also von sich aus schon gar nicht eine große Nähe zu suchen zu Menschen, die einem fremd sind, zu denen man kein gutes Vertrauensverhältnis hat.“

          Was vielen so erschien, als würden hier die Opfer – die angegriffenen Frauen – zu Tätern gemacht, entspricht aber dem, was die Polizei stets in solchen Fällen empfiehlt.

          So empfiehlt die Gewerkschaft der Polizei in ihrem „Präventionsportal“ unter der Überschrift: „Gefährliche Orte meiden“: „Wenn man abends auf dem Nachhauseweg ist, und sich denkt, ,die Strecke würde ich jetzt eigentlich wenn’s dunkel ist besser nicht gehen‘, dann sollte man seinem inneren Bauchgefühl trauen und lieber einen Bus oder ein Taxi nehmen.“ Und weiter: „In Großstädten sind gefährliche Orte bekannt, und wenn man sie kennt, sollte man sie meiden.“

          Die Berliner Polizei empfiehlt: „Weichen Sie der Gefahr frühzeitig aus“. Konkret: „Gehen Sie Menschen, die auf Sie gefährlich wirken, bewusst aus dem Weg. Halten Sie Abstand. Auf der Straße wechseln Sie wie selbstverständlich die Straßenseite. Begeben Sie sich in Gefahrensituationen möglichst in die Nähe anderer Menschen. Wählen Sie bei Dunkelheit bevorzugt gut beleuchtete und belebte Wege.“

          Die Wirklichkeit sollte der Maßstab sein

          Nun sollten eigentlich ein Hauptbahnhof und der Bahnhofsvorplatz einer deutschen Großstadt ein relativ sicherer Ort sein – doch jeder weiß, dass das oft nicht so ist, auch wenn sich die Lage in manchen Städten deutlich verbessert hat. Aber es bleibt dabei: Nimmt man die Hüter von Recht und Ordnung ernst, muss man „gefährliche Orte meiden“. Dazu sagt der von der Gewerkschaft der Polizei zitierte langjährige Kriminalhauptkommissar und Trainer für Konfliktmanagement, Ralf Bongartz, ihm sei klar, dass das eine Diskussion über die sogenannten „No-go-Areas“ entfachen könnte. „Es wird ja gesagt, in einem Rechtsstaat darf es keinen Raum geben, an den man nicht gehen darf. Das stimmt auf der Ebene von Freiheits- und Grundrechten. Aber auf der Ebene der Wirklichkeit stimmt das nicht.“

          Aber die Wirklichkeit sollte doch der entscheidende Maßstab sein – nicht das Seminar im Staatsrecht. Der Staat kann die Gewährleistung von Sicherheit und Freiheit nicht an seine Bürger abtreten. Polizei und Ordnungsamt müssen den Anspruch haben, dass der öffentliche Raum ohne Gefahren betreten werden kann.

          Klar ist aber auch, dass darüber hinaus jeder Bürger für sich verantwortlich ist – und nicht wenige Bürger wenden sich ja ausdrücklich gegen eine zu starke Überwachung des öffentlichen Raums.

          Gewaltopfer sind vor allem männlich

          Und so wollen die Tipps der Polizei als Aufforderung verstanden werden, den gesunden Menschenverstand in Gefahrensituationen zu nutzen – folgen Sie Ihrem Gefühl. Ganz so einfach ist das aber nicht: Denn zum einen wird gefordert, Zivilcourage zu zeigen; zugleich aber davon abgeraten, „den Helden zu spielen“.

          Das „perfekte“ Opfer ist übrigens „schlecht trainiert, schlecht gelaunt, angetrunken, körperlich behindert, in sich gekehrt, zusammengesunken, unsicher“ – und ein Mann.

          Mehr als 90 Prozent der Opfer von Gewalttaten sind männlich. Das gilt jedoch nicht für Sexualstraftaten. Eines der Opfer von Köln war ja offenbar eine Polizeibeamtin in Zivil. Insofern IST eine besondere Warnung für Frauen auch sinnvoll. Verhaltensempfehlungen mit Blick auf fremde Kulturkreise unterscheiden sich ja auch sonst mit Blick auf das Geschlecht – wie jetzt auch Bundeskanzlerin Merkel erkannt hat.

          „Wer spezielle Handlungsanweisungen für Frauen fordert, hat nicht verstanden, was in Köln passiert ist“, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Nicht die Frauen trügen die Verantwortung, „sondern die Täter“. Gewiss, aber Frauen sind Opfer geworden. Hinweise zu ihrem Schutz sollten willkommen sein – wenn schon der Staat den öffentlichen Raum nur noch theoretisch sichern kann.

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