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Brüssel oder Berlin? : SPD-Politiker Martin Schulz vor dem Sprung

Der heimliche Held der SPD: Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz Bild: dpa

Martin Schulz glänzt als der heimliche Held einer angeschlagenen SPD. Viele glauben, dass der Präsident des Europäischen Parlaments die Sozialdemokraten aus der Krise holen könnte. Wäre Schulz damit sogar der ideale Kanzlerkandidat?

          Martin Schulz lebt gerade in zwei Welten. In Brüssel und Straßburg ist er der Präsident des Europäischen Parlaments. Er füllt dieses Amt machtvoller und sichtbarer aus als jeder seiner Vorgänger. In Berlin ist er der heimliche Held einer SPD, die mit sich und ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel hadert. Wenn Schulz irgendwo spricht, glänzen den Genossen danach die Augen: Ist das nicht der Mann, der die Partei von ihren erniedrigenden Umfragewerten erlösen könnte? Der wahre Kanzlerkandidat einer stolzen SPD?

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schulz spürt das, er führt viele Gespräche in diesen Tagen. Aber er würde nie direkt gegen Gabriel antreten. Beide sind befreundet, nicht bloß oberflächlich. Sie kommen aus einfachen Verhältnissen, klassisch-sozialdemokratisches Milieu, sie haben sich nach oben gekämpft und wissen ziemlich gut, wie die normalen Leute ticken. Sie sprechen deren Sprache, unverstellt und ohne technokratische Floskeln. Beide reden oft miteinander, nun auch über die Kanzlerkandidatur. Gabriel sondiert die Lage und die Stimmung in der Partei. Schulz ergründet seine Chancen in Brüssel.

          Die sind nicht gut.

          Sie sind sogar viel schlechter, als die meisten Leute in Berlin denken. Schulz hat sich in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der er kaum noch herauskommen kann. Ein einziger falscher Schachzug war daran schuld, Ende Juni, kurz nach dem Brexit.

          Damals hatte Schulz den Kommissionspräsidenten Juncker dazu überredet, für ihn zu werben, also für eine weitere Amtszeit an der Spitze des Parlaments. Denn sonst wäre ab Januar ein Konservativer dran, so wurde es nach der letzten Europawahl vereinbart. Also sagte Juncker in einem Interview, das beide gemeinsam gaben: In schweren Zeiten wechselt man nicht die Spitzenämter, Schulz solle im Amt bleiben, der Ratspräsident Tusk ebenfalls. Es klang ganz vernünftig, aber in der Fraktion der Europäischen Volkspartei, das sind die christlichen Demokraten in Europa, war danach der Teufel los. Wie konnten Juncker und Schulz über die Köpfe der Abgeordneten hinweg eine feste Verabredung brechen, von der zunächst Schulz (und die Sozialdemokraten) profitiert hatte?

          Schwerer taktischer Fehler

          Schulz hatte Junckers Einfluss auf dessen Parteifreunde überschätzt – ein schwerer taktischer Fehler. Denn die christlichen Demokraten leiteten sofort den Prozess ein, um selbst einen Kandidaten aufzustellen. Jene in der Fraktion, die gern mit Schulz weitergearbeitet hätten, konnten dem nichts entgegensetzen. Bis Mitte Dezember soll die Kandidatensuche abgeschlossen sein. Wenn die EVP sich nicht völlig zerstreitet – was möglich, aber unwahrscheinlich ist –, wird sie ihren Kandidaten durchbringen. Es gibt nämlich viele im Parlament, auch bei Grünen und Liberalen, denen das Licht von Martin Schulz viel zu hell strahlt. Sie wollen nicht länger im Schatten eines mächtigen Präsidenten stehen.

          Der SPD-Mann kennt die Lage genau. Europa ist seine Herzenssache, er hat zwei Jahrzehnte seines Lebens dort verbracht. Es waren gute, erfolgreiche Jahre. An einem Tag kann er mit Erdogan in Ankara verhandeln, und am anderen mit Ban Ki-Moon in Straßburg zu Mittag essen. Da fällt der Abschied schwer. Mit dem Pflaster in Berlin ist er nicht so vertraut. Vor Augen steht ihm, was Kurt Beck widerfuhr: erst in den höchsten Tönen gelobt, dann ruck, zuck von den eigenen Leuten weggemobbt. Zwanzig Jahre Brüssel gegen zwei Jahre Berlin? Einerseits.

          Mitten im Bürgertum

          Und andererseits: Vorsitzender der SPD, Kanzlerkandidat? Was gibt es Höheres für einen, der sechzig Jahre alt ist, körperlich in bester Verfassung, angetrieben von einer inneren Feder? Schulz sagt manchmal, dass er auch einfach aufhören könnte von einem Tag zum anderen, so wie einst mit dem Rauchen und Trinken – er war Alkoholiker. Aber dann hält er gleich darauf einen Vortrag darüber, wie ungewiss die Arbeitsverhältnisse geworden sind, wie die Menschen aufgefressen werden von der Unsicherheit, und dass für viele tausend Euro die Bezugsgröße ist, nicht die Milliarden, um die es in der großen Politik immer geht.

          Eines muss die SPD allerdings wissen: Mit Martin Schulz an der Spitze kann sie sich Rot-Rot-Grün abschminken. Schulz würde, anders als Gabriel, nicht einmal mit dieser Option spielen. Er gehört zum rechten Flügel seiner Partei. Im Europäischen Parlament brachte er seine Leute in eine große Koalition mit den christlichen Demokraten, darunter etliche widerstrebende Linke. Schulz und Juncker haben so die Verhältnisse auf den Kopf gestellt: Die direkt gewählten Abgeordneten und der direkt gewählte Kommissionspräsident bestimmen Europas Agenda, nicht mehr die einzelnen Staaten.

          In Brüssel wäre dieses Modell gefährdet, wenn Schulz weg ist. Aber in Berlin könnte er es fortsetzen. Kein anderer Sozialdemokrat wirkt so sehr in das Bürgertum hinein wie Martin Schulz.

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