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Attentat vom 20. Juli 1944 : Geteilter Widerstand

  • -Aktualisiert am

Nach der Explosion im „Führerhauptquartier“: NSDAP-Mitglieder begutachten die Zerstörung Bild: picture alliance / dpa

Siebzig Jahre nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli ist der alte Streit über die Motive und Methoden der NSDAP-Gegner beendet, wenn auch nicht gelöst. Über die verschiedenen Bilder des Widerstands.

          Wie viel Idealismus und Mut waren nötig, um sich der nationalsozialistischen Diktatur zu widersetzen und sich an einer Umsturzaufforderung oder an einem Aufstandsversuch zu beteiligen? Heutzutage wird schnell der Stab über die große Masse der gehorsamen Deutschen gebrochen – nicht zuletzt von Historikern, die im öffentlichen Auftrag die „braune“ Geschichte von Ministerien aufarbeiten und sich an NSDAP-Mitgliedschaften samt der Wiederverwendung von Beamten in der Bundesrepublik abarbeiten.

          Bei manchen Studien erkennt der Leser leicht: Opportunisten von heute schreiben über Opportunisten von gestern und sind fest davon überzeugt, dass sie keine Opportunisten gewesen wären, wenn sie gestern gelebt hätten. Dass die Zahl der Widerstandskämpfer gegen Hitler nach 1945 ständig zunahm, wird gern kolportiert. Einerseits wollte angesichts der enormen Menschlichkeitsverbrechen jeder angeblich irgendwie dagegen gewesen sein.

          Gegensätzliche Erinnerungen

          Andererseits hielt sich die nationalsozialistische Perspektive, die Männer des 20. Juli weiter als Eidbrecher zu brandmarken, weil sich die weitaus meisten Deutschen im Eidhalter wiedererkannten und damit exkulpierten. Alsbald differenzierte die junge Bonner Republik beim Bundeswehr-Aufbau zwischen Hochverrat, der auf den Sturz des Systems im Innern abzielte, und Landesverrat, der die äußeren „Feinde“ begünstigte. Mit Ersterem fand man sich langsam ab, Letzteres blieb durch den Kalten Krieg und die Spaltung Deutschlands verdammt.

          Generell entwickelten sich gegensätzliche Bilder vom Widerstand. Der Westen pflegte die Erinnerung an den Widerstand der Militärs vom 20. Juli, des Kreisauer Kreises, der Nationalkonservativen um Goerdeler und der Studenten der Gruppe „Die Weiße Rose“, solidarisierte sich zudem mit bürokratischen Eliten, die auf den Posten geblieben waren, um angeblich „Schlimmeres“ verhüten zu können.

          Der Widerstand von Kommunisten blieb lange unbeachtet

          Der Osten stellte sich in die Tradition des Widerstandes der Arbeiterklasse und der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, samt Exil-KPD und Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD). Im Zeichen von „Antifaschismus“ und „Befreiung durch die Rote Armee“ sah sich der SED-Staat in Frontstellung zur angeblich nationalsozialistisch unterminierten Bonner Republik. SED-Historiker verteufelten die reaktionäre Mehrheit der Verschwörer vom 20. Juli, weil sie eine gegen Moskau gerichtete Militärdiktatur errichtet hätten.

          Eine veränderte Sicht setzte 1967 mit der Stauffenberg-Studie von Kurt Finker ein – bis 1984 das Attentat in der „Wolfsschanze“ die Weihe der „antifaschistischen Aktion“ bekam, bei der als stimulierende Faktoren das NKFD sowie eine Stauffenberg zugeschriebene Sympathie für diese Hitler-Gegner hinter sowjetischem Stacheldraht gewirkt hätten. In der Bundesrepublik schenkte man lange dem Widerstand von Kommunisten und Intellektuellen, der „stillen Opposition“ vieler, der Solidarität mit Verfolgten und dem schwäbischen Schreiner und einsamen Attentäter Georg Elser wenig Beachtung.

          Bundeskanzler Kohl erwähnte den entschlossenen Elser am 20. Juli 1984 erstmals im Ehrenhof der Stauffenbergstraße. Fortan bewegten sich die Geschichtsbilder langsam aufeinander zu, bis hin zu der Überraschung, dass eine Delegation aus Ost-Berlin zur Eröffnung der Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Juli 1989 in den Westteil der Stadt reisen durfte.

          „Sie sind uns Vorbild“

          Damals kam es in der Bundesrepublik zu einem Eklat wegen der Einbeziehung des NKFD in die Ausstellung, was jedoch dem integralen Widerstandsverständnis von Ausstellungsleiter Peter Steinbach entsprach. Durch den Fall der Mauer geriet der Streit in den Hintergrund und kulminierte fünf Jahre später in einem publizistischen Feldzug, an dessen Spitze ein Stauffenberg-Sohn stand. Demgegenüber bekundeten die Angehörigen anderer Hitler-Gegner, der Widerstand sei „kein Familienbesitz“; nach der Vereinigung Deutschlands müsse endlich die Teilung in „östliche und westliche Erklärungsmuster überwunden“ werden.

          Der einst geteilte Widerstand ist mittlerweile also aufgeteilt auf das gesamte Spektrum der Regime-Gegner, die aus unterschiedlichen Motiven mit verschiedenen Methoden agierten. Einigkeit besteht darüber, dass manche Widerstandskämpfer nicht nur Wegbereiter Hitlers und Parteigenossen waren, sondern auch Täter von nationalsozialistischen Verbrechen, dass ferner der Widerstand weder der katholischen noch der evangelischen Kirche gehört, weder den Arbeitern noch den „Aristokraten“.

          Dass die Zeit der politischen Instrumentalisierung vorbei ist, machte das Auswärtige Amt vor wenigen Tagen deutlich, als es die in der DDR als „Kundschafterin Stalins“ verehrte Hitler-Gegnerin Ilse Stöbe als erste Frau in die Reihe der hingerichteten Widerstandskämpfer der alten Wilhelmstraße aufnahm. Überhaupt zeigt das Beispiel der Männer und Frauen des Widerstandes, wie Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung in der Stauffenbergstraße treffend sagte, „dass es auch unter widrigsten Umständen Menschen gibt, die aufrichtig und verantwortungsvoll, die einfach menschlich dachten, fühlten und handelten. Sie sind uns Vorbild, Mutmacher und Mahner.“

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