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Türkischer Nationalismus : Rudel auf Beutezug

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Topak war 14 Jahre alt, als er anfing, die Wolfskette zu tragen, eine Silberkette mit Wolf und Halbmond am Anhänger. Er sei dafür von Mitschülern geschlagen worden. „Das waren türkische Linksextremisten. Auch für meine Lehrer am Gymnasium in Hamm war ich der Faschist oder Fundamentalist und wurde schlecht benotet. Viele meiner Lehrer waren Kommunisten und Linke.“

Er ging fast täglich in den Kulturverein, damals trugen er und der heutige Vereinsvorsitzende, der auch in der CDU ist, lange Haare. Sie sprachen über türkische Geschichte, sangen Märsche vom türkischen Befreiungskampf, fuhren auf den Großkongress der Türkischen Föderation.

Der Vereinsvorsitzende, ein Mann mit trainierten Oberarmen und freundlichem Lächeln, führt durch die Unterrichtsräume im ersten Stock, wo Kinder Nachhilfeunterricht bekommen. Sein kleiner Sohn kommt angelaufen, klettert auf Vaters Arm. Im Verein könne man Saz spielen, sagt er, die orientalische Laute. Und Infoabende besuchen, zum Beispiel über das Internet: Da wird erklärt, dass man nicht mit unbedachten Videos und Kommentaren Dinge verbreiten soll, die der Organisation schaden. Man achtet hier sehr darauf, mit den deutschen Gesetzen im Einklang zu leben. Und die Aleviten? In der sunnitischen Türkei gelten sie als vom Glauben abgefallen. Angeblich gefährden sie den homogenen Staat, die Volkseinheit. Mit denen hätten sie keine Probleme, sagt der Vorsitzende. Es spielten sogar drei im Fußballverein mit. Schweigen. Lächeln. Er lädt den alevitischen Studenten zu einem Lagerfeuerabend ein. Dann muss er los, zu seiner Arbeit in der Drahtfabrik.

Unten liegen Zeitungen der Türkischen Föderation aus. Darin stehen Berichte über Veranstaltungen der Grauen Wölfe in vielen deutschen Städten. Immer sind die Hallen voll. Dazu Fotos von Kindern, die fröhlich basteln und den Wolfsgruß zeigen: Mittel- und Ringfinger treffen auf den Daumen, der Zeigefinger und der kleine Finger sind abgespreizt. Ein Wolfskopf.

An der Wand hängt ein Porträt von Alparslan Türkes, dem Gründer der Grauen Wölfe. 1943 wurde er als Hauptmann der Armee zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt, weil er ein großtürkisches Reich forderte und mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Er zitierte gelegentlich aus Hitlers „Mein Kampf“. Nach dem Krieg stieg er zum Oberst auf. Dann ging er in die Politik, bildete antikommunistische Vereine und baute eine straff organisierte Jugendorganisation auf, genannt Bozkurtlar, Graue Wölfe. Die gingen mit Gewalt gegen revolutionäre und demokratische Kräfte in der Türkei vor. 1973 schrieb der Führer seinen Anhängern: „Sollte ich umkehren, schlagt mich tot! Schlagt alle tot, die unsere Sache mitgemacht haben und umkehren wollen.“ Der Befehl wurde ernst genommen.

Auf einem Kongress der Türkischen Föderation, 1996 in der Essener Grugahalle, rief Türkes zu einem Marsch durch die Institutionen auf. Er empfahl, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen und in die Parteien zu gehen. Am besten in die CDU, denn die rechtsextremen Parteien seien zu unwichtig - und den Türken nicht wohlgesinnt.

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