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Türkische Gastarbeiter in Deutschland : "Oh, Meister, keine Heimat hier, keine Heimat da"

  • -Aktualisiert am

„Bereut haben wir es nicht“:Frühere Opel-Mitarbeiter heute Bild: Uta Rasche

In den Werkshallen war es für beide Seiten nicht einfach: für die Deutschen nicht, die viel als orientalische Kultur verbuchten - und für die Türken sowieso nicht.

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          Eine unscheinbare braune Tür zwischen einem Imbiss und der zugeklebten Scheibe eines geschlossenen Geschäfts führt ins "Café Huzur" am Löwenplatz. Kein Schild über der Tür, kein Fenster weist darauf hin, dass sich hier der Treffpunkt türkischer Rentner in der Rüsselsheimer Innenstadt befindet. Man steigt eine enge, steile Treppe hinauf in den Gastraum. Die Tischdecken sind aus dunkelrotem Samt und haben kreisrunde Löcher von der heruntergefallenen Zigarettenasche.

          Haydar Bulut betreibt das Café, seit fast 20 Jahren ist der 60 Jahr alte frühere Gastarbeiter Gastronom. Am späten Vormittag beginnt sich das Lokal zu füllen. Bulut bringt schwarzen Tee in kleinen Gläsern, jeweils zwei Stück Würfelzucker liegen auf der Untertasse. "Die Geschäfte gehen nicht mehr gut", klagt er. "Die Rentner haben zu wenig Geld. Und Opel hat so viele Türken entlassen."

          Nicht viel zum Sparen

          Auch seine Gäste verstehen sich aufs Klagen: Hüseyin Tayan etwa, 71 Jahre alt und seit zehn Jahren Rentner. "Die Miete ist so hoch", lamentiert er. "750 Euro Miete für eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, aber ich bekomme nur 846 Euro Rente." Ohne die Betriebsrente von Opel, 348 Euro, ginge es nicht. Die Finger seiner rechten Hand sind verformt von der schweren Zange, die er bei der Arbeit in der Metallumformung zu bedienen hatte. Früher, ja früher war alles besser: "3500 Mark netto habe ich verdient mit Schichtzulagen." Ob er von dem Geld nicht etwas zur Seite gelegt habe? Tayan hebt die Hände in die Luft: "Sechs Kinder, zehn Enkel!" Da braucht er gar nicht zu erklären, dass nicht viel zum Sparen blieb.

          Mit weißem Haar und rosigem Gesicht, Krawatte und goldenem Siegelring sitzt er am Tisch, ganz Patriarch. Von seinen drei Söhnen ist einer Taxifahrer geworden, die anderen sind arbeitslos, von seinen drei Töchtern arbeiten zwei. Aber in die Türkei zurückkehren, wo zumindest das Wohnen billiger wäre? "Nein, auf keinen Fall", sagt er. "Meine Heimat ist Deutschland. Ich bin hier freundlich aufgenommen worden. Ich hatte immer guten Kontakt zu deutschen Nachbarn und Kollegen." Ob er je seine Entscheidung bereut hat, nach Deutschland zu gehen? Tayan versteht die Frage nicht so recht. Er lässt sie sich übersetzen. Er schüttelt energisch den Kopf. "In der Türkei gab es doch überhaupt keine Arbeit damals." Er wurde beneidet, als er aus seinem Dorf in der ostanatolischen Provinz Tunceli nach Deutschland gehen konnte. Viermal so viele Bewerber gab es in Deutschland für Arbeitsplätze, als Gastarbeiter aufgenommen wurden. Zu Hause hatte er auf dem bescheidenen Hof seiner Eltern mitgeholfen - hier stand er bei Opel in der Werkshalle. "Ich wollte mehr Geld verdienen und besser leben, und ich wollte, dass meine Kinder eine gute Zukunft haben." Beides, so findet er, ist ihm gelungen.

          Genauso sieht es Ali Yildiz. Er ist ein ernster, schweigsamer Mann. Er kam 1969 mit 35 Jahren nach Deutschland und weiß noch genau, was er damals bei den Stahlwerken in Salzgitter verdiente: 700 Mark. Das war dreimal so viel wie die 600 türkischen Lira, die er als Beamter im staatlichen Tabak- und Alkoholverkauf seines Dorfes an der Schwarzmeerküste nach Hause brachte. Bei Opel wurde er Schweißer, und bis 1995 lebte er in Deutschland allein. Seine Frau zog die fünf Kinder groß, die er jedes Jahr im Sommer nur sechs Wochen lang sah. Er wollte, dass sie in der Türkei Schule und Studium beenden. Seine zwei Söhne leben nun in Deutschland, eine Tochter wohnt in London, die anderen beiden in der Türkei. Er selbst verbringt nun die meisten Monate im Jahr in der Türkei. "Es war eine gute Entscheidung, herzukommen", sagt er. Und die Einsamkeit? "Ich habe mich daran gewöhnt. Am Wochenende habe ich Bücher gelesen, war im Kaffeehaus, bin Rad gefahren und habe mit meiner Familie telefoniert."

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