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Türkei weist Botschafter aus : Eine maßlose Eskalation Erdogans

Eskaliert: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bild: Reuters

Präsident Erdogan ist zu einer Belastung für die Türkei geworden. Die Eskalation, die er vom Zaun gebrochen hat, mag für ihn selbst eine persönliche Genugtuung sein, sie schadet aber seinem Land.

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          Es ist ein selbst an den Maßstäben des türkischen Präsidenten beispielloses Vorgehen: Erdogan hat sein Außenministerium angewiesen, zehn Botschafter von Staaten, mit denen die Türkei eng verbunden ist, zu „unerwünschten Personen“ zu erklären. Sieben der Staaten gehören wie die Türkei der NATO an, sechs sind Mitglied der EU, der die Türkei angeblich weiter beitreten will. Die zehn Staaten stimmen sich nun ab, wie sie gemeinsam vorgehen. Das Mindeste wird sein, dass sie Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie sehr sich Erdogan mit diesem Schritt isoliert, wird er am nächsten Wochenende sehen, wenn sich in Rom die Staats- und Regierungschefs der G 20 treffen. Der Macht der Staaten, die Erdogan herausfordert, hat seine Türkei nichts entgegenzusetzen.

          Erdogan ist zu einer Belastung für die Türkei geworden. Die Eskalation, die er vom Zaun gebrochen hat, mag für ihn selbst eine persönliche Genugtuung sein, sie schadet aber der Türkei. Den Preis für das, was für ihn ein Zeichen mannhafter Stärke sein mag, werden die 82 Millionen Türken zahlen. Eine erschreckend falsche Politik treibt bereits die Inflation an und lässt den Wert der Türkischen Lira dahinschmelzen. Mit dieser neuen Eskalation beschleunigt er nur die Talfahrt der türkischen Wirtschaft, und Erdogan verprellt all jene, deren helfende Hände er eigentlich brauchte.

          Zudem zeigt der Umgang der Türkei mit ihrem prominentesten Gefangenen Kavala, wie weit Erdogans Republik und die westliche Wertegemeinschaft auseinandergedriftet sind. Für Erdogan ist der Fall Kavala der (durch nichts belegte) Beweis einer internationalen Verschwörung gegen ihn. Für den Rest der Welt ist er indes Anschauung dafür, wie die türkische Führung mit unliebsamen Stimmen umgeht und dass von einem Rechtsstaat nicht mehr die Rede sein kann. So wie Erdogan fest davon überzeugt ist, dass westliche Staaten, insbesondere die USA, 2016 am Putschversuch gegen ihn beteiligt waren, glaubt er jetzt, dass sich der Ruf, Kavala auf freien Fuß zu setzen, wieder gegen ihn direkt richtet. Deshalb entschied er wohl, einen lösbaren Fall maßlos eskalieren zu lassen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

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