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Boris Palmer : Kein Mann für Kinderschokolade

Endspurt: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer bei einem Zieleinlauf im September Bild: Imago

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist für sein aufbrausendes Temperament bekannt. Dass er sich ausgerechnet im Wahlkampf mit öffentlichen Entgleisungen unbeliebt macht, bereitet sogar den grünen Parteifreunden Sorgen.

          5 Min.

          Die Wahlkampagne gegen den „berühmtesten Dorfbürgermeister der Welt“ wird in einem alten Optikerladen vorbereitet. Die Holzvertäfelung aus der Nachkriegszeit ist noch vorhanden, einige Spiegel sind blind geworden. Der inhabergeführte Einzelhandel hat es überall schwer. Jetzt hat Beatrice Soltys das Ladenlokal für ein paar Wochen gemietet. Am 19. Oktober wird in der baden-württembergischen Universitätsstadt ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Geht es nach der 48 Jahren alte bürgerlichen Kandidatin, soll die Ära Palmer dann Geschichte sein.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Dort wo früher Brillen lagerten, hängen jetzt kleine politische Wunschzettel von Bürgern. Beatrice Soltys ist Kandidatin der CDU und möglicherweise der FDP. Sie sitzt an einem runden Bistrotisch und erzählt von sich und ihrem Programm, ihrer Kindheit in Rostock, der Flucht aus der DDR, ihrer Maurerlehre und ihrer Ausbildung zur Architektin, der Arbeit als Baubürgermeisterin in Fellbach – und dass sie vor einigen Jahren in Trier mit den Stimmen von SPD und Grünen fast schon einmal Baubürgermeisterin geworden wäre. Plötzlich scheppert die gläserne Ladentür. Boris Palmer stürmt in den Laden. „Was Sie da machen, Frau Soltys, das ist genau das, was bei uns in Tübingen überhaupt nicht geht“, sagt Palmer unwirsch. „Sie haben Ihren Mercedes in der Bushaltestelle ins Halteverbot gestellt.“ Die Kandidatin ist konsterniert. So schnell wie der Oberbürgermeister gekommen ist, verschwindet er wieder in den Gassen der Tübinger Altstadt. Die Wahlkampfmitarbeiter kommen aus dem Hinterzimmer und lassen sich von Beatrice Soltys ungläubig erklären, was sich zugetragen hat. „Das genau ist es, weshalb viele Tübinger Herrn Palmer nicht mehr wollen mit seinem Drang zur Erziehung und zur Bevormundung“, sagt Soltys.

          Die Bahn bot Palmer sogar einen Job an

          Vor acht Jahren wählten die Tübinger Boris Palmer überraschend ins Amt, er bekam 50,4 Prozent im ersten Wahlgang. Die politisch erfolgreiche, aber kommunikativ unbegabte Sozialdemokratin Brigitte Russ-Scherer hatte keine Chance gegen den Schwarz-Grün-Befürworter, der im Wahlkampf vom heutigen FDP-Landesvorsitzenden Michael Theurer und dem Stuttgarter Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) unterstützt worden war. Heute schimpfen viele Tübinger über den „Rotzlöffel“, „grünen Despoten“ und „Rechthaber im Rathaus“; Leserbriefe haben die Überschrift „Nie wieder Palmer“. Fast wäre es den Unterstützern von Beatrice Soltys sogar gelungen, namhafte Sozialdemokratinnen auf ihre Seite zu ziehen. Palmers Haupt- und Barthaar ist grau geworden. In den acht Jahren ist viel passiert. Nicht alles glückte, der grüne Shootingstar musste auch Niederlagen verkraften. Die grünen Parteifreunde schmissen ihn aus dem Parteirat. Palmers schwarz-grüne Papiere waren immer pointiert formuliert, aber die grünen Machtpolitiker in Berlin empfanden sie als störend. Und die Tübinger lernten einen Oberbürgermeister kennen, der mit Hilfe seines ersten Bürgermeisters Michael Lucke (SPD) effizient und verlässlich regierte, der aber auch nie eine Auseinandersetzung scheute. City-Maut, Tempo-40-Zonen, eine möglichst lückenlose Parkraumbewirtschaftung – Palmer ließ kein Thema aus, das jenseits der grünen Stammwählerschaft polarisieren musste.

          Der 42 Jahre alte Oberbürgermeister gehört zu den engsten politischen Beratern von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Wenn Kretschmann im Bundesrat vor einer wichtigen Entscheidung steht wie kürzlich, als es um die Reform der Asylgesetze ging, lässt er sich schon mal ins Tübinger Rathaus verbinden. Unbestritten gehört der Sohn des legendären „Remstalrebellen“ Helmut Palmer – ein Obsthändler, der fast 300 Mal vergeblich versuchte, Bürgermeister zu werden – zu den klügsten und profiliertesten Vertretern seiner Partei. Palmer ist Mathematiker, dank seines analytischen Verstandes kann er die Argumente des politischen Gegners innerhalb von fünf Minuten zu Staub schreddern. Ohne Palmer hätten die Grünen im Konflikt um den Stuttgarter Bahnhof ganz schön alt ausgesehen, die Bahn bot dem Verkehrsfachmann Palmer am Ende sogar einen Job an. „Lieber oimol d’Gosch verbrenna als dass oim das Brot en dr Gosch verschimmelt“, lautet eine schwäbische Weisheit von Palmers Vater, an die er sich in dem aggressiv geführten Wahlkampf hält. „Wenn die Tübinger sich einen anderen Oberbürgermeister anlachen wollen, der Politikphrasen von sich gibt, dann sollen sie das ruhig machen“, sagt Palmer immer wieder.

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