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Tschentscher im Interview : „Niemand kann seriös vorhersagen, wie es nach dem 19. April weitergeht“

Vor kurzem wiedergewählt: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) Bild: dpa

Wer Hamburg verlässt, wird wahrscheinlich kontrolliert: Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher über das Verhältnis zu den Nordländern, den schwierigen Aufbau von Intensivkapazitäten – und eine zu frühe Exit-Strategie.

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          Herr Bürgermeister, glauben Sie, dass Ihre berufliche Vergangenheit als Labormediziner Ihren Blick auf die Corona-Krise verändert?

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Ich bin in erster Linie Bürgermeister und konzentriere mich auf die Entscheidungen, die ich in diesem Amt für Hamburg zu treffen habe. Mein medizinischer Hintergrund hilft mir derzeit aber, einige Dinge etwas schneller einzuordnen.

          Hat es Ihnen denn geholfen, schneller den Ernst der Lage zu erfassen?

          Ich bin jedenfalls früh davon ausgegangen, dass uns das Virus erreicht, und mir war klar, dass es sehr wahrscheinlich ein echtes Problem wird. Aber die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die großen Folgewirkungen hat in Europa wohl niemand vorhergesehen.

          Anfang März reisten viele Hamburger in die Skiferien nach Österreich, in den täglichen Berichten Ihres Senats zur Corona-Lage stand lange der Hinweis, bei den meisten Corona-Infizierten handele es sich um Urlaubsrückkehrer und ihre Kontaktpersonen. Hätte Ihr Senat früher warnen müssen?

          Wir haben früher gewarnt als das Robert-Koch-Institut, haben aber lange Zeit nicht gewusst, dass Österreich zu einem Risikogebiet wird. Mit unseren Frühjahrsferien hatten wir in der ersten Phase der Epidemie durch die Reiserückkehrer einen Nachteil. Andererseits hatten wir den Vorteil, dass unsere Schulen bereits zwei Wochen früher geschlossen waren als in den anderen Ländern.

          Jetzt lassen sich die neuen Infektionen aber nicht mehr allein auf Urlaubsrückkehrer beschränken?

          Nein, jetzt nicht mehr. Was man aber auch sagen muss: Als klar war, dass Österreich ein Risikoland sein könnte und wir erste Fälle hatten, haben wir nicht mehr auf die Risikoeinschätzungen des Robert-Koch-Instituts gewartet und haben gewarnt. Wir waren da insofern schneller und haben konsequent gehandelt. Unsere Maßnahmen wirken gut. Die Dynamik der Virusausbreitung hat abgenommen, der Trend bei den Verdoppelungszahlen der Infizierten ist positiv. Mittlerweile ist die Zahl der Erkrankten pro Einwohner in Bayern und Baden-Württemberg höher als in Hamburg.

          Trotz anderer Empfehlungen zur Vorsorge hat man es in den Ländern verpasst, ausreichend Schutzmaterialien zu lagern, auch in Hamburg sind Masken Mangelware. Warum?

          Wir hatten Anfang März bereits Gesichtsmasken bestellt, weil wir früh an diesen Punkt gedacht haben. Es ging dann aber gar nicht mehr darum, rechtzeitig zu bestellen, sondern dass es durch den enorm gestiegenen Bedarf einen weltweiten Mangel gibt, dass Lieferketten unterbrochen werden und viele Länder die Ausfuhr von Schutzausrüstung unterbinden. Die Pandemiepläne sind theoretisch entstanden, wir haben an vieles gedacht. Aber von 100 Problemen in der Praxis erkennt man eben nicht alle im Voraus. Bei der Schutzausrüstung gibt es in Deutschland überall dasselbe Problem, niemand hat in Europa dieses Szenario vorhergesehen. Das wissen wir heute besser. Wenn die Krise überwunden ist, müssen wir das für die Zukunft beachten, also ausreichende Produktionskapazitäten im eigenen Land sicherstellen oder entsprechende Vorräte anlegen.

          Ihr Senat verweist mit Blick auf die Ausweitung der Intensivkapazitäten in den Krankenhäusern stets auf die Beatmungsgeräte, die der Bundesgesundheitsminister zugesagt habe. Wie steht es darum?

          Herr Spahn hat sehr früh zugesagt, dass er sich um die Beschaffung kümmert. Wir haben trotzdem auch mit unseren Krankenhäusern gesprochen, die sind mit ihren Lieferanten in Kontakt. Wir haben zum Beispiel erörtert, ob es noch funktionsfähige Altgeräte gibt, die man kurzfristig wieder einsetzen kann. Der Aufbau der Intensivkapazitäten hat jedenfalls begonnen, und wir haben dafür auch noch einige Wochen Zeit. Unsere Krankenhäuser konnten die Zahl der Intensivbetten in Hamburg bisher um etwa 60 erhöhen. Rund 300 weitere Betten können mit Beatmungsgeräten ausgestattet werden, die uns der Bund liefert.

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