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Tschentscher im Interview : „Niemand kann seriös vorhersagen, wie es nach dem 19. April weitergeht“

Aber wissen Sie, wann genau wie viel Geräte kommen?

Nein, bisher noch nicht. Es dauert natürlich auch, bis die Produktion hochgefahren ist.

Sie haben nach den ersten Gesprächen der Länder mit der Bundesregierung kritisch auf das Vorpreschen von Bayern geblickt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit in den vergangenen Tagen erlebt?

Ich habe kein Vorpreschen kritisiert, sondern mangelnde Koordination. Während der bayrische Kultusminister bei seinen Kollegen dafür eingetreten ist, die Schulen nicht zu schließen, hat sein Ministerpräsident am selben Tag das Gegenteil gefordert. So etwas stiftet Verwirrung. Es geht in einer solchen Epidemie um ein gemeinsames Vorgehen. Andere Bundesländer sollten nicht aus den Medien erfahren, dass ein Land neue Maßnahmen ergreift. Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, die Restaurants zu schließen oder die Friseure. Aber es nicht sinnvoll, dass in dem einen Bundesland die Maßnahmen so und in dem anderen anders entschieden werden. Dann machen sich nämlich die Leute auf den Weg, kaufen im Nachbarland ein, gehen dort zum Essen oder zum Friseur. Dadurch entstehen neue Wege und Infektionsketten, die wir ja gerade unterbinden wollen.

Gerade scheint Nordrhein-Westfalen etwas vorzupreschen mit Blick auf die Ausarbeitung einer Exit-Strategie.

Wir sind als Länder mit der Bundesregierung einig, dass wir die Kontaktbeschränkungen beibehalten müssen und deshalb keine falschen Signale senden dürfen. Derzeit ist die Dynamik des Infektionsgeschehens insgesamt noch zu hoch. Wir müssen erst einmal in eine Lage kommen, in der wir sicher sind, unser Gesundheitssystem nicht mehr zu überlasten. Bevor wir das nicht erreicht haben, dürfen wir keine Maßnahmen lockern und auch nicht die Disziplin verlieren. Gerade über Ostern lautet die Botschaft: Die Kontaktbeschränkungen müssen eingehalten werden, so schwer das während der Feiertage auch sein mag.

Glauben Sie, dass nach dem 19. April Lockerungen beschlossen werden können?

Es kann derzeit niemand seriös vorhersagen, wie es nach dem 19. April weitergeht. Noch ist zu vieles ungewiss. Wir werden gleich nach Ostern beraten, wie es ab dem 20. April weitergeht.

In Hamburg starten die Sommerferien früh, ist es denn realistisch, dass die Schulen vorher noch einmal öffnen?

Auch das lässt sich jetzt noch nicht festlegen. Wichtig ist, dass die Abiturprüfungen erst mal stattfinden.

Wie lange kann Ihre Stadt das wirtschaftlich aushalten?

Wir sind wirtschaftlich stark, deswegen wird auch der Einbruch stark sein. Aber wir haben eine breite Palette an Hilfen beschlossen, vom Kurzarbeitergeld über die Liquiditätshilfen bis hin zu kurzfristigen Krediten und Zuschüssen. Ich hoffe, dass wir damit einen strukturellen Schaden in den unterschiedlichen Branchen verhindern und es zu einer schnellen Erholung kommt.

In dieser Krise gibt es auch zwischenmenschlich Spannungen. Wenn die Hamburger gerade die Stadt verlassen wollen, kommen sie auf den meisten Straßen nicht weit, Polizisten aus Schleswig-Holstein kontrollieren fremde Kennzeichen, und Hamburger mit Zweitwohnsitz im Nachbarland fühlten sich zuletzt geradezu vertrieben. Droht da auch ein struktureller Schaden?

Das ist eine eigenständige Dimension, diese Psychologie, dass in der Krise plötzlich Kleinstaaterei beginnt. Die Bundesländer im Norden arbeiten sehr partnerschaftlich zusammen. Das muss so bleiben. Ich habe mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther über die Vorfälle in einigen Landkreisen gesprochen, und wir waren uns einig, dass das nicht sein soll. Aber Psychologie ist komplex und natürlich finden Hamburger es nicht gut, wenn es plötzlich heißt: Ihr überlauft unsere Kurorte, ihr seid ein Problem. Deshalb ist es wichtig, auf den rationalen Grund zu verweisen: Wir müssen unnötige Reisen verhindern, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

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