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Truppenabzug : Unruhe in Städten mit amerikanischen Kasernen

  • Aktualisiert am

Bush: Schneller und flexibler auf Bedrohungen reagieren Bild: AP

Präsident Bush hat die größte Umordnung der amerikanischen Streitkräfte seit dem Ende des Kalten Krieges angekündigt. Die betroffenen deutschen Garnisonsstädte fürchten den Verlust von Arbeitsplätzen und Kaufkraft.

          Der angekündigte dauerhafte Abzug von ständig in Deutschland und anderen europäischen Ländern stationierten amerikanischen Streitkräften hat in den betreffenden Garnisonsstädten schon vor Bekanntgabe der detaillierten Pläne große Unruhe verursacht.

          Das Auswärtige Amt gab am Montag an, der Truppenabzug sei vom amerikanischen Verteidigungsministerium schon vor mehreren Monaten angekündigt worden; es habe darüber auch "Konsultationen" mit deutschen Stellen gegeben. Die Vereinigten Staaten arbeiteten "seit geraumer Zeit" an einer "Umgruppierung" ihrer Streitkräfte, die nach dem Ende des Kalten Krieges und angesichts der neuen Herausforderung des internationalen Terrorismus notwendig geworden sei.

          Deutschland am stärksten betroffen

          Am Wochenende hatten Regierungsvertreter in Washington mitgeteilt, Bush werde am Montag in einer Rede in Cincinnati den Abzug von 70.000 Soldaten aus Europa und Asien sowie von 100.000 Familienangehörigen und Zivilangestellten ankündigen. Dem Vernehmen nach soll fast die Hälfte der gegenwärtig etwa 100.000 in Europa stationierten amerikanischen Soldaten dauerhaft verlegt werden; Deutschland, wo gegenwärtig etwa 70.000 Mann amerikanischer Truppen stationiert sind, ist von diesem Abzug naturgemäß am stärksten betroffen.

          Nach schon während des Frühjahrs bekanntgewordenen Absichten will das Pentagon unter anderem die erste Panzerdivision (Hauptquartier Wiesbaden) und die erste Infanteriedivision (Hauptquartier Würzburg) verlegen; außerdem soll der amerikanische Stützpunkt (US-Air Base) auf dem Flughafen Frankfurt/Main aufgegeben werden. Diese Verlegungen bedeuten zugleich das Ende für ein Dutzend kleinerer Garnisonen im Raum um Gießen und Friedberg. Es hieß am Montag jedoch auch, ein Teil des Abzuges könne womöglich durch die Stationierung neuer Truppenkontingente ausgeglichen werden.

          Gespräche mit russischer Regierung

          Sprecher der amerikanischen Garnisonsstädte äußerten sich am Montag besorgt und verlangten nach Ausgleichsmaßnahmen. Der Bürgermeister der rheinland-pfälzischen Gemeinde Baumholder, die einem großen amerikanischen Übungsgelände den Namen gibt, äußerte, ein Abzug der etwa 5000 am Ort stationierten Soldaten ziehe den Verlust von 600 Arbeitsstellen der deutschen Zivilbeschäftigten nach sich, abgesehen von einem Kaufkraftverlust, der mehr als 100 Millionen Euro im Jahr betragen werde.

          Der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld teilte auf dem Rückflug von einer Reise durch Asien und Europa mit, er habe mit dem russischen Verteidigungsminister Sergei Iwanow am Wochenende in St. Petersburg über die geplanten Umstrukturierungen gesprochen.

          Rumsfeld äußerte sich überzeugt, daß die russische Regierung keine Einwände gegen die Veränderungen haben werde, die über die nächsten "vier, fünf, sechs Jahre"in Anpassung an die veränderte Sicherheitslage erfolgen sollten. "Wir haben keine Pläne, irgendetwas dort in der Region zu tun", sagte Rumsfeld unter Bezug auf Rußland. Vielmehr beabsichtige die amerikanische Regierung einige Streitkräfte im Norden Europas zu reduzieren.

          Verständnis für amnerikanische Pläne

          Die Truppen würden nicht in Richtung Baltikum verlagert, vielmehr sei es sehr wahrscheinlich, daß viele zurück in die Vereinigten Staaten gebracht würden. Seine Regierung hege auch nicht die Absicht, in früheren Staaten der Sowjetunion feste Militärstützpunkte zu errichten. Es gehe darum, die Zahl von Militärübungen zu erhöhen und die Möglichkeiten zum Auftanken von Flugzeugen und für Notlandungen zu erweitern, sagte Rumsfeld zu entsprechenden Verhandlungen mit früheren Staaten der Sowjetunion in Zentralasien.

          Deutschland nehme angesichts der veränderten Sicherheitslage ebenfalls Truppenveränderungen vor und habe deshalb Verständnis für die amerikanischen Pläne, sagte Rumsfeld. "Wir wollen unsere Truppen dort, wo sie gebraucht werden", fügte er hinzu. In Deutschland solle es auch in Zukunft feste amerikanische Militärstützpunkte geben, versicherte er. Dazu hieß es ergänzend aus der Regierung in Washington, Amerika wolle mindestens einen großen Luftwaffenstützpunkt behalten, um von dort aus zum Beispiel Truppen in den Nahen Osten bringen zu können.

          Neue, globale Sicherheitsstrategie

          Zu Bushs Motiven für die Umstrukturierung, über die im Pentagon schon seit Jahren diskutiert wird, sagten Regierungsmitarbeiter, der Präsident wolle damit die Herausforderungen im Kampf gegen den Terrorismus in eine neue, globale Sicherheitsstrategie einbinden. Ziel der Umstrukturierung sei es, schneller und flexibler auf Bedrohungen reagieren zu können.

          Zugleich sollten bestehenden Partnerschaften gestärkt und neue Bündnisse geschmiedet werden. Die Jahresversammlung der Veteranen in Cincinnati, ist für beide Kandidaten eine wichtige Station im Wahlkampf. Bushs demokratischer Herausforderer, der Vietnamveteran Kerry, wird dort am Mittwoch ebenfalls eine Rede halten.

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