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Kommentar zum Truppenabzug : Jubeln reicht nicht

Ein amerikanischer Soldat dirigiert gepanzerte Fahrzeuge und Panzer 2020 beim Entladen im Hafen von Antwerpen. Bild: dpa

Trumps Argumente für den Truppenabzug aus Deutschland waren lächerlich. Strafen und rächen sind keine erfolgversprechende Methoden. Bidens Kehrtwende ist eine Chance. Berlin sollte sie nutzen.

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          Die neue Regierung Biden hat den Plan der Vorgängerin, amerikanische Truppen aus Deutschland abzuziehen, erst einmal gestoppt. Diese Kehrtwende war, wie so viele andere bereits vollzogenen Korrekturen, erwartet worden – sie ist richtig, sie ist im Interesse aller Beteiligten und kann dazu beitragen, den Glauben an die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit Amerikas wieder zu stärken. Denn die Abzugsentscheidung des damaligen Präsidenten Trump vom vergangenen Sommer fußte nicht auf einer strategischen Analyse; sie erhöhte weder die Sicherheit der Vereinigten Staaten noch verbesserte sie die Abschreckungsfähigkeit der Nato. Einziger Zweck war es, das Straf- und Rachebedürfnis Trumps gegenüber Deutschland zu stillen. Die nachgereichten „Argumente“ der zivilen und militärischen Führung des Pentagons überzeugten nicht mal die Republikaner im Kongress. Sie waren schlicht und einfach lächerlich. Vermutlich amüsierte sich nicht zuletzt der Kreml darüber.

          Strafen und rächen sind keine erfolgversprechenden Methoden, um ein Militärbündnis zu führen. Vielmehr spielen sie dem Gegner in die Hände. Biden dagegen ist ein Allianzloyalist, der weiß, was er, was also Amerika an der Nato und an seinen Partnern hat, trotz deren Mängel in Sachen Ausrüstung und Fähigkeiten.

          Deshalb legt er die Abzugspläne erst einmal auf Eis und ordnet eine Überprüfung an. Wenn sich dabei unter militärischen, geopolitischen Effizienzgesichtspunkten ergeben sollte, dass sich, zum Beispiel, Kommandozentralen geographisch optimieren ließen, dann wäre dagegen nichts einzuwenden. Aber sie Deutschland zu entziehen, weil man es dafür bestrafen will, dass die deutschen Verteidigungsausgaben unzureichend seien – die Wende zum Besseren ist vor einigen Jahren eingeleitet worden –, ist, gelinde gesagt, kindisch. Es war ein Beispiel, welch Geistes Kind Trump war (und ist).

          Unter und mit Biden besteht die Chance, über die Sicherheitsinteressen der Nato und ihrer Mitgliedstaaten in Gegenwart und Zukunft vernünftig zu reden und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen. Dazu gehören Klarheit und Ehrlichkeit darüber, was jeder Partner dazu beitragen soll und kann. Jetzt, da im Weißen Haus wieder Rationalität eingezogen ist und angesichts einer für den Westen mindestens herausfordernden weltpolitischen Großwetterlage darf sich Deutschland dieser ehrlichen Diskussion nicht entziehen. Es muss seinen Beitrag leisten. Darüber zu jubeln, dass amerikanische Standorte hierzulande erhalten bleiben, so verständlich das ist, langt nicht.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          (K.F.), Politik

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