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Trumps Präsidentschaft : Angst um Amerika, Liebe zu Deutschland 

  • -Aktualisiert am

Demonstranten in Berlin protestieren mit einer auf dem Kopf stehenden amerikanischen Flagge gegen Donald Trump. Bild: AFP

Viele Amerikaner, die in Berlin leben, kämpfen gegen Donald Trump. Sie zahlen gerne Steuern und haben Angst vor einem neuen Antiamerikanismus. Über ein Treffen mit therapeutischer Wirkung.

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          Er sei zwar gerade sehr beschäftigt, schreibt der 28 Jahre alte Amerikaner Jake Schneider kurz vor dem Treffen in Berlin, doch er werde kommen, denn: „It's important.“ Das Thema ist zu wichtig, der Gesprächsbedarf zu groß – nachdem das Unvorstellbare Gestalt angenommen hat. Donald J. Trump ist seit einer Woche Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und darüber zu sprechen, scheint nicht nur Jake Schneider ein riesiges Bedürfnis, sondern auch den anderen in Berlin lebenden Amerikanern, die an diesem Mittag in einem Café im Bezirk Mitte verabredet sind. Eine Diskussion, die für sie schon fast eine therapeutische Wirkung hat, wie sie später sagen werden. Es ist, als müssten sie sich endlich einmal all das von der Seele reden, was sie zu lange schon bedrückt und umtreibt.

          Er habe Heimweh, sagt Steven Gill zur Überraschung aller am Tisch Versammelten – es ist kein Heimweh im eigentlichen Sinne, eher der Wunsch, nicht länger tatenlos zusehen zu müssen, Trump endlich etwas entgegensetzen zu können. „Ich würde gerne zurückgehen, weil ich denke, dass ich etwas bewirken könnte“, erklärt der 42 Jahre alte Gill, der seit fünf Monaten in Berlin lebt, um seine hier arbeitende Frau als Vater und Hausmann zu unterstützen, ehe die Familie im Sommer in den Bundesstaat Georgia zurückkehrt. „Ja, da ist ein Gefühl der Verzweiflung“, stimmt ihm Benjamin Johnson zu, der 39 Jahre alte Physiker aus Alaska, „und das Bedürfnis, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“

          Steven Gill, 42: „Ich würde gerne zurückgehen, weil ich denke, dass ich etwas bewirken könnte“
          Steven Gill, 42: „Ich würde gerne zurückgehen, weil ich denke, dass ich etwas bewirken könnte“ : Bild: Thorsten Glotzmann

          Denn es ist etwas kaputt gegangen in der amerikanischen Gesellschaft. Jake Schneider, der vor fünf Jahren mit einem Stipendium nach Berlin kam, nimmt eine Form der Entfremdung wahr. Sein Freund, ein Brite, habe mit dem Brexit im vergangenen Jahr ähnliches durchgemacht und ihn noch vor der Präsidentschaftswahl im November vorgewarnt: „Sei dir nicht so sicher!“ Als das Unvorstellbare dann Wirklichkeit und Trump zum Präsidenten gewählt wurde, da war Jake Schneider plötzlich klar, was für ein Privileg es war, in Deutschland leben zu dürfen. Heute geht es ihm mit seiner Heimat wie seinem Freund mit Großbritannien: „Das waren nicht mehr die Länder, die wir zu kennen glaubten.“

          Unter den in Berlin lebenden Amerikanern sucht man vergebens nach Trump-Anhängern, auch in dieser Runde gibt es keinen, der den neuen Präsidenten auch nur ansatzweise verteidigen würde, im Gegenteil: als gut ausgebildete Akademiker sind sie allesamt Teil jener Elite, die Trump und seinen Anhängern so verhasst ist. „Alles Akademische ist für sie gleichbedeutend mit nutzlos“, sagt Adam Wilkins, der 72 Jahre alte Biologie-Dozent, der gerade ein Buch über die genetische Entwicklung von Gesichtern geschrieben hat. Sein Hund Wolfgang wuselt aufgeregt unter dem Tisch umher und bellt gelegentlich, als wolle auch er seinen Unmut äußern.

          Ann Wertheimer, 72: „Wir leben in einer Blase“
          Ann Wertheimer, 72: „Wir leben in einer Blase“ : Bild: Thorsten Glotzmann

          „Schämen Sie sich denn nicht?“

          „Diese anti-akademische Haltung macht mich wahnsinnig“, sagt Steven Gill, der einen Doktor in Geschichte hat und sich für die LGBT-Community einsetzt. Benjamin Johnson arbeitet am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Jake Schneider überträgt Gedichte ins Englische. Sie alle sind an wissenschaftliche Erkenntnismethoden und rationale Erklärungen gewohnt. Für sie ist es selbstverständlich, Behauptungen zu belegen. Doch in Zeiten alternativer Fakten und gefühlter Wahrheiten kommen sie damit nicht weiter. Wie soll man sich schon Trumps Unberechenbarkeit erklären, die erratische Besetzung seines Kabinetts – oder die Tatsache, dass Menschen gegen ihre Interessen wählen, dass sie Trump für smart halten, nur weil er reich ist und ein guter Entertainer.

          „Wir leben in einer Blase“, sagt Ann Wertheimer, die vor ihrer Pensionierung an der FU Berlin Englisch unterrichtet hat. Mit ihren 72 Jahren ist sie die Älteste in der Runde, 1944 als Tochter ausgewanderter deutscher Juden in New Jersey geboren, eine schlagfertige Frau, die sich als Vorsitzende des Vereins American Voices Abroad Berlin gegen Trump und die Rechtspopulisten Europas engagiert. Als kürzlich ein nett aussehender älterer Herr durch ihre Nachbarschaft tingelte und an ihrer Tür klingelte, um für die AfD zu werben, da fragte sie ihn: „Schämen Sie sich denn nicht?“ Der Mann lief rot an und ging. Aber hätte sie ihn nicht zu sich in die Wohnung bitten sollen, fragt sich Ann Wertheimer, um die Sache geduldig mit ihm auszudiskutieren, wie sie es früher gemacht hätte?

          Jake Schneider, 28: „It’s important.“
          Jake Schneider, 28: „It’s important.“ : Bild: Thorsten Glotzmann

          In Deutschland sei das Diskussionsniveau immerhin noch vergleichsweise hoch, stellt Benjamin Johnson fest, wenn er die Talkshows der öffentlich-rechtlichen Fernsesender verfolgt. Ob man mit einer Politikerin wie Sahra Wagenknecht übereinstimme oder nicht, sie könne ihre politischen Ansichten und die Linie ihrer Partei – im Gegensatz zu Tea-Party-Republikanern – wenigstens genau begründen. „Die Voraussetzung für eine Demokratie ist eine gut informierte Wählerschaft“, sagt er, „in den Vereinigten Staaten ist das nicht mehr der Fall.“ Auch die Art und Weise, wie Bundeskanzlerin Merkel auf Trumps Erfolg bei der Präsidentschaftswahl reagiert hat, sei ein gutes Beispiel für die deutsche Diskussionskultur, meint Ann Wertheimer. Wie sie ihm eine enge Zusammenarbeit auf der Basis bestimmter Werte angeboten hat – eine Aussage, die allein aufgrund ihrer Komplexität unter seinem Radar blieb. „Das könnte auch in Zukunft ein guter Weg sein, mit Trump umzugehen“, sagt sie.

          „Ich zahle meine Steuern gerne“

          Heute in Deutschland zu leben, das bedeutet für die Amerikaner auch: sich bei einem gebrochenen Bein keine finanziellen Sorgen machen zu müssen, sich auf eine soziale Absicherung verlassen zu können. „Diese Gesellschaft ist menschlicher“, sagt Adam Wilkins. Sie gebe armen Menschen nicht so sehr das Gefühl, selbst schuld an ihrer Situation zu sein. „Wenn ich in den Vereinigten Staaten durch die Straßen gehe“, ergänzt Benjamin Johnson, „habe ich anders als in Deutschland oft das starke Gefühl, dass die Menschen, die mir begegnen, in extremer Not sein könnten.“ Allein deshalb zahle er gerne in die Krankenversicherung ein. Einhellige Zustimmung in der Runde. „Als ich zum ersten Mal Einkommenssteuer gezahlt habe“, erzählt Ann Wertheimer, „sagte mein Vater zu mir: Du solltest dich darüber freuen. Und ja, ich zahle meine Steuern gerne, weil ich mehr oder weniger weiß, dass durch sie gute Dinge geschehen können.“

          Benjamin Johnson: „Die Voraussetzung für eine Demokratie ist eine gut informierte Wählerschaft“
          Benjamin Johnson: „Die Voraussetzung für eine Demokratie ist eine gut informierte Wählerschaft“ : Bild: Thorsten Glotzmann

          Natürlich gab es all diese Unterschiede zwischen mitteleuropäischen Sozialdemokratien und den wirtschaftsliberaleren Vereinigten Staaten auch vor Trump, doch dessen erste Amtshandlung bestand eben darin, Obamas Gesundheitsreform in Teilen rückgängig zu machen. Und die meisten seiner Minister haben sich auf ihre Fahnen geschrieben, staatliche Regulierungen zu beseitigen, Steuern für Unternehmen zu senken und – wo nur möglich – zu privatisieren.

          Was also tun? Auf eine Amtsenthebung hoffen oder darauf, die vier Jahre möglichst unbeschadet zu überstehen? Mit Ausnahme von Steven Gill, der sich von Juli an wieder für Minderheiten in seinem Land stark machen wird, wird keiner der Anwesenden so bald in die Vereinigten Staaten zurückkehren. „Nein, ich habe nie an eine Rückkehr gedacht“, sagt Adam Wilkins, der schon seit mehr als 40 Jahren im Ausland lebt, sechs Jahre davon in Berlin. Benjamin Johnson schließt es immerhin nicht aus, sich eines Tages aktiv in die amerikanische Energiepolitik einzumischen, als Wissenschaftler die Energiewende voranzutreiben. „Wir alle müssen unseren Bereich finden und unseren Kampf fortsetzen“, sagt er. Und bis dahin? Abgeordnete anrufen – wie es Adam Wilkins und Ann Wertheimer bereits tun, Protestmärsche organisieren, diskutieren, sich eine Stimme verschaffen, vor allem: nicht nur zusehen. It's important.

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