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Das Triell, das keines ist : Hauptsache, die Zeit stimmt

Deutliche Unterschiede: Scholz, Baerbock und Laschet Bild: dpa

Das Triell wird als Bewährungsprobe fürs Kanzleramt stilisiert. Wichtige Kompetenzen kommen im TV-Showdown aber gar nicht zum Ausdruck. Noch ist nichts entschieden.

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          Die Zuspitzung einer langen Auseinandersetzung auf einen entscheidenden Dreikampf ist eine Erfindung der Veranstalter solcher Inszenierungen. Es sind eigentlich auch keine Trielle, aus denen müsste nämlich ein klarer Sieger sichtbar hervorgehen, sondern moderierte Schaulaufen. Dass der zweifellos interessierte Wähler diese Shows geradezu braucht, um seine Wahl zu treffen, ist Wunschdenken. Denn die wirklich wichtigen (Sach-)Fragen etwa nach Zukunftssicherung, Energieversorgung, öffentlicher Verwaltung und Verschuldung, ja dem Staat und der Gesellschaft allgemein werden allenfalls angetippt. Hauptsache, die Redezeit stimmt.

          Hinzukommt, dass auf koalitionären Dauerfragen herumgeritten wird, dass die Kandidaten in der Live-Situation ins Schwitzen gebracht oder dazu getrieben werden, einen unbedachten Satz fallen zu lassen oder Fehler zu machen. Der TV-Showdown wird so zur Bewährungsprobe für das Kanzleramt stilisiert – nach dem Motto: wer hier schon schwächelt, der blamiert sich auf der Weltbühne; wer schon im Berliner Provinztheater wie ein Lauch dasteht, der wird von Putin erst recht zu Gemüse gemacht.

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          Aber ganz so schlicht ist es dann doch nicht. Gestelzt vor die Kameras treten und geschliffene Reden ablesen, das ist das eine. Manche Kompetenz kommt aber auf der (Fernseh-)Bühne kaum oder gar nicht zum Vorschein: Verhandlungsgeschick, Zuhören können, Vertrauen gewinnen, Kümmern und Managen – die Wiedervereinigung etwa wäre ohne diese Eigenschaften des oft von Medien verspotteten Helmut Kohl niemals vollendet worden.

          Kohl und Merkel haben, wie einige ihrer Vorgänger, Geschichte geschrieben. Aber eben nicht als Herrscher, und schon gar nicht allein. Gewählt werden Bundestagskandidaten und Parteien. Doch der Zwang zur Koalition und die ständige Abhängigkeit der Regierung von Parlament und auch vom Bundesrat legitimieren den Kanzler – und hegen ihn ein. Vorerst aber geht es angesichts großer Unterschiede zwischen den Parteien um nichts weniger als um eine Richtungsentscheidung zu dieser Republik. Noch ist nichts entschieden.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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