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Trauerfeier für Montazeri : „Vater der Menschenrechte“

  • Aktualisiert am

Trauer und Protest in Ghom Bild: dpa

Trauer lässt sich nicht verbieten: Mehr als hunderttausend Iraner haben in Ghom Abschied von Großajatollah Montazeri genommen. Die Trauerfeier wurde zur Demonstration. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Opposition - und Protesten gegen Revolutionsführer Chamenei.

          In der iranischen Theologenstadt Ghom haben mehr als Hunderttausend Iraner Abschied von Großajatollah Hossein-Ali Montazeri genommen. Montazeri war am Sonntag im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war der ranghöchste schiitische Geistliche in Iran und ein scharfer Kritiker der Islamischen Republik.

          Die Trauerprozession verlief nach Angaben von Teilnehmern weitgehend friedlich. Erst nach der Prozession sei es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Oppositionellen gekommen. Da die Regierung die Berichterstattung über die Bestattungszeremonie stark eingeschränkt hatte, liegen über das Ausmaß der Zusammenstöße keine verlässlichen Aussagen vor. An der Trauerprozession nahmen die Oppositionsführer Mussawi und Karrubi teil. Die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi würdigte Montazeri als den „Vater der Menschenrechte“ in Iran.

          Trotz einer massiven Präsenz von Sicherheitskräften skandierten Oppositionelle Slogans gegen Staatspräsident Ahmadineschad und Revolutionsführer Chamenei. Sie bezeichneten Chamenei einen „Mörder“ und seine Herrschaft „illegitim“. Sie riefen ebenfalls: „Unterdrückter Montazeri, nun bist du bei Gott.“

          Chamenei kondolierte dessen Familie. Sein Schreiben zeigt indes, wie tief gespalten Iran und sein Klerus ist. Zwar würdigte Chamenei seinen früheren Widersacher, im theologischen Rang weit über ihm, als einen „herausragenden Schriftgelehrten“. Er fügte aber hinzu, er hoffe, Gott werde ihm vergeben, weil er eine „entscheidende Prüfung“ nicht bestanden habe. Chamenei spielte dabei auf den Konflikt Montazeris mit dem Vater der Revolution, Chomeini, an. Ihm hatte der jetzt Verstorbene nachfolgen sollen, doch kurz vor seinem Tod änderte Chomeini das. Denn Montazeri hatte Massenhinrichtungen politischer Dissidenten kritisiert.

          Vor dem Haus Montazeris, in dem er seit 1997 unter Hausarrest stand, ging die Polizei gegen skandierende Demonstranten vor. Die bewarfen darauf die Polizei mit Steinen. Mehrere Hunderte Mitglieder der Bassidsch, der Freiwilligenmiliz der Revolutionswächter, riefen darauf vor Montazeris Haus Slogans für Chamenei. Vereinzelt kam es in Teheran zu kleineren Kundgebungen, ebenso in Montazeris Geburtsstadt Nadschafabad nahe Isfahan.

          Das Regime fürchtet, dass die Trauerzeremonien für Montazeri ein neuer Impuls für Kundgebungen der Opposition werden könnten. Die Trauerfeiern für Montazeri fallen mit der schiitischen Passionszeit im Trauermonat Muharram zusammen. (Siehe auch: Der Beginn des Glaubens ist die Trauer)

          In Qom waren die Sicherheitskräfte seit dem frühen Montagmorgen in Alarmbereitschaft. Sie kontrollierten die Busse auf dem Weg von Teheran in das 130 Kilometer entfernte Qom und schickten einige zurück. Iranische Webseiten berichten, dabei seien Personen verhaftet worden, unter ihnen Schüler von Montazeri.

          Klerus bleibt gespalten

          Montazeri war ein Stachel im Fleisch des politisch aktiven Klerus Irans. Um die Integrität der Religion zu retten, hatte er für eine Trennung von Politik und Religion plädiert. Scharf kritisierte er Chamenei, der ihn deshalb 1997 unter Hausarrest stellen ließ. Nach der Präsidentenwahl vom vergangenen Juni verlieh er der Opposition Legitimität, als auch er die Wahl als gefälscht bezeichnete und die Diktatur in der Islamischen Republik anprangerte. Sein Tod ist für die Opposition ein schwerer Schlag. Der Verlust seiner kritischen Stimme ist nicht zu ersetzen.

          Andererseits bietet die Trauerzeit für Montazeri eine weitere Gelegenheit für Kundgebungen, die das Regime sonst unterdrückt. Trauerkundgebungen für einen Großajatollah kann es jedoch nicht untersagen. Von den mehr als hunderttausend Teilnehmern der Begräbnisprozession in Ghom schwangen zahlreiche Teilnehmer grüne Fahnen und trugen die grüne Farbe, das Erkennungszeichen der Opposition.Sie skandierten Slogans gegen die Regierung Ahmadineschad und für Oppositionsführer Mussawi.

          Tag der nationalen Trauer

          Mussawi und auch der oppositionelle Karrubi nahmen an der Prozession teil und riefen in einer gemeinsamen Erklärung, die auf Mussawis Website veröffentlicht wurde, einen Tag der nationalen Trauer aus. Die zentrale Zeremonie fand in der Moschee der Masumeh statt, wo die Tochter des siebten Imams der Schiiten, Musa al Kazim, begraben liegt.

          Da das Regime mit einer massiven Sicherheitspräsenz in Teheran jede Kundgebung der Opposition im Keim erstickt, weichen die Demonstranten auf staatliche und religiöse Feiertage aus. Der Tod Montazeris bietet ihr weitere Gelegenheiten. So fällt der siebte Trauertag nach der Bestattung am kommenden Montag mit Aschura zusammen, dem Höhepunkt der schiitischen Passionszeit, die der Ermordung Husseins im Jahr 680 in Kerbela gedenkt.

          Bereits am Montag haben Sicherheitskräfte Busse von Oppositionellen, die auf dem Weg nach Ghom waren, aufgehalten und zurückgeschickt. Die Regierung untersagte den in Iran akkreditierten Journalisten für ausländische Medien die Berichterstattung über die Begräbniszeremonie in Ghom und erließ für inländische Journalisten massive Beschränkungen. Teilnehmer in Ghom stellten aber Berichte ins Internet. ( (Siehe auch: Iran: Ayatollah Montazeri gestorben: Chameneis Gegenspieler)

          Ghom ist eine der heiligsten Städte der Schiiten und Hochburg der religiösen Lehre im Iran. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz liegt etwa 150 Kilometer südlich von Teheran am Rande der Kawir-Wüste. Mit der Gründung der arabischen Kolonie Ghom im 8. Jahrhundert entstand hier eines der Zentren des Schiismus, der heute Staatsreligion im Iran ist.

          Der Ruhm der Oasenstadt, in der knapp eine Million Menschen leben, gründet sich auf die Grabmoschee der Fatima. Sie war die Schwester des Imams Resa, des achten in der Reihe von zwölf Imamen, die nach schiitischem Glauben legitime Nachfolger des Propheten Mohammed sind. Das um 1600 erbaute Heiligtum lockt jedes Jahr Millionen von schiitischen Pilgern nach Ghom. Die islamischen Gelehrtenschulen des Ortes mit schätzungsweise etwa 50 000 Schülern aus 70 Ländern gelten als die bedeutendsten der Welt. Von Ghom aus rief Ajatollah Khomeini 1979 zur islamischen Revolution auf.

          In der Nähe der Stadt liegen reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen. In der Umgebung werden Getreide, Baumwolle, Obst, Nüsse und Schlafmohn angebaut. Ghom ist auch für seine Teppiche bekannt. (dpa)

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