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Trauer um Kardinal Lehmann : „Klare Position im Glauben, Offenheit im Denken und Reden“

Mit einem Requiem im Mainzer Dom wurde der frühere Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann feierlich verabschiedet. Zu den Trauergästen gehörten neben der Familie Lehmanns Würdenträger aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Bild: dpa

Abschied von einem großen Theologen und Menschenfreund: In Mainz erweisen Tausende dem verstorbenen Karl Kardinal Lehmann die letzte Ehre. Bei der Zeremonie im Dom finden Weggefährten lobende Worte.

          Die Zahl der geladenen Gäste ging in die Hunderte. Repräsentanten von Staat, Kirchen, Politik und Gesellschaft waren dabei, hinzu kamen mehrere Tausend Bürger. Sie alle nahmen am Mittwoch in Mainz mit einem Trauerzug und einer feierlichen Totenmesse Abschied von Karl Kardinal Lehmann. Dessen Nachfolger im Amt des Bischofs von Mainz, Peter Kohlgraf, würdigte den Verstorbenen in seiner Predigt mit den Worten, wie nur wenige habe Lehmann „in seiner Person und seinem Wirken die wissenschaftliche Theologie, den priesterlichen und bischöflichen Dienst mit der Seelsorge, der Zuwendung zu den Menschen“ verbunden. Das Vermächtnis Lehmanns fasste Kohlgraf so zusammen: „Klare Position im Glauben, Offenheit im Denken und Reden.“ Der Bischof, der von 1987 bis 2008 auch das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz bekleidete und von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 in das Kardinalskollegium berufen wurde, war am 11. März nach langer Krankheit im 82. Lebensjahr gestorben.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Geradezu überfüllt war der Mainzer Dom. Kohlgraf zitierte dort aus dem „Geistlichen Testament“, das Lehmann im Jahr 2009 verfasst hatte und das mit der Lesung erst öffentlich gemacht wurde: „Wir haben uns alle, gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche. Dies gilt auch für mich. Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung. Die Erneuerung muss tief aus Glaube, Hoffnung und Liebe kommen. Deshalb rufe ich allen die Worte meines Wahlspruchs zu, die vom Heiligen Paulus stammen, und mir immer wichtiger geworden sind: ,Steht fest im Glauben!’“ Tiefen Einblick in das Fühlen und Denken des Verstorbenen gewährt auch eine weitere Passage: „Unter zwei Dingen habe ich immer wieder und immer mehr gelitten: Unsere Erde und weithin unser Leben sind in vielem wunderbar, schön und faszinierend, aber sie sind auch abgrundtief zwiespältig, zerstörerisch und schrecklich. Schließlich ist mir die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht, immer mehr aufgegangen. Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde. Wehret den Anfängen!“

          Ein Trauerzug für Karl Kardinal Lehmann fuhr über den Marktplatz durch die Mainzer Altstadt zum Dom. Bilderstrecke

          Die Bundesrepublik Deutschland war bei den Trauerfeierlichkeiten durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und den vormaligen Bundestagspräsidentes Norbert Lammert vertreten. Namens der Bundesregierung war die aus Rheinland-Pfalz stammende Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner nach Mainz gekommen. Für die Länder, auf deren Gebiet sich das Bistum Mainz erstreckt, waren Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz), Volker Bouffier (Hessen) und Winfried Kretschmann (Baden-Württemberg) anwesend. Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte nach Informationen dieser Zeitung gerne persönlich dem verstorbenen Kardinal ihre Reverenz erwiesen, doch setzte das Bistum die Beisetzung Lehmanns just für den Tag ihrer ersten Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag nach ihrer Wiederwahl an. Die Bundeskanzlerin wird an diesem Donnerstag einem Requiem beiwohnen, das in der Berliner Hedwigs-Kathedrale gefeiert wird.

          Unter den sieben Kardinälen und mehr als dreißig Bischöfen, die Lehmann das letzte Geleit gaben, waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, sowie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Marx fasste seine Wertschätzung für Lehmann in die Worte, er sei ein „großer Menschenfreund“ gewesen und habe das, „was Gott ihm an Gaben gegeben habe, eingebracht in die Kirche und in die Gesellschaft, für das Evangelium“.

          Im Anschluss an Marx würdigte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, das Engagement Lehmanns für die Einheit der Kirchen: „Sein Herz war einfach zu weit, um in irgendwelche konfessionelle Korsette zu passen“, sagte der bayerische Landesbischof. „Gerade weil er die Theologie so ernst nahm, hat er sich nie mit der Trennung der Kirchen abgefunden und ökumenisch wegweisende theologische Denkarbeit geleistet.“

          Aus Rom angereist war außer Gerhard Ludwig Kardinal Müller, einst Schüler Lehmanns und bis zum vergangenen Jahr Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, auch Lehmanns mittlerweile 85 Jahre alter Weggefährte Walter Kardinal Kasper. Seit den sechziger Jahren waren beide Männer als Theologieprofessoren, als Bischöfe und als später als Kardinäle bei aller Verschiedenheit der Temperamente oft eines Sinnes. Von Joseph Kardinal Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. traf in Mainz kein Zeichen der Anteilnahme am Tod des Mainzer Kardinals ein – was bemerkenswert ist, denn während des Requiems für den im vergangenen Juli verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner hatte der vormalige Papst ein langes, lobendes „Wort des Gedenkens“ verlesen lassen. Lehmann und Ratzinger waren sich seit den siebziger Jahren menschlich wie theologisch immer fremder geworden. Im Streit über die Beteiligung der Kirche an der Schwangerenkonfliktberatung war Ratzinger als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre die treibende Kraft hinter dem von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1999 erlassenen Ausstiegsbefehl. Lehmann hatte für den Verbleib gekämpft.

          Der Apostolische Nuntius in Berlin, Erzbischof Nikola Eterovic, verlas gegen Ende des Requiems ein Schreiben von Papst Franziskus. Der fast gleichaltrige argentinische Papst nannte Lehmann darin einen Theologen und Bischof, dessen Anliegen es stets gewesen sei, „offen zu sein für die Fragen und Herausforderungen der Zeit und von der Botschaft Christi her Antwort und Orientierung zu geben“. Lehmann habe die Menschen auf ihrem Weg begleiten wollen und „über die Grenzen von Konfessionen, Überzeugungen und Ländern hinweg das Verbindende gesucht“. Im Anschluss an den Gottesdienst wurde der Verstorbene in der Westkrypta des Mainzer Doms beigesetzt.

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