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Trauer um früheren Kanzler : Kohls letzter Akt

Bundeswehroffiziere tragen den Sarg von Helmut Kohl nach dem Pontifikalrequiem im Kaiserdom zu Speyer in den Leichenwagen Bild: Helmut Fricke

Die einzigartigen Trauerfeiern in Straßburg und Speyer entsprachen durch und durch Helmut Kohls Sinn für das Symbolische und seinem Glauben an die Macht politischer Gesten. Seinen Wunsch, im Plenum des Europaparlaments aufgebahrt zu werden, muss man als Mahnung und Aufruf verstehen. Ein Kommentar.

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          Kaiser und Könige liegen im Dom zu Speyer begraben. Nun hat auf dem Friedhof der Domherren auch ein Kanzler seine letzte Ruhestätte gefunden, dem die Geschichte eine Lehrmeisterin war und der schon zu Lebzeiten in sie einging. Helmut Kohls Sonderstellung unter den Bundeskanzlern wurde durch Trauerfeierlichkeiten unterstrichen, wie es sie noch für keinen deutschen Staatsmann gegeben hat.

          Im Europäischen Parlament in Straßburg, auf französischem Staatsgebiet, wurde Kohl als zweifacher Einiger gewürdigt: als Kanzler der deutschen Einheit und als einer der großen Baumeister der europäischen Integration. Für Kohl bestand zwischen beiden Zielen ein enger Zusammenhang. Die Wiedervereinigung Deutschlands gelang, weil Kohl die deutsche Einheit und den europäischen Einigungsprozess miteinander zu verweben verstand. Dem deutschen Kanzler, der zeit seiner politischen Laufbahn ein ehrlicher Makler der europäischen Idee war, glaubte man, woran in Straßburg mehrfach erinnert wurde: dass er kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland wollte.

          Um den Bestand der deutschen Einheit hat sich der alte Kohl trotz mancher Schwierigkeiten keine Sorgen mehr machen müssen. Die Krise, in die der europäische Einigungsprozess geraten ist, bekümmerte ihn aber bis zuletzt. Die Trauerfeier im Haus der europäischen Völker in einer Stadt, die wie keine zweite für die Überwindung der „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich steht, kann und muss man daher als Kohls letzten großen politischen Akt lesen: eine Mahnung an die Europäer, nicht zu vergessen, welche epochalen Errungenschaften auf dem Spiel stehen; und ein Aufruf, weiter für Freiheit, Frieden und Freundschaft einzutreten, wie Kohls Generation und deren Vorbilder es taten. Der französische Präsident Macron, der ein Kind war, als Kohl Kanzler wurde, verpflichtete sich noch an dessen Sarg dazu.

          Der Staatsakt entsprach Kohls Sinn für das Symbolische

          Es ist darüber spekuliert worden, ob noch andere Gründe, politische wie menschliche, Kohl dazu bewogen haben mögen, die einzigartige Ehrung in Straßburg einem Staatsakt in Berlin vorzuziehen. Es wurde sogar in Frage gestellt, dass er das gewollt habe. Doch will man wirklich daran zweifeln? Der monumentale Abschied in Straßburg und Speyer, die letzte Fahrt auf dem Schicksalsstrom der Deutschen wie damals bei Adenauer – das entsprach durch und durch Kohls Sinn für das Symbolische und seinem Glauben an die Macht und die Notwendigkeit von politischen Gesten, die in Deutschland so kurz kommen. Für Kohl waren sichtbare Zeichen der Freundschaft, der Verbundenheit und des Vertrauens in der Politik mindestens so wichtig wie Verträge und die Unterschriften darunter. Das zahlte sich für ihn und Deutschland mehrfach aus. Die Szene, in denen Mitterrand und er sich in Verdun an die Hand nehmen, gehört zu den Ikonen der deutsch-französischen Aussöhnung. Das Bild von Kohls Sarg im Plenum des Europaparlaments, um den sich toute l’Europe versammelt hatte, von Orban bis May, wird ebenfalls im kollektiven Gedächtnis haften bleiben, nicht nur in dem der Deutschen und der Franzosen.

          Verstorbener Altkanzler : Abschied von Helmut Kohl in Speyer

          Und hätte es für Kohls Totenmesse einen symbolträchtigeren, seinem Leben und Leiden angemesseneren Ort gegeben als den Kaiser- und Mariendom zu Speyer. Er war die „Hauskirche“ des gläubigen Katholiken, in die er viele Staatsgäste brachte, um ihnen zu zeigen, in welcher Kultur er und seine Politik wurzelten. Jetzt führte er ein letztes Mal, als Toter, deutsche und nichtdeutsche Politiker in diesem Dom zusammen, in dem man so viel über die Deutschen, ihre Geschichte und ihr europäisches Schicksal lernen kann. Wer immer noch nicht wusste, was zu den Fundamenten deutscher und europäischer Leitkultur gehört: Das Pontifikalrequiem im Salierdom am Rhein war eine Lehrstunde dafür.

          Die Trauerfeiern für Kohl markieren das Ende einer Epoche

          War der Abschied von diesem „Nachkriegsgiganten“ (Juncker) aber auch gleich ein neuer „Gründungsakt“ für Europa, wie Kommentatoren meinten? Das muss sich erst noch zeigen. Immerhin will Macron zusammen mit Merkel den Einigungsprozess im Sinne Kohls wiederbeleben: mit Freundschaft, Mut und „realistischen Optimismus“. All das wird es brauchen. Eines machten die Trauerreden überdeutlich: Zu einem großen Europäer wie Kohl wird man nur, wenn man die europäische Idee auch und gerade in Krisen hochhält. Doch wäre alle Anstrengung vergeblich, wollten die Völker diesen gemeinsamen Pfad nicht (länger) beschreiten, sondern lieber wieder eigene Wege gehen – die sie in der Vergangenheit, auch das kann der Speyrer Dom bezeugen, so oft ins Unglück führten.

          Die Trauerfeiern für Kohl markieren das Ende einer Epoche: der Ära jener Überzeugungseuropäer in der Politik, die den mörderischsten aller europäischen Kriege noch selbst erlebt hatten. Wer übernimmt nun ihre Rolle, wer erzählt ihre Geschichten? Europa, so sagte Merkel in Straßburg, sei das Werk von Generationen; jede müsse neue Antworten finden. Kohl hat, auch wenn ihm nicht alles gelang, große und glückliche Antworten auf die Fragen der deutschen Geschichte gefunden. Die Kanzlerin verneigte sich vor ihm „in Dankbarkeit und Demut“. Sie tat es nicht nur für sich allein.

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