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Transplantationsskandal : Erschüttert

  • -Aktualisiert am

„Organspende schenkt Leben“ - doch im Zuge der aufgedeckten Manipulationen geht die Spendenbereitschaft der Deutschen merklich zurück Bild: dpa

Bisher wurde kein Netzwerk entdeckt, das auf weitere Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen hinweist. Es geht darum zu weit, alle mit Transplantationen befassten Organisationen pauschal zu verdammen.

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          Die Aufregung über den Transplantationsskandal von Göttingen und Regensburg ist verständlicherweise groß. Sie ist so groß, dass die Welle der Erregung bei den mit Organspenden zurückhaltenden Deutschen einen größeren Schaden anrichten könnte als die einstweilen ausgemachten Übeltäter. Der Jagdeifer der Medien ist angestachelt; wo Rauch ist, da muss Feuer sein. Es geht um die beste aller Geschichten: um die von Leben und Tod, Geld und Macht der „Halbgötter in Weiß“. Wie gewohnt, betreiben Politiker im Gewand der Aufklärer ihr parteipolitisches Spiel. Institutionen ringen um Einfluss, sorgen sich um ihr Ansehen.

          Natürlich müssen die Vorfälle in Göttingen und Regensburg aufgeklärt werden. Natürlich muss darauf geachtet werden, dass sich Manipulationen von Spenderlisten und üble Tricksereien, die über Leben und Tod von Patienten entscheiden, nicht wiederholen. Das ist selbstverständlich. Staatsanwaltschaften ermitteln. Sollten die im Raum stehenden Vorwürfe zutreffen, müssen die Ärztekammern hart durchgreifen. Mediziner, die gegen Grundregeln der ärztlichen Ethik und des Berufsrechts verstoßen, sollten verstoßen werden.

          Kein Fehler im System

          Aber was sind die Fakten? Bisher steht ein Arzt im Zentrum der Beschuldigungen. Es wurde kein Netzwerk entdeckt, das auf weitere Manipulationen hinweist. Wie es scheint, gibt es auch keinen systemischen Fehler. Deshalb geht es zu weit, die damit befassten Organisationen pauschal an den Pranger zu stellen. Es war die Bundesärztekammer, die nach einer anonymen Anzeige den Skandal von Göttingen aufgedeckt hat. Sie war es, die 2006 schwerwiegende Regelverstöße am Uniklinikum Regensburg aufgedeckt hatte. Untätig geblieben sind die bayerischen Behörden.

          Das System der Organspende und -transplantation unterliegt einer vielfachen Kontrolle. Akquise und Verteilung von Organen sind organisatorisch voneinander getrennt. Das System ist erprobt und hat sich bewährt. Es kann sicher noch besser werden, wenn die jetzt zutage getretenen Grauzonen ausgeleuchtet werden. Missstände müssen aufgedeckt, das Kind sollte aber nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Denn sonst erfüllt sich die dieser Tage leichtfertig ausgesprochene Voraussage, der Skandal werde die Spendenbereitschaft der Deutschen auf Jahre erschüttern, ganz von alleine.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

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