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Transplantationsmedizin : Organversagen

Diese Worte verstand der Arzt als „unverhohlene Drohung“. Eine Überreaktion? Jedenfalls teilt er nicht seiner Patientin, sondern Ingo K. mit: „Eine Nierentransplantation bei ihrer Ehefrau wird deshalb am Transplantationszentrum München, Klinikum Großhadern, definitiv nicht durchgeführt.“ Und dann noch: Bei Eurotransplant, der im niederländischen Leiden ansässigen Vermittlungsstelle für Organspenden, werde Frau K. ab sofort als „nicht transplantabel“ gemeldet. Das bedeutete: Der Arzt veranlasste, dass Elke K. bei der zentralen Datei zumindest vorübergehend nicht mehr als Empfängerin für eine Spenderniere geführt werden sollte.

Mehr als drei Wochen lang versuchte Ingo K. seiner Frau zu verheimlichen, dass sie in München von der Warteliste gestrichen und als „nicht transplantabel“ gemeldet worden war. Seit 2002 ist sie auf die Dialyse angewiesen. Drei Mal die Woche hängt sie für jeweils fünf Stunden am Apparat, um ihren Köper entgiften zu lassen. Ingo K. wollte seiner Frau keine weitere psychische Belastung zumuten und hoffte, die Sache mit dem Münchner Transplantationszentrum klären zu können. Also wandte er sich an die Leitung des Transplantationszentrums der Uniklinik.

Organspender: 2012 sank ihre Zahl auf den tiefsten Stand seit 2002.

Diese nahm die Streichung von der Warteliste oder die Meldung „nicht transplantabel“ nicht zurück, regte aber in einem Brief ein „persönliches Gespräch“ an. Das kam nicht zustande, der Arzt empfahl dem Ehepaar noch, sich unbedingt ein näher an ihrem Wohnort gelegenes Transplantationszentrum zu suchen. Das empfanden die beiden nun wieder als unverhohlene Abweisung.

Ende Februar reichte die in Dortmund ansässige Deutsche Stiftung Patientenschutz als Prozessbevollmächtigte von Elke K. Klage gegen das Transplantationszentrum ein. Die Patientenschützer wollen vom Verwaltungsgericht München feststellen lassen, dass es rechtswidrig sei, die Patientin von der Warteliste zu streichen und gleichzeitig „Eurotransplant“ mitzuteilen, sie sei „nicht transplantabel“.

Die Stiftung misst dem Verfahren grundsätzliche Bedeutung bei. Nicht nur, weil Elke K. jetzt Gefahr läuft, auch von anderen Zentren abgewiesen zu werden. Der Fall K. zeige, wie intransparent und willkürlich es im deutschen Transplantationswesen zugehe, sagt Eugen Brysch, der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Das Transplantationssystem muss sich an ethischen und rechtsstaatlichen Maßstäben messen lassen.“ Doch für die Verteilung von Lebenschancen fehlten in Deutschland die politische und staatliche Verantwortung.

„Organisierte staatliche Verantwortungslosigkeit“

In den vergangenen fünfzehn Jahren hätten weder der Bundestag noch der Bundesgesundheitsminister für umfassende Transparenz- und Vertrauensregeln gesorgt. Brysch spricht deshalb von „organisierter staatlicher Verantwortungslosigkeit“. Tatsächlich sind entscheidende Fragen an private Akteure wie Eurotransplant, die Bundesärztekammer und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) delegiert.

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