https://www.faz.net/-gpf-6kztc

Träger des Alternativen Nobelpreises : SPD-Politiker Hermann Scheer gestorben

  • Aktualisiert am

Hermann Scheer, Energie- und Wirtschaftsexperte der SPD, (1944 - 2010) Bild: picture-alliance/ dpa

Nach kurzer schwerer Krankheit ist der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer im Alter von 66 Jahren gestorben. Als Lobbyist für die Sonnenenergie erhielt er 1999 den Alternativen Nobelpreis. Parteichef Gabriel würdigte Scheers „visionäre Kraft“.

          Der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, ist tot. Das bestätigte sein Abgeordnetenbüro am Freitagmorgen. Scheer starb im Alter von 66 Jahren in einem Berliner Krankenhaus nach kurzer schwerer Krankheit.

          Scheer war seit 1965 Mitglied der SPD und saß für die Partei seit 1980 im Bundestag. Von 1993 bis November 2009 gehörte er dem Parteivorstand an.

          Der Tod Hermann Scheers hat bei SPD, Grünen und Linken Trauer ausgelöst. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel würdigte Scheer am Freitag in Berlin als „engagierten Kämpfer für die dringend notwendige Energiewende“. Früher als andere habe er erkannt, dass eine Fortführung der derzeitigen Art des Energieverbrauchs eine Katastrophe für die Umwelt bedeuten würde. Gabriel hob Scheers „visionäre Kraft“ hervor und nannte ihn eine charismatische Erscheinung.

          Die Grünen-Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir erklärten, der Tod Scheers mache die Grünen „zutiefst traurig“. Scheer sei ein „Vordenker und Architekt des solaren Zeitalters“ und somit als Sozialdemokrat auf besondere Weise mit den Grünen verbunden gewesen. „Wir trauern um einen Freund“, sagten die Parteichefs.

          Auch die Vorsitzenden der Linkspartei, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, hoben die Verdienste von Scheer hervor. Die Bundesrepublik verliere einen „engagierten Kämpfer für eine radikale Wende in der Energie- und Klimapolitik“. Scheer sei ein geradliniger Politiker gewesen, der für seine Überzeugungen eingestanden und Gegenwind ausgehalten habe. Sein Tod reiße ein „tiefes Loch in die Reihen derer, die für sozialen und ökologischen Fortschritt streiten“.

          „Unermüdlicher Einsatz zur Förderung der Sonnenenergie“

          Es galt auch als sein Erfolg, dass in Deutschland und in anderen europäischen Ländern Stromeinspeisungsgesetze sowie Förderprogramme für erneuerbare Energien, darunter auch das deutsche 100.000-Dächer-Solarstromprogramm, gestartet wurden.

          Im September 1999 wurde ihm für seinen „unermüdlichen Einsatz zur weltweiten Förderung der Sonnenenergie“ einer der vier „Alternativen Nobelpreise“ des Jahres 1999 zugesprochen. Im Jahr 2002 wurde er vom amerikanischen „Time Magazine“ als „Hero for the Green Century“ bezeichnet.

          Im aktuellen Konflikt um Stuttgart 21 war der SPD-Abgeordnete vor kurzem noch bei einer Demonstration gegen das Bahnprojekt aufgetreten und hatte sich für einen Volksentscheid ausgesprochen.

          Ypsilanti nominierte Scheer für ihr Schattenkabinett

          Im SPD-Vorstand brachte Scheer Ende der neunziger Jahre mit Äußerungen, das Nato-Vorgehen im Kosovo sei ein „Kriegsverbrechen“, den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gegen sich auf. Dieser meinte seinerzeit sogar, Scheer gehöre aus der Partei geworfen.

          Im Vorfeld der hessischen Landtagswahl 2008 berief ihn die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti in ihr Schattenkabinett für das geplante Super-Ressort Wirtschaft und Umwelt.

          Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel würdigte Scheer am Freitag als Vordenker und weitsichtigen Umweltpolitiker. Scheer habe „in einzigartiger Weise politische Vision und praktisches Handeln verknüpft“, sagte er am Freitag in Wiesbaden. Mit seinem Konzept der Energiewende habe er ökologische Vernunft und wirtschaftlichen Erfolg verwirklicht. Die Anerkennung, die ihm dafür international zuteil geworden sei, sei ihm im eigenen Land aber oft versagt geblieben. Scheer habe nie den bequemsten Weg gesucht, Kompromisslosigkeit sei ihm aber fremd gewesen. „Wir weinen um einen treuen Freund und Genossen“, sagte Schäfer-Gümbel.

          Die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien, Eurosolar, deren Präsident Scheer war, würdigte den Verstorbenen als außergewöhnlichen Menschen und Politiker. Scheer habe mit seinem Kenntnisreichtum und seiner Begeisterungsfähigkeit viele Menschen überzeugen und mitreißen können. Scheers Gedanken und Pläne lebten weiter, heißt es in einer Mitteilung von Eurosolar.

          „Hinterlässt eine riesige Lücke“

          Schockiert haben auch die Initiatoren der Alternativen Nobelpreise in Stockholm auf die Nachricht von Scheers Tod reagiert. Der Direktor der Stiftung „Right Livelihood Award“, Ole von Uexküll, sagte am Freitag: „Der Tod Hermann Scheers hinterlässt eine riesige Lücke, persönlich und politisch. Er erkannte die fossile und atomare Energieerzeugung als größte Gefahr unserer Zeit. Er hat gezeigt, wie diese Gefahr abgewendet werden kann.“

          Wenige Menschen hätten „mehr für die Zukunft unseres Planeten getan“. Uexküll hob auch den Einsatz des SPD-Politikers im Bundestag hervor: „Das deutsche Gesetz zu erneuerbaren Energien, das wesentlich auf Hermann Scheer zurückgeht, hat inzwischen weltweiten Vorbildcharakter.“

          Scheer engagierte sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem für den Einsatz erneuerbarer Energien und erhielt dafür zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Weltsolarpreis 1998. Zehn Jahre zuvor hatte er die gemeinnützige Vereinigung für Erneuerbare Energien Eurosolar gegründet, die mittlerweile zwölf Sektionen in Europa und weltweit 20.000 Mitglieder hat. Zuletzt war er deren ehrenamtlicher Präsident.

          In einer Würdigung zu Scheers 60. Geburtstag stellte die F.A.Z. am 29. April 2004 fest, Scheer habe „außerhalb der Politik mehr bewirkt als mancher Bundestagsabgeordneter, der es zu mehr Bekanntheit oder auch zu einem Ministeramt gebracht hat“.

          Für den verstorbenen Scheer wird die aus dem südbadischen Wahlkreis Waldshut-Tiengen stammende Betriebswirtin Rita Schwarzelühr-Sutter in den Bundestag nachrücken. Die 48 Jahre alte Mutter zweier Kinder werde das Mandat von Scheer übernehmen, teilte der Generalsekretär der Südwest-SPD, Peter Friedrich, am Freitag mit. Frau Schwarzelühr-Sutter war schon von 2005 bis 2009 im Bundestag.

          Dr. Hermann Scheer, SPD

          Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Publizist

          Geboren am 29. April 1944 in Wehrheim; verheiratet, ein Kind.

          1964 Abitur in Berlin.
          1964 bis 1967 Offiziersausbildung und Leutnant bei der Bundeswehr.
          1967 bis 1972 Studium an der Universität Heidelberg und der Freien Universität Berlin.

          1972 bis 1976 wissenschaftlicher Assistent an der Universität Stuttgart

          1976 bis 1980 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe im Bereich der Systemanalyse.

          Präsident der europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energie EUROSOLAR (ehrenamtlich) und Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energie (ehrenamtlich).

          1998 Weltsolarpreis, 1999 Alternativer Nobelpreis, 2000 Weltpreis für BioEnergie, 2004 Weltpreis für Windenergie, 2005 Solar World Einstein Preis. „Hero for the Green Century“ des TIME Magazine.

          Seit 1965 Mitglied der SPD
          1993 bis November 2009 Mitglied des SPD-Bundesvorstandes.
          Mitglied des Bundestages seit 1980.

          Weitere Themen

          Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel Video-Seite öffnen

          Livestream : Boris Johnson trifft Kanzlerin Merkel

          Am Mittwoch wird der neue britische Premierminister Boris Johnson zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Verfolgen Sie das Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Livestream auf FAZ.NET

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

          F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

          In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.