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Todesfall in Chemnitz : Nichts gesehen, nichts gehört

  • -Aktualisiert am

Eine Mutter umarmt ihre Tochter am Tatort von Chemnitz im August 2018. Bild: Jana Mai

Der Prozess zum gewaltsamen Tod von Daniel H. im August 2018 kommt nur mühsam voran. Kaum ein Zeuge will sich an das genaue Tatgeschehen erinnern können. Blutverschmierte Hände werfen weitere Fragen auf.

          Die junge Frau geht zögerlichen Schrittes zum Zeugenstand. Sie war in der Tatnacht in der Nähe des Tatorts, jetzt will die Richterin wissen, woran sie sich erinnern kann. Sie habe einen Streit bemerkt, sagt die 19 Jahre alte Frau. „Wie viele Personen waren dabei?“, fragt die Richterin. „Was haben Sie gesehen? Kannten Sie eine der Personen? Gab es Verletzte?“ Die Zeugin schüttelt den Kopf. Sie habe sich weggedreht, sagt sie einsilbig, und dass es ja immer mal wieder vorkomme, dass sich Leute prügeln. Selbst als die Richterin aus der polizeilichen Vernehmung zitiert, in der die Frau nähere Angaben gemacht hatte, scheint das ihrer Erinnerung nicht auf die Sprünge zu helfen. „Weiß ich alles nicht mehr“, lautet die Antwort. Danach wird der nächste Zeuge aufgerufen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          So geht das an beinahe jedem Prozesstag im Halbstundentakt. Ein Zeuge nach dem anderen betritt den Verhandlungssaal in Dresden, wohin das Landgericht Chemnitz aus Platz- und Sicherheitsgründen das Verfahren gegen Alaa S. verlegt hat. Wesentliche Fortschritte aber sind in dem seit zwei Monaten laufenden Prozess nicht erkennbar. Der 23 Jahre alte syrische Asylbewerber ist angeklagt, für den Tod des 35 Jahre alten Chemnitzers Daniel H. auf dem Stadtfest Ende August vergangenen Jahres mitverantwortlich zu sein.

          Weiterhin auf der Flucht

          Der mutmaßliche Haupttäter, der 23Jahre alte irakische Asylbewerber Farhad A., ist nach wie vor auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Die Staatsanwaltschaft hat Alaa S. unter anderem des gemeinschaftlichen Totschlags und der gemeinschaftlich begangenen gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Seinen Verteidigern zufolge bestreitet S. die Tat, er selbst hat sich im Prozess bisher nicht geäußert. Vielmehr verfolgt er aufmerksam und ohne jede äußerliche Regung der Verhandlung, die ihm ein Dolmetscher ins Arabische übersetzt.

          So sind es zunächst Polizisten, ein Dolmetscher und der Ermittlungsrichter, die mit Alaa S. unmittelbar nach der Verhaftung zu tun hatten und die seine damals gemachten Aussagen wiedergeben. Es sei eine ruhige Vernehmung ohne Schwierigkeiten gewesen, berichten sie. Der Angeklagte habe ruhig und gefasst gewirkt und betont, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Den Schilderungen zufolge war der Angeklagte in der Tatnacht zunächst in einem Dönerladen in der Nähe des späteren Tatorts und habe sich etwas zu Essen bestellt, als er draußen einen Streit mitbekommen habe zwischen Farhad A. und dem späteren Opfer. Sein Bekannter Yusif A., ein ebenfalls 23 Jahre alter syrischer Flüchtling, sei daraufhin hinausgerannt und habe schlichten wollen. Kurz darauf aber habe es dann die tödliche Auseinandersetzung gegeben. Yusif A. und Alaa S. seien weggerannt, weil sie befürchtet hätten, als Ausländer Probleme mit der Polizei zu kommen.

          Blutige Hände nicht dokumentiert

          Zwei Polizisten wiederum hatten beide kurz darauf und nur wenige hundert Meter entfernt aufgegriffen und vorläufig festgenommen. Dabei habe Yusif A. blutverschmierte Hände gehabt, auch an Oberbekleidung und Hose sei Blut gewesen, sagte einer der Polizisten. Sein Kollege sagte aus, die Handflächen seien rotbraun gewesen, es könne sich dabei um Blut gehandelt haben. Allerdings sei das weder dokumentiert noch im Ermittlungsbericht erwähnt worden. Warum das geschah, konnten beide Polizisten nicht erklären. Sie hätten das nicht als wichtig angesehen. Yusif A. wurde wenige Wochen nach der Tat mangels Beweisen aus der Untersuchungshaft entlassen. Auf einem Messer – der Tatwaffe – war nicht seine DNA, sondern nur mutmaßlich die des flüchtigen Farhad A. gefunden worden. Der Angeklagte Alaa S. wiederum habe lediglich eine Schürfwunde an der Schulter aufgewiesen.

          Angeklagt: Alaa S. (M) im Landgericht Chemnitz Anfang April 2019.

          Über das Tatgeschehen jedoch sagen fast alle dazu Befragten, sich nicht erinnern zu können, nichts gesehen oder gehört zu haben. Immer wieder ist von lautstarkem Streit und Schubsereien die Rede, aber wer dabei war, wie viele Leute verwickelt waren und wer was getan hat – darüber gibt es kaum verwertbare Auskünfte. Auch ein Hauptbelastungszeuge, ein 30 Jahre alter Mitarbeiter aus dem besagten Dönerladen, der den Angeklagten in der polizeilichen Vernehmung schwer belastet haben soll, will zunächst die Aussage verweigern, weil er bedroht werde. Als ihn die Richterin dennoch unter Polizeischutz vorlädt, macht der Mann widersprüchliche Angaben, sagt, dass er sich nicht mehr erinnern könne und missverstanden worden sei.

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