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Tod eines Asylbewerbers : Hauptsache, weg aus Dresden

  • -Aktualisiert am

Eritreische Flüchtlinge und Freunde des in Dresden ermordeten Khaled Idriss Bahray beim Mittagessen in ihrer Unterkunft. Bild: Pilar, Daniel

Ob der Mord an Khaled Idriss Bahray in Dresden einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte, ist noch unklar. Nach dem Tod des Asylbewerbers leben viele Flüchtlinge in Angst.

          3 Min.

          Es muss einer der schlimmsten Momente seines Lebens gewesen sein, als Said Hamid Mohamed vor einigen Tagen im Sudan anrief, um seiner Cousine vom Tod ihres Sohnes Khaled Idriss zu berichten. Khaled Idriss Bahray, Asylbewerber aus Eritrea, war 20 Jahre alt, als er in der Nacht auf Dienstag im Hinterhof einer Plattenbausiedlung in Dresden erstochen wurde. Seine Cousine sei zusammengebrochen, als sie von der Ermordung ihres Sohnes erfahren habe und seitdem nicht mehr ansprechbar, berichtet Hamid mit stockender Stimme. Im vergangenen Jahr erst war Khaleds älterer Bruder ertrunken, als das Boot, das ihn von Libyen nach Italien bringen sollte, gekentert war. Zwei Söhne hatte Havva Ali Mohamed. Nun sind beide tot, weil sie sich in Europa ein besseres Leben erhofft hatten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Said Hamid ist der einzige Verwandte, den Khaled Idriss Bahray in Deutschland hatte. Er selbst lebt im nordrheinwestfälischen Remscheid und sah Khaled nur selten, da die Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen für Asylbewerber Besuche schwierig machten. Nach dem Tod seines Neffen erteilten die Behörden ihm eine Sonderregelung. Nun darf er zusammen mit den sieben eritreischen Mitbewohnern des Toten in der WG übernachten. „Ich verlasse Dresden erst, wenn der Mord aufgeklärt ist“, sagt er.

          Anteilnahme der Bevölkerung spendet Trost

          Mitbewohner, Freunde und Bekannte des jungen Eritreers haben sich in der karg eingerichteten Wohnung in einem Plattenbau im Dresdner Südosten versammelt. Rund 20 junge Männer, alle aus Eritrea, sitzen zusammen an einem langen Tisch und essen Eintopf mit selbstgebackenem Fladenbrot. An der Wand lehnen Fahrräder, in einer Ecke des Zimmers steht das Bett, in dem Khaled Idriss Bahray schlief, und das nun von seinem Onkel genutzt wird. Seit seiner Ermordung sind die jungen Flüchtlinge verängstigt und verbringen jede Minute zusammen. Die zuständigen Sozialarbeiter wollten die Mitbewohner in eine neue Wohnung verlegen, am Montag schon sollten sie umziehen. Doch sie entschlossen sich zu bleiben. „Ob wir nun hier wohnen, oder ein paar Straßen weiter“, sagt Hassan Saleh, einer der Mitbewohner und einer der engsten Freunde des Toten, „das macht keinen Unterschied. Dresden ist Dresden. Wir wollen hier alle einfach nur weg, egal wohin, Hauptsache weg aus dieser Stadt.“ Die anderen jungen Männer nicken und stimmen ihm zu.

          Verängstigt: Said Hamid, der Onkel des erstochenen Asylbewerbers Bilderstrecke

          Ob der Mord an Khaled Idriss Bahray einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte, ist noch unklar. Aber den Hass gegen Ausländer wie sie spüren diese Männer schon lange. Feindselige Blicke oder Beschimpfungen hätten sie auch schon vor den Pegida-Aufmärschen erlebt, doch in den vergangenen Wochen sei die Stimmung immer bedrohlicher geworden, sagen sie. Hassan Saleh kritzelt ein Hakenkreuz auf einen Zettel, da ihm das arabische Wort für dieses Symbol nicht einfällt: „Sowas haben sie uns schon vorher immer wieder auf die Türen geschmiert. Unsere Betreuer haben uns gesagt, dass wir aufpassen sollen.“ Und am Freitag, als einige von ihnen gemeinsam zur Moschee gingen, nur wenige Tage, nachdem ihr Freund im Hinterhof ihres Hauses erstochen aufgefunden worden war, hätten Passanten Affengeräusche gemacht, als sie vorbeigingen. Tröstlich sei nur, dass es in Dresden auch viele Menschen gebe, die ihnen Solidarität und Unterstützung entgegenbrächten. Die Kundgebung am Abend zuvor habe ihnen ein Stück Hoffnung und Kraft zurückgegeben, sagen sie.

          Pegida verstärkt Bedrohungssituation

          Am Samstagabend waren etwa 3000 Menschen im Gedenken an den jungen Eritreer durch das Dresdner Zentrum gezogen. Auf Schildern war „Je suis Khaled“ zu lesen, in Anlehnung an das „Je suis Charlie“, dass sich nach den Anschlägen in Paris um die Welt verbreitet hatte. Khaleds Mitbewohner liefen an der Spitze des Zuges, zusammen mit anderen eritreischen Flüchtlingen und forderten auf Transparenten „Rechte und Sicherheit für Flüchtlinge“ forderten. Die Demonstration war am Nachmittag in der Dresdner Neustadt auf dem Jorge-Gomondai-Platz gestartet, der nach einem Mosambikaner benannt ist, der ganz in der Nähe im Frühjahr 1991 von einer Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher aus einer fahrenden Straßenbahn geworfen worden war und an seinen Verletzungen verstorben war.

          Viele Flüchtlinge hätten auch heute wieder Angst in Dresden, sagte der Sprecher der Gedenk-Demonstration, Jan Seidel. „Die Demonstrationen der Pegida verstärken die Bedrohungssituation zudem und treffen auf breite Akzeptanz in der Gesellschaft.“ Auch eine Sprecherin des Ausländerrats Dresden sagte, dass viele Einwanderer in der Stadt besorgt seien.

          Verhalten der Polizei sorgte für Spekulationen

          Der Staatsanwaltschaft Dresden zufolge gab es bis zum Sonntag keine neuen Erkenntnisse darüber, wer für den Tod von Khaled Idriss Bahray verantwortlich ist. Inzwischen ermitteln 25 Beamte der Mordkommission in dem Fall. Ihr spätes Eingreifen hatte zunächst für heftige Spekulationen gesorgt. Khaled Idriss Bahray war am Dienstagmorgen in der Nähe seiner Unterkunft mit einem offenen Schlüsselbeinbruch aufgefunden worden; daher seien die Messerstiche für die Polizei nicht sofort erkennbar gewesen und erst bei der Obduktion am darauf folgenden Tag entdeckt worden.

          Am Fundort von Khaled Idriss Bahrays Leiche liegen jetzt Blumen und Kerzen. Direkt hinter dem Haus, in dem sein Onkel und seine Freunde auf Antworten warten. Von den Anwohnern will keiner etwas mitbekommen haben, ohnehin scheint es wenig Kontakte zwischen den eritreischen Flüchtlingen und den Nachbarn gegeben zu haben. Die Welle der Unterstützung, die ihnen nun entgegengebracht wird, rührt die Eritreer, doch sie kommt fast etwas zu spät. Und auch dass Pegida-Demonstration für diesen Montag abgesagt worden ist, macht für sie keinen großen Unterschied: „Auch ohne Pegida werden wir uns in Dresden nie wieder sicher fühlen.“

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