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Tobias Hans in Paris : Ein Ministerpräsident versucht, französische Sorgen zu zerstreuen

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) Bild: dpa

Werden die deutsch-französischen Beziehungen nach der Ära Merkel noch die gleichen sein? In Paris beschleichen manchen Zweifel. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans versucht, den Franzosen ihre Sorgen zu nehmen.

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          Hätte Konrad Adenauer sich das träumen lassen? Einer seiner politischen Enkel steht am Mittwochabend im Palais Beauharnais, der Residenz der deutschen Botschafter in Paris, und feiert in perfektem Französisch die deutsch-französische Freundschaft. Im Salon der vier Jahreszeiten sind Wegbegleiter wie der langjährige Minister Jean-Pierre Chevènement, der frühere Regierungschef Alain Juppé und Hélène Carrère d’Encausse von der Académie française ganz Ohr, als der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) den Fortbestand guter Beziehungen auch nach dem Regierungswechsel in Berlin beschwört.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der französische Europastaatssekretär Clément Beaune hat zuvor an Adenauers Vorbehalte erinnert, als er im September 1958 Präsident Charles de Gaulle besuchte. „Eine notwendige, wenn auch nicht angenehme Reise“, notierte der Bundeskanzler damals. Rück- und Ausblick liegen immer nah beieinander, wenn Franzosen und Deutsche nach langer pandemiebedingter Pause im Palais Beauharnais zusammenkommen. Ministerpräsident Hans betonte, wie sehr er gegen die Grenzschließung während der Pandemie gewesen sei, während Staatssekretär Beaune voller Dankbarkeit an die Aufnahme französischer Covid-19-Patienten erinnerte. Was immer auch geschehe, auf die deutsch-französische Zusammenarbeit sei Verlass, sagte der Gastgeber, Botschafter Hans-Dieter Lucas.

          Französischkenntnisse sind Einstellungskriterium

          Die Zweifel, die so manchen Franzosen zum Ende der Ära Angela Merkels beschleichen, versuchte auch der Ministerpräsident zu zerstreuen. Er stellte heraus, wie sehr die grenznahe Zusammenarbeit dank des Aachener Vertrags zu einem Stützpfeiler der Freundschaft geworden sei. Dem Saarland mit seiner Frankreich-Strategie komme dabei eine Pionierrolle zu. Der Ministerpräsident hat vollständige Zweisprachigkeit zum Ziel gesetzt. Schon jetzt sind Französischkenntnisse ein wichtiges Einstellungskriterium für Beamte der Landesverwaltung. Vor Gerichtskammern im Saarland kann bereits seit September 2019 in französischer Sprache plädiert werden.

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          Im Saarland lernen Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur die Sprache des Nachbarn. Der Ministerpräsident hatte die Lacher auf seiner Seite, als er betonte, man müsse den Saarländern für ihr deutsch-französisches Engagement nicht eigens danken, „es ist für uns Alltag“. Besonders laut lachte der Gouverneur der Banque de France, François Villeroy de Galhau, auf, dessen Familie aus dem Saarland kommt. Der Präsident hat ihn gerade für eine weitere Amtszeit von sechs Jahren nominiert.

          Zum 31. Jahrestag der deutschen Einheit stimmte Europastaatssekretär Beaune aber auch nachdenkliche Töne an. Er war gerade neun Jahre alt, als seine Eltern ihn im Sommer 1990 mit nach Berlin nahmen. In Erinnerung habe er die überschwängliche Freude im Verwandten- und Bekanntenkreis über den Mauerfall und die Wiedervereinigung behalten. „Damals waren wir noch nicht neidisch“, sagte Beaune. Die enge Zusammenarbeit sei mehr als ein Wunder „ein Akt des Willens“. Dabei würden die Errungenschaften oft zu sehr als selbstverständlich angesehen.

          Immer weniger selbstverständlich wird die sprachliche Verständigung. Die Zahl der Deutschlerner an französischen Schulen ist rückläufig. In der Grundschule lernen 3,7 Prozent der Schüler Deutsch, in der Mittelstufe sind es weniger als 10 Prozent. 2020 trat ein Regierungsdekret in Kraft, das es Studenten nicht länger erlaubt, ihre Sprachprüfung zum Vordiplom in deutscher Sprache abzulegen. Es wird nur noch auf Englisch geprüft. Von 222 neuen Deutschlehrerstellen konnten 2020 nur 156 besetzt werden – aus Mangel an qualifizierten Kandidaten. Die Entwicklung beunruhigt viele. Vielleicht ist das der Grund, warum  auch Sprachhüterin Hélène Carrère d’Encausse von der Académie für eine bessere Förderung der Vielsprachigkeit plädiert.

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