https://www.faz.net/-gpf-97dfu

„Titanic“ gegen „Bild“ : „Man hätte sehen können, dass es ein Fake sein kann“

Guerilla-Style: Mit diesem Bild behauptet das Satire-Magazin „Titanic“, dass die „Bild“-Zeitung mit ihrer Geschichte über einen angebliche Schmutzkampagne bei den Jusos auf eine Satire hereingefallen ist Bild: Titanic

Die „Bild“-Zeitung berichtete über einen angeblichen russischen Troll, der Juso-Chef Kühnert Hilfe gegen die Groko angeboten haben soll. Jetzt behauptet das Satiremagazin „Titanic“: Es war eine Satire. Im FAZ.NET-Interview sagt ein Redakteur: „Wir können es beweisen.“

          Am vergangenen Freitag veröffentlichte die „Bild“-Zeitung auf Seite 1 einen Aufmacher mit dem Titel „Neue Schmutzkampagne bei der SPD“. Darin hieß es, ein anonymer Informant habe der Redaktion Informationen zugespielt, die „brisantes Material“ über den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert enthielten. Ein Russe namens „Juri“ habe Kühnert demnach angeboten, die Juso-Kampagne gegen die große Koalition zu unterstützen. „Der angebliche Beweis: ein unfassbarer E-Mail-Wechsel, der BILD exklusiv vorliegt“, schrieb die Zeitung.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Jetzt behauptet die „Titanic“: Es war eine Fälschung, eine Satire. „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und ,Bild' druckt alles, was ihnen in die Agenda passt“, heißt es bei dem Satire-Magazin. Und das könne die Titanic beweisen, sagt Redakteur Moritz Hürtgen im FAZ.NET-Interview. Am Mittwochmittag reagiert „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Auf Twitter schreibt er, die „Bild“ habe ihren Bericht erst veröffentlicht, nachdem die SPD eine Strafanzeige wegen des angeblichen Mailverkehrs geprüft habe. Noch am Mittwoch werde die „Bild“-Zeitung „alle Details dokumentieren“, so Reichelt. „Meine Meinung: Natürlich darf Satire so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht.“

          **

          Herr Hürtgen, die „Titanic“ behauptet, dass sie hinter den angeblichen Mails steckt, in denen ein russischer Troll dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert Hilfe beim SPD-Mitgliederentscheid gegen die Groko vorgeschlagen haben soll und über die die „Bild“-Zeitung groß berichtet hat. Wie wollen Sie das angestellt haben?

          Wir haben einfach eine Runde „Copy and paste“ gespielt und uns eine Konversation zwischen Kevin Kühnert und einem ominösen Russen namens Juri aus St. Petersburg ausgedacht. Dieser Mailwechsel umfasst neun Mails, die angeblich zwischen beiden hin- und hergingen. Wir haben die Mails aufgeschrieben, die Zeitstempel angepasst und auch einige Serverdaten in eine Maildatei hineinkopiert. Das haben wir dann einem Politikredakteur der „Bild“ per Mail zugespielt, den wir uns vorher ausgesucht und über Twitter kontaktiert hatten.

          Können Sie das beweisen? Oder ist das nur wieder ein Fake-Fake, wie schon öfter bei der „Titanic“ oder Jan Böhmermann?

          Wir haben den Mailwechsel mit der „Bild“ lückenlos dokumentiert und können ohne Probleme beweisen, dass es sich nicht um einen „Varoufake“ handelt wie damals bei Böhmermann. In der April-Ausgabe der „Titanic“ werden wir die Geschichte in aller Schönheit präsentieren.

          Wer war der angebliche Whistleblower?

          Wir haben einen angeblichen anonymen Informanten der Jusos gespielt, der über diese vermeintliche Schmutzkampagne auspacken wollte.

          Ein Screenshot des angeblichen Mailverkehrs zwischen Kevin Kühnert und einem angeblich erfundenen Informanten, von dem die „Titanic“ behauptet, dass sie ihn gefälscht hat

          Und die „Bild“ hat das direkt geschluckt?

          Ja, die waren sofort heiß. Es gab dann noch einige Telefonate mit dem angeblichen Juso-Informanten, die wir mit unterdrückter Nummer geführt haben, und schon stand die Geschichte am Freitag auf der Titelseite. Das war ein schönes Gefühl. Wir hatten ja ausschließlich die „Bild“ kontaktiert, weil wir dachten, dass das doch gut in ihre Anti-SPD-Kampagne passt. Und noch schöner war, dass wir absolut ernst genommen wurden. Es war eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

          Wie hartnäckig waren die Rückfragen von der „Bild“?

          Es gab ein paar Telefonate, in denen es vor allem um den angeblichen Informanten von den Jusos und seine Motivation zum Auspacken ging. Die Gespräche haben wir hier in der Redaktion geführt. Immerhin wollten sie genau wissen, wie der „Informant“ an den Mailverkehr gekommen ist.

          Und, wie war Ihre Geschichte?

          Absolut nebulös, ein wahnsinniger Agententhriller, der mal einen Film abgeben könnte. Aber wir dachten, das passt doch gut zur Politik-Redaktion der „Bild“. Und sie hat es uns ja auch ohne Probleme abgenommen.

          Die angeblichen Mails von Kühnert wurden von einem Mailkonto mit der Domainendung „jusos.de“ abgeschickt. Wie wollen Sie das angestellt haben?

          Eine Mail ist erst mal ja nur ein Textdokument, in das man reinschreiben kann, was man will. Das gilt auch für die Mailadressen. Wir haben hier bei uns einen sehr fähigen Technik-Spezialisten namens Alexander Golz, der sein Können aber gar nicht ausreizen musste. Es reicht eine einzige Mail, die man einmal von einem SPD-Mitglied und einer @spd.de-Adresse erhalten hat. Die kann man dann ganz einfach in einem Mailprogramm öffnen und die Header-Daten kopieren. Alles, was wir gemacht haben, war Kopieren und Einfügen. Es war kein Hack und kein Virus.

          Zu welchem Zeitpunkt hat die Bild die Geschichte dann endgültig geglaubt?

          Offenbar sehr schnell. Die Sicherheitsschranken der „Bild“ scheinen lediglich gewesen zu sein, ob es die Person, die da angerufen hat, wirklich gibt, ob sie Deutsch spricht und ob er sagen kann, was in den Mails steht. Aber das konnten wir natürlich ziemlich gut. Mehr war nicht erforderlich. Immerhin musste bis zur Titelgeschichte auf Seite 1 aber ein paar Mal telefoniert werden.

          Hatten Sie vorher Zweifel daran, dass die „Bild“-Zeitung Ihnen die Geschichte abnimmt?

          Eigentlich nicht. Sie hat alle Erwartungen voll erfüllt.

          Die „Bild“-Zeitung hat nach dem Aufmacher auf Seite 1 noch einmal nachgelegt und einen Cyber-Security-Professor zitiert, der den Verfasser der Mails „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf jemanden mit Zugang zu Systemen der SPD“ einkreiste. Hätte die „Bild“-Zeitung überprüfen können, dass es sich um eine Satireaktion handelt?

          Wir kennen diesen angeblichen Cyber-Professor nicht, vielleicht ist er auch ein Satiriker. Man hätte aber sehr leicht sehen können, dass es sich zumindest um einen Fake handeln kann. Die „Bild“-Zeitung hatte zu keinem Zeitpunkt Beweise, dass es sich um einen wirklichen Mailverkehr von Kühnert handelt. Und allein die Domainendung „jusos.de“ hätte alle Alarmglocken schrillen lassen müssen, weil die Jusos wie alle anderen in der SPD die Endung spd.de“ verwenden. Das zeigt, dass wir bei der Titanic in etwa genauso sorgfältig arbeiten wie die „Bild“-Zeitung.

          ... die am Dienstag mit dem Hund Schlagzeilen gemacht hat, den sie als angebliches SPD-Mitglied für die Mitgliederbefragung angemeldet hat.

          Ja, da wollten die Kollegen selbst mal Satire spielen. Umso perfekter passt heute der Zeitpunkt für uns.

          Haben Sie schon einen Anruf von der „Bild“-Zeitung bekommen, von Julian Reichelt zum Beispiel?

          Nein, weder einen Anruf noch sonst irgendeinen Kontakt. Ich glaube auch nicht, dass das noch kommen wird.

          Und von Kevin Kühnert?

          Angerufen hat er nicht. Aber ich habe auf Twitter gesehen, dass er sich sehr gefreut hat.

          Weitere Themen

          Präsidentenwahl in letzter Minute verschoben

          Nigeria : Präsidentenwahl in letzter Minute verschoben

          In Afrikas bevölkerungsreichstem Land wird heute doch nicht gewählt. Das verkündet die Wahlkommission überraschend wenige Stunden vor der geplanten Öffnung der Wahllokale – mit einer vagen Begründung.

          Topmeldungen

          Die drei Männer des Bayern-Abends: Leon Goretza, Kingsley Coman und David Alaba (von links) standen im Mittelpunkt des Spiels.

          3:2 in Augsburg : Ein denkwürdiger Abend für den FC Bayern

          Ein geschichtsträchtiges Eigentor macht den Anfang, danach nimmt der Wahnsinn so richtig seinen Lauf: Der Fußball-Rekordmeister hat es bei den Schwaben lange schwer, auch weil der Gegner überraschend aufmüpfig ist.

          Nationaler Notstand : Donald Trump geht aufs Ganze

          Der amerikanische Präsident umgeht mit der Erklärung des nationalen Notstandes das Haushaltsrecht des Kongresses. Nicht nur die Demokraten sehen die Verfassung in Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.