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„Titanic“ gegen „Bild“ : „Man hätte sehen können, dass es ein Fake sein kann“

Es gab ein paar Telefonate, in denen es vor allem um den angeblichen Informanten von den Jusos und seine Motivation zum Auspacken ging. Die Gespräche haben wir hier in der Redaktion geführt. Immerhin wollten sie genau wissen, wie der „Informant“ an den Mailverkehr gekommen ist.

Und, wie war Ihre Geschichte?

Absolut nebulös, ein wahnsinniger Agententhriller, der mal einen Film abgeben könnte. Aber wir dachten, das passt doch gut zur Politik-Redaktion der „Bild“. Und sie hat es uns ja auch ohne Probleme abgenommen.

Die angeblichen Mails von Kühnert wurden von einem Mailkonto mit der Domainendung „jusos.de“ abgeschickt. Wie wollen Sie das angestellt haben?

Eine Mail ist erst mal ja nur ein Textdokument, in das man reinschreiben kann, was man will. Das gilt auch für die Mailadressen. Wir haben hier bei uns einen sehr fähigen Technik-Spezialisten namens Alexander Golz, der sein Können aber gar nicht ausreizen musste. Es reicht eine einzige Mail, die man einmal von einem SPD-Mitglied und einer @spd.de-Adresse erhalten hat. Die kann man dann ganz einfach in einem Mailprogramm öffnen und die Header-Daten kopieren. Alles, was wir gemacht haben, war Kopieren und Einfügen. Es war kein Hack und kein Virus.

Zu welchem Zeitpunkt hat die Bild die Geschichte dann endgültig geglaubt?

Offenbar sehr schnell. Die Sicherheitsschranken der „Bild“ scheinen lediglich gewesen zu sein, ob es die Person, die da angerufen hat, wirklich gibt, ob sie Deutsch spricht und ob er sagen kann, was in den Mails steht. Aber das konnten wir natürlich ziemlich gut. Mehr war nicht erforderlich. Immerhin musste bis zur Titelgeschichte auf Seite 1 aber ein paar Mal telefoniert werden.

Hatten Sie vorher Zweifel daran, dass die „Bild“-Zeitung Ihnen die Geschichte abnimmt?

Eigentlich nicht. Sie hat alle Erwartungen voll erfüllt.

Die „Bild“-Zeitung hat nach dem Aufmacher auf Seite 1 noch einmal nachgelegt und einen Cyber-Security-Professor zitiert, der den Verfasser der Mails „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf jemanden mit Zugang zu Systemen der SPD“ einkreiste. Hätte die „Bild“-Zeitung überprüfen können, dass es sich um eine Satireaktion handelt?

Wir kennen diesen angeblichen Cyber-Professor nicht, vielleicht ist er auch ein Satiriker. Man hätte aber sehr leicht sehen können, dass es sich zumindest um einen Fake handeln kann. Die „Bild“-Zeitung hatte zu keinem Zeitpunkt Beweise, dass es sich um einen wirklichen Mailverkehr von Kühnert handelt. Und allein die Domainendung „jusos.de“ hätte alle Alarmglocken schrillen lassen müssen, weil die Jusos wie alle anderen in der SPD die Endung spd.de“ verwenden. Das zeigt, dass wir bei der Titanic in etwa genauso sorgfältig arbeiten wie die „Bild“-Zeitung.

... die am Dienstag mit dem Hund Schlagzeilen gemacht hat, den sie als angebliches SPD-Mitglied für die Mitgliederbefragung angemeldet hat.

Ja, da wollten die Kollegen selbst mal Satire spielen. Umso perfekter passt heute der Zeitpunkt für uns.

Haben Sie schon einen Anruf von der „Bild“-Zeitung bekommen, von Julian Reichelt zum Beispiel?

Nein, weder einen Anruf noch sonst irgendeinen Kontakt. Ich glaube auch nicht, dass das noch kommen wird.

Und von Kevin Kühnert?

Angerufen hat er nicht. Aber ich habe auf Twitter gesehen, dass er sich sehr gefreut hat.

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