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Timoschenko-Tochter appelliert an Bundesregierung : „Retten Sie das Leben meiner Mutter“

Fordert die Bundesregierung auf, das Leben ihrer Mutter zu retten: Julija Timoschenkos Tochter Jewgenija Bild: dapd

In einem dramatischen Appell hat die Tochter der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko, Jewgenija, die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. Ihre Mutter sei „sehr schwach“, sagte sie der F.A.S. Außenminister Westerwelle zeigt sich entsetzt.

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          Jewgenija Timoschenko, die Tochter der inhaftierten und im Hungerstreik befindlichen ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko, hat sich in einem dramatischen Appell an die Bundesregierung gewendet. „Retten Sie das Leben meiner Mutter, bevor es zu spät ist“, forderte sie gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Das Schicksal meiner Mutter und meines Landes sind jetzt eins. Wenn sie stirbt, stirbt auch die Demokratie.“ Julija Timoschenko ist vor zehn Tagen in den Hungerstreik getreten, um gegen ihre gewaltsame Verlegung in ein Krankenhaus zu protestieren. Sie nimmt seitdem nur noch Wasser zu sich. Ihre Mutter, die zudem an einem schweren Bandscheibenvorfall leidet, sei „sehr schwach“, sagte ihre Tochter.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich entsetzt. „Ich teile die große Sorge der Familie und Freunde um die Gesundheit von Julija Timoschenko“, sagte er der F.A.S. Ihr werde „entgegen aller rechtlichen und moralischen Pflichten in der Ukraine eine angemessene medizinische Behandlung verweigert“. „Die Berichte über die Misshandlung von Julija Timoschenko haben mich schockiert“, sagte Westerwelle weiter. Sollten sie zutreffen, falle ihm die Vorstellung schwer, einfach wieder zur Tagesordnung zurückzukehren.

          Julija Timoschenko war am Freitag vor einer Woche gegen ihren Willen in ein von der Regierung ausgesuchtes Krankenhaus gebracht worden. Wie ihre Tochter und ihr Anwalt Sergej Wlasenko der F.A.S. berichteten, wurde sie dabei vom stellvertretenden Direktor der Strafkolonie in Charkiw mit einem Faustschlag in den Magen niedergestreckt. Ihre Verletzung ist auf Fotos dokumentiert, sie zeigen außerdem Blutergüsse am rechten Arm, Ellenbogen und der Hand. Präsident Wiktor Janukowitsch ordnete eine Untersuchung an. Die Kanzlei des Präsidenten teilte der F.A.S. mit, Janukowitsch hoffe auf ein schnelles und genaues Ergebnis.

          Tochter: Timoschenko gegen EM-Boykott

          Jewgenija Timoschenko forderte die Bundesregierung auf, sich in der EU für Reisesperren gegen Mitglieder des Machtapparats stark zu machen. Sie erwähnte drei Personen namentlich: den Vize-Ministerpräsidenten und früheren Chef der Sicherheitsdienste Valerij Choroschkowskij, den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Renat Kusmin, der die Ermittlungen gegen Timoschenko leitet, und Inna Boglovska, eine Abgeordnete der regierenden Partei der Regionen.

          Die 32 Jahre alte Tochter der ukrainischen Oppositionsführerin sagte, ihre Mutter sei gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft im Juni. Die EM sei ein Symbol der europäischen Integration ihres Landes, sie werde der Opposition außerdem eine Bühne für ihren Protest bieten. Allerdings dürfe die Regierung nicht Honig aus dem Ereignis saugen: „Meine Mutter möchte nicht, dass sich deutsche und europäische Politiker gemeinsam mit Präsident Janukowitsch zeigen, weder im Stadion noch außerhalb“, sagte Jewgenija Timoschenko. Sie begrüßte, dass Bundespräsident Gauck ein Treffen mit dem Präsidenten im Mai abgesagt hatte: „Das ist ein Solidaritätssignal an die gesamte Opposition und alle politischen Gefangenen.“ Deutschland sei das Schlüsselland, um in Europa Druck auf die Ukraine auszuüben.

          Westerwelle: Haftbedingungen aufmerksam beobachten

          Westerwelle sagte, die Bundesregierung werde auch die Behandlung der anderen Häftlinge weiter sehr aufmerksam beobachten. „Demokratie heißt auch Respekt vor dem politischen Gegner; Rechtsstaatlichkeit bedeutet, politische Auseinandersetzungen nicht mit den Mitteln des Strafrechts auszutragen; europäische Werte verlangen nach einer Achtung unverbrüchlicher Grundrechte auch von Inhaftierten. Ich fordere die ukrainische Regierung auf, in diesem Sinne ihrer Verantwortung für die Gesundheit von Julija Timoschenko und der anderen Häftlinge gerecht zu werden“, sagte der Außenminister weiter. Deutschland setzte sich für eine Annäherung der Ukraine an die EU ein. „Das wird aber ohne glaubwürdige Schritte zu mehr Rechtsstaatlichkeit nicht gehen.“

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