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Wer ist Thomas Kemmerich? : Plötzlich Ministerpräsident

Gewählt: Thomas Kemmerich am Mittwoch im Thüringer Landtag. Bild: AFP

Thomas Kemmerich hat sich von Rechtsradikalen einmal so abgegrenzt: Er sei „eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat“. Jetzt hat die AfD ihn kalt erwischt: Sie wählte den gebürtigen Aachener zum Ministerpräsidenten.

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          Ein paar Wochen ist es her, da sprach Thomas Kemmerich in einem Interview über seine eigentlich aussichtslose Rolle als Spitzenkandidat der FDP. Kemmerich zeigte sich trotzdem kämpferisch. Er sagte, dass er im Thüringer Landtag inhaltliche Mehrheiten organisieren wolle, dass er sich für mehr Lehrer einsetzen wolle, für schnelleres Internet, für weniger Bürokratie. Und Kemmerich sagte: „Es gibt Schnittmengen zwischen allen Parteien außer der AfD.“

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          An diesem Mittwoch war es nun ausgerechnet die AfD, die wohl maßgeblich dazu beitrug, dass Kemmerich überraschend zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt wurde. Im Landtag verpasste der bisherige Amtsinhaber Bodo Ramelow von der Linkspartei in den ersten beiden Wahlgängen die absolute Mehrheit. Und weil die AfD im dritten Wahlgang, bei dem die einfache Mehrheit genügt, ihrem eigenen Kandidaten, dem parteilosen Christoph Kindervater, die Stimmen verweigerte und stattdessen mutmaßlich geschlossen für Kemmerich votierte, wurde der Liberale kurze Zeit später als neuer Ministerpräsident vereidigt. Sein versteinertes Gesicht, als er die Glückwünsche seiner Mitbewerber entgegennahm, sprach Bände. Kemmerich war im dritten Wahlgang auf 45 Stimmen gekommen, Ramelow nur auf 44.

          Bei der Oberbürgermeisterwahl wurde er Letzter

          Im Oktober hat Kemmerich die FDP schon einmal ganz knapp ins Ziel geführt. Bei der Landtagswahl erhielt die Partei landesweit 73 Stimmen mehr als sie brauchte, um die Fünfprozenthürde zu schaffen. Es gelang Kemmerich damit, die Partei wieder in den Thüringer Landtag zu führen, nachdem sie bei der Wahl zuvor aus dem Parlament geflogen war.

          Thomas Kemmerich ist 54 Jahre alt und stammt aus Aachen. In Bonn studierte er Rechtswissenschaften und absolvierte parallel eine Lehre im Groß- und Einzelhandel. Am Tag, als die Mauer fiel, ging er über den Grenzübergang Herleshausen bei Eisenach nach Thüringen. Kemmerich zog nach Weimar und baute dort aus den Resten einer ehemaligen DDR-Produktionsgenossenschaft eine Friseurkette auf. Als das Unternehmen „Friseur Masson“ 1994 an die Börse ging, hatte es bereits 23 Filialen mit 280 Mitarbeitern. Vor knapp zehn Jahren waren es 58 Filialen und 420 Beschäftigte, der Umsatz lag damals bei sieben Millionen Euro im Jahr. 

          Dass Kemmerich selbst keine Haare mehr auf dem Kopf hat, hat er im Landtagswahlkampf mit Humor thematisiert. Er warb in Abgrenzung zur AfD mit dem Satz: „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat.“ Kemmerich gilt als auffälliger Typ, er trägt gerne Cowboystiefel zum Anzug, was ihm unter seinen Anhängern den Spitznamen „Cowboy“ eingetragen hat.

          Seine politische Karriere begann der neue Ministerpräsident in der FDP-nahen Vereinigung Liberaler Mittelstand, zu deren Bundesvorsitzendem er 2011 gewählt wurde. 2007 wurde er Kreisvorsitzender seiner Partei in der Landeshauptstadt Erfurt, später führte er die Fraktion im Erfurter Stadtrat. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Erfurt 2012 trat er als FDP-Kandidat an, erhielt aber nur 2,6 Prozent der Stimmen und kam auf den letzten Platz aller sieben Bewerber.

          Nach der Landtagswahl von 2009 wurde Kemmerich wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion, nach der Wiederwahl in den Landtag im vergangenen Jahr stieg er zum Fraktionsvorsitzenden auf. Im November 2015 wurde Kemmerich bei einem Sonderparteitag in Stadtroda mit 59 Prozent der Stimmen zum Landesvorsitzenden der FDP gewählt, er folgte auf die zuvor zurückgetretene Franka Hitzing. Er zog 2017 in den Bundestag ein, wurde Landesvorsitzender und schließlich in Weimar zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl bestimmt. Nach dem geglückten Einzug in den Landtag gab Kemmerich sein Bundestagsmandat auf. Doch auch damals dürfte er keinen Gedanken daran verschwendet haben, dass er Monate später an die Spitze der Regierung in Erfurt gelangen könnte.

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