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Thorsten Schäfer-Gümbel : Der Himmelfahrts-Kommandeur

  • -Aktualisiert am

An Statur gewonnen: der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel auf einem Parteitag der hessischen SPD im März in Hanau Bild: dpa

Als Thorsten Schäfer-Gümbel den Vorsitz der hessischen SPD übernahm, galt er als uninteressanter Hinterbänkler. Vier Jahre später richtet die Partei den Wahlkampf ganz auf seine Person aus - und hofft auf den Machtwechsel.

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          Es ist ein politisches Unterhaltungsstück in zwei Akten, das der Kandidat als Hauptdarsteller nun zum dritten Mal in dieser Wahlkampfsaison aufführt. Auf der Bühne im Theatersaal des Bürgerhauses „Sonne“ in der südhessischen Gemeinde Alsbach-Hähnlein ist eine Mischung aus Arbeits- und Wohnzimmer aufgebaut. Auf einem Teppichbelag aus rotem Filz steht ein Tisch mit heller Holzplatte und einer Schale voller Früchte, dazu zwei Freischwinger im Bauhausstil. An zu einem Rechteck drapierten Stellwänden dahinter hängen ein Hochglanzfoto der glitzernden nächtlichen Skyline von Schanghai und die Reproduktion eines Gemäldes von Gerhard Richter. In der Ecke hinter dem Tisch steht ein schwarzes Bücherregal, das neben der „Kleinen Geschichte der SPD“ auch gehobene Spannungsliteratur von Ken Follett, Frederick Forsythe, John Grisham und Henning Mankell enthält. Bücher, die der Kandidat zur Entspannung liest, wenn die politischen Tagesschlachten im Landtag in Wiesbaden geschlagen und endlose Gremiensitzungen ausgesessen sind.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Die Aufführung, die trotz eines lauen Frühsommerabends gut 100 Zuschauer anlockt, trägt den Titel „Tischgespräch. Ein Abend mit Thorsten Schäfer-Gümbel“. Was dann, politisch leicht verdaulich in zweimal 45 Minuten - unterbrochen wie im Theater durch eine Pause bei Wein und Häppchen -, geboten wird, ist eine Mischung aus Talkshow und eher sanfter Wähleransprache des hessischen SPD-Spitzenkandidaten. Begrüßt wird „TSG“ unter Applaus als „nächster hessischer Ministerpräsident“ vom Bürgermeister, den hier die Grünen stellen. Mit einem Headset am Kopf statt eines altmodischen Mikrofons in der Hand betritt der entspannt lächelnde SPD-Mann die Bühne. Gekleidet schon wie ein Regierungschef - im dunklen Anzug, hellblauen Hemd und mit dunkelroter Krawatte. Als freundlich fragende Gesprächspartnerin hat sein Wahlkampfteam für diese Station der Tournee eine fernseherfahrene Moderatorin aus Frankfurt engagiert.

          Persönliche Details, die sympathisch machen

          Im ersten Teil des Abends, so kündigt die Dame mit charmantem Lächeln an, werde es persönlich: „Ich hoffe, Sie finden etwas heraus, was Sie noch nicht über ihn wussten.“ Es sind dann tatsächlich recht persönliche Details seiner Biographie, die der 43 Jahre alte Schäfer-Gümbel erzählt und die ihn als Politiker sympathisch wirken lassen. Wie die Geschichte über die Liebe fast auf den ersten Blick zu seiner Frau Annette, der Mutter seiner drei Kinder, die er nur dank Bismarck kennengelernt habe - in einem Hauptseminar im Fach Geschichte über den ersten Reichskanzler Mitte der neunziger Jahre an der Universität Gießen. „Ich habe ihr sehr schnell einen Heiratsantrag gemacht. Nach drei Wochen. Ich bin jemand, der die Dinge schnell in die Hand nimmt.“ Gemurmel im Publikum lösen auch Schäfer-Gümbels Erinnerungen an den durchaus autoritären Erziehungsstil seiner Eltern mit festen Regeln gegenüber ihm und seinen drei Geschwistern aus: „Bei uns gab es eine klare Entscheidungsstruktur. Wenn mein Vater gesagt hat, rechtsherum, ging es rechtsherum. Wir haben auf unsere Eltern gehört.“

          Am Anfang belächelt, jetzt ernst genommen: Thorsten Schäfer-Gümbel
          Am Anfang belächelt, jetzt ernst genommen: Thorsten Schäfer-Gümbel : Bild: Röth, Frank

          Politisch leidenschaftlich gestritten wurde hingegen am Küchentisch der Familie Schäfer, die zu sechst in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Gießener Nordstadt wohnte, nicht das beste Viertel der mittelhessischen Universitätsstadt. Der Vater war erst Zeitsoldat in Bayern, dann Lastwagenfahrer. Die Mutter besserte das Familieneinkommen als Putzfrau auf. Als der Vater schwer erkrankt, müssen sich der damals zwölf Jahre alte Thorsten und seine ältere Schwester um die jüngeren Geschwister kümmern. „Wir haben uns dann um alles gekümmert. Hausarbeit, einkaufen, Küche aufräumen und Hausaufgaben machen. Das hat ganz gut funktioniert.“

          Ohne Warnung auf der großen Bühne

          Es sind Anekdoten und Lebenserfahrungen, die der SPD-Fraktions- und Landesvorsitzende vor viereinhalb Jahren wohl kaum derart selbstsicher und locker öffentlich zum Besten gegeben hätte. Damals am Ende des Jahres der „hessischen Verhältnisse“ wurde der Hinterbänkler aus Gießen ohne Vorwarnung auf die große politische Bühne geschubst. Nach dem gescheiterten Versuch der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, mit Hilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin zu werden, fiel ihrem Schützling Schäfer-Gümbel über Nacht das Himmelfahrtskommando zu, die Partei im Januar 2009 in eine aussichtslose Neuwahl zu führen.

          Am Ohr gekrault: Schäfer-Gümbel und der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann am 25. März 2013, als dieser die Stichwahl für sich entschied
          Am Ohr gekrault: Schäfer-Gümbel und der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann am 25. März 2013, als dieser die Stichwahl für sich entschied : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Verspottet mit boshaften Internetvideos und auch von seriösen Medien als linkischer Ypsilanti-Gehilfe mit komischem Doppelnamen und merkwürdiger Brille karikiert, fuhr Schäfer-Gümbel mit 23,7 Prozent das bis dahin schlechteste Ergebnis der hessischen SPD ein. Doch der Politikwissenschaftler schaffte nach dieser historischen Niederlage, was ihm nur wenige auch in der SPD zugetraut haben. Ihm gelang es in fast therapeutischen Sitzungen und Gesprächen, die in Intrigen und Flügelkämpfen zerschlissene Partei zu befrieden.

          Generöser Herausforderer

          Mit gewonnenen Oberbürgermeisterwahlen in den CDU-Hochburgen Frankfurt und Wiesbaden und SPD-Umfragewerten von 33 Prozent im Rücken, erlebt das Publikum in Alsbach-Hähnlein und anderswo nun einen Herausforderer, der sich sogar den Luxus erlaubt, den politischen Gegner zu schonen und generös in Schutz zu nehmen. Ein Praktikant in seinem Büro, erzählt Schäfer-Gümbel, habe heute von ihm wissen wollen, was an der SPD „toller“ sei als an anderen Parteien. „Da habe ich geantwortet: Falsch. Die anderen sind nicht schlechter, die haben nur andere Auffassungen, die ich für falsch halte.“

          Und der einst stramm links in der SPD gestartete Schäfer-Gümbel nennt gleich zweimal den legendären hessischen SPD-Ministerpräsidenten Georg-August Zinn als Vorbild und zitiert ihn: „Demokratie ist nicht eine Staatsform, sondern eine Lebenshaltung. Dazu gehört der Respekt vor der anderen Meinung.“ Entgegen landläufiger Meinung müsse ein Politiker „nicht über Leichen gehen und auch nicht auf dem Gegner herumtrampeln“.

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