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Thomas de Maizière im Gespräch : „Giert nicht nach Anerkennung!“

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Nur mit Dienen, nur mit Appellen an den Patriotismus geht es nicht. Dann bekommen Sie keine guten Leute. Nur mit Verdienen geht es aber auch nicht. Sicher gibt es in der Bundeswehr wie in der ganzen Gesellschaft ein starkes Augenmerk darauf, was einem unmittelbar guttut. Es gibt ja eine nicht endende Diskussion darüber, wer welche Zulagen bekommt. Und natürlich können die Arbeits- und Unterkunftsbedingungen in Mali oder in Sudan nicht die gleichen sein wie in einer gut ausgebauten Kaserne in Deutschland - auch das muss ich Soldaten manchmal sagen. Es gibt da in der Tat manchmal eine zu anspruchsvolle Grundhaltung. Aber entscheidend ist: Wenn es ernst wird, verhalten sich alle hochprofessionell, nüchtern, nicht kriegslüstern.

Die Einsatzwirklichkeit von 80 bis 90 Prozent der Bundeswehrsoldaten ist ja selbst in Afghanistan von einem Krieg weit entfernt.

Das ist so. Einsätze sind sehr unterschiedlich. Das Bekämpfen von Piraten am Horn von Afrika geschieht zwar weit weg von zu Hause, ist in der Regel aber nicht übermäßig gefährlich. Das Beschützen eines orthodoxen Klosters im Kosovo vor Übergriffen von Muslimen ist im Alltag langweilige Routine, aber trotzdem notwendig. Das tägliche Beraten eines afghanischen Brigadekommandeurs in seinem Standort ist intellektuell herausfordernd, aber wahrscheinlich ziemlich gefährlich. Sogar innerhalb des Afghanistan-Einsatzes gibt es sehr unterschiedliche Aufgaben.

Wie sehr prägt Langeweile den militärischen Alltag?

Natürlich sollte es die im Dienst nicht geben. Aber zum Soldatenberuf gehört zum Beispiel die Abschreckung durch Präsenz. Patrouillenfahrten, Wacheschieben. Das ist häufig mit Routine verbunden. Da kann Langeweile aufkommen. Das ist dann Teil der Arbeit.

Langeweile gibt es in anderen Jobs auch.

Ja. Als ich überlegte, welchen Beruf ich ergreifen will, hat mein Vater mir gesagt: Achtzig Prozent jedes Berufes seien durch Langeweile geprägt. Ich solle mir meinen Beruf also nach den verbleibenden zwanzig Prozent aussuchen.

Sie sagen, es gebe Wertschätzung für das, was die Bundeswehr tut. Woran liegt es denn, dass die Soldaten das nicht erkennen?

Genau kann ich Ihnen das auch nicht sagen. Vielleicht liegt es daran, dass sie auch unangenehme Dinge tun müssen, wie Menschen bedrohen, verletzen oder gar töten, und denken, dass sie deswegen nicht gemocht werden.

Das Gieren nach Anerkennung könnte ja damit zusammenhängen, dass die Bundeswehr sich abgekoppelt fühlt von der Gesellschaft. Manche sagen, die Abschaffung der Wehrpflicht habe das noch verstärkt.

Das habe ich auch lange so gesehen. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Im Kalten Krieg hieß Wehrdienst: erst eine harte Grundausbildung und dann meist monatelanger Gammeldienst. Das hat doch nicht die Verankerung der Streitkräfte in der Gesellschaft verstärkt. Die Wahrnehmung der Bundeswehr hat nichts damit zu tun, ob es die Wehrpflicht noch gibt oder nicht, sondern vielmehr mit den Einsätzen und was über sie berichtet wird.

Ist die Bundeswehr in die Gesellschaft integriert?

Ja, und zwar schon längst. Die Bundeswehr muss ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft erhalten, aber man muss sie dort nicht mehr hinführen.

Sie klagen auch über die unklare Sprache der Soldaten.

Wir leben in einer zutiefst pazifistischen Gesellschaft mit einer Grundskepsis gegenüber allem Militärischen. Ist ja auch verständlich angesichts unserer Vergangenheit. Daraus ist die Versuchung entstanden, militärische Dinge zwar zu tun, aber sie nicht so zu beschreiben, wie sie sind. Da werden ,Wirkmittel eingebracht’, wo es darum geht, dass mit Waffen geschossen und getroffen wird. Ich füge aber hinzu: Wir sollten umgekehrt auch nicht in eine übertriebene Kriegssprache verfallen.

Und niemand spricht die Wahrheit deutlich aus?

Doch. Der Erste, der offen gesagt hat, dass Sterben und Töten zum Einsatz dazugehören, war übrigens kein Soldat, kein Verteidigungsminister. Es war der katholische Militärbischof.

Das Gespräch führten Eckart Lohse und Markus Wehner.

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