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Frankfurter Jesuiten-Rektor : Theologen solidarisieren sich mit Wucherpfennig

Ansgar Wucherpfennig, Rektor der der Philosophisch-Theologischen Hochschule Frankfurt-St. Georgen Bild: dpa

Repräsentanten der katholischen Theologieprofessoren fordern eine vorbehaltlose Rehabilitierung des kritischen Frankfurter Jesuiten-Rektors Ansgar Wucherpfennig. Sie hoffen auf Dialog statt Disziplinarmaßnahmen seitens des Vatikans.

          Das Ausbleiben einer neuerlichen vatikanischen Unbedenklichkeitserklärung („nihil obstat“) für den Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Frankfurt-St. Georgen, Ansgar Wucherpfennig SJ, ist unter den Repräsentanten der katholischen Theologieprofessorinnen und -professoren in Deutschland auf einhellige Kritik gestoßen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Die Aktion der vatikanischen Kongregationen für Bildung und für Glaubenslehre sei ein „in Form und Inhalt nicht zu rechtfertigender Angriff auf einen verdienten Theologen, Seelsorger und Ordensmann“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme des Katholisch-Theologischen Fakultätentags, der Arbeitsgemeinschaften für Katholische Theologie, der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie und des Forums katholischer Theologinnen.

          Kritik an Tabuisierung drängender Themen

          Zugleich zeige sich in der Verweigerung des nihil obstat ein „Grundproblem kirchlicher Kommunikation“. Abermals werde versucht, ein theologisch und seelsorgerlich drängendes Thema disziplinarisch zu erledigen und zu tabuisieren, „anstatt dessen dringend nötige Klärung in einem offenen theologischen Prozess zu fördern“. Die Verweigerung des Dialoges, so heißt es weiter, sei ein Zeichen jenes Missbrauchs von Macht, wie er in der jüngst veröffentlichten Untersuchung zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland selbst von Bischöfen kritisiert werde.

          Wucherpfennig, der im Frühjahr zum zweiten Mal als Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Ordens in Frankfurt wiedergewählt worden war, hatte sich 2016 in einer Lokalzeitung gegen den Ausschluss von Frauen von kirchlichen Weiheämtern ausgesprochen und über Homosexualität nicht rundheraus ablehnend geäußert. Das Zeitungsgespräch wurde anschließend von interessierter Seite den Zensurinstanzen in Rom zur Kenntnis gebracht. Diese verweigerten daraufhin die Bestätigung der Wiederwahl und dringen auf einen Widerruf.

          Die Theologen sehen darin „einen schweren Angriff auf die Freiheit und Unabhängigkeit theologischer Forschung und akademischer Selbstverwaltung“. Mit schriftlichen Ermahnungen und der Androhung von Disziplinarmaßnahmen werde nicht nur die Fortschreibung von Lehre und Praxis verhindert. Zugleich werde es unmöglich, „die gravierenden innerkirchlichen Missstände, die im aktuellen Missbrauchsskandal offenbar geworden sind, aufzuklären, in ihrer Tragweite und ihren Ursachen zu erforschen“. Wenn Theologinnen und Theologen mit Verurteilungen bedroht würden, die zu Fragen von Sexualität, Macht und Geschlechtergerechtigkeit forschten, verschärfe dies den aktuellen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust in kirchliche Amts- und Machtstrukturen.

          Appelle auch an Papst und Kardinal Marx

          Für ihren Protest nehmen die Professorinnen und Professoren auch Papst Franziskus beim Wort. Dieser habe von der Theologie verlangt, ein „kulturelles Laboratorium“ zu sein, das an die Grenze und darüber hinausgehen solle, um in Fortschreibung einer lebendigen Tradition aus dem Glauben heraus für neue Herausforderungen neue Antworten zu suchen. Stattdessen würden Theologinnen und Theologen, die dies „in wissenschaftlicher Redlichkeit und in Loyalität zur Kirche“ täten, inkriminiert und – im Fall einer Abweichung von traditionellen Lehren – diskussionslos sanktioniert.

          Eine vorbehaltlose Rehabilitierung des Jesuiten und eine Erteilung des Nihil obstat für das Amt des Rektors erscheint den Repräsentanten der katholischen Theologieprofessoren unausweichlich. In diesem Anliegen unterstützen sie den Provinzoberen der Frankfurter Jesuiten sowie den Limburger Bischof Georg Bätzing als den zuständigen Ortsbischof.

          An den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx gewandt heißt es, er möge die Schritte der Ordensleitung unterstützen und gegenüber den Verantwortlichen im Vatikan deutlich zu machen, „welchen Schaden dieser Fall für die Kirche in Deutschland gerade in der aktuellen Situation bedeutet“.

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